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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Lieder und ihre Schicksale

»Bücher haben ihre eige­nen Schick­sa­le«, sag­ten die alten Römer. Das­sel­be könn­te man über Lie­der sagen. Aus aktu­el­lem Anlass will ich eini­ge Bei­spie­le geben, die den Krieg betref­fen. Das erste Lied stammt von Adal­bert von Cha­mis­so, und kein Gerin­ge­rer als Robert Schu­mann hat den Text kon­ge­ni­al ver­tont. Das Gedicht hat den schlich­ten Titel »Der Soldat«.

 
Es geht bei gedämpf­ter Trom­mel Klang,
Wie weit noch die Stät­te, der Weg wie lang.
O wär er zur Ruh und alles vorbei,
Ich glaub´, es bricht mir das Herz entzwei.
Ich hab´ in der Welt nur ihn geliebt,
Nur ihn, dem jetzt man den Tod doch gibt!
Bei klin­gen­dem Spie­le wird paradiert,
Dazu bin auch ich kommandiert.
Nun schaut er auf zum letz­ten Mal
In Got­tes Son­ne freu­di­gen Strahl;
Nun bin­den sie ihm die Augen zu,
Dir schen­ke Gott die ewi­ge Ruh!
Es haben die Neun wohl angelegt;
Acht Kugeln haben vorbeigefegt.
Sie zit­tern alle vor Jam­mer und Schmerz.
Ich aber, ich traf ihn mit­ten in das Herz.
 

Die volks­tüm­lich gewor­de­ne Melo­die von Fried­rich Sil­cher habe ich als Kind schon gehört, und natür­lich den Text dazu, aber des­sen wirk­li­che Aus­sa­ge wur­de mir erst Jahr­zehn­te spä­ter klar. Cha­mis­so hat einen Text von Hans Chri­sti­an Ander­sen ins Deut­sche gebracht, was ich nicht ver­schwei­gen will, weil es wie­der ein­mal den Ein­fluss des däni­schen Dich­ters auf die deut­sche See­le belegt. Was mich wun­dert und schockiert, ist, dass sich die­ses Lied auch in einer »Samm­lung der belieb­te­sten Vater­lands-, Volks- und Stu­den­ten­lie­der« fin­det (im »Frei­bur­ger Lie­der­al­bum« von 1907; es gibt sicher­lich Dut­zen­de Samm­lun­gen die­ser Art), die vor­nehm­lich feucht-fröh­li­ches und »patrio­ti­sches« Lied­gut im schlech­te­sten Sin­ne umfasst. Ist es mög­lich, dass man die­ses Lied ein­fach so run­ter­ge­sun­gen hat, wie alles ande­re, ohne sich über sei­nen Inhalt wirk­lich Gedan­ken zu machen? Offen­bar! Es muss­te sich also ein­rei­hen in sen­ti­men­ta­le Lie­der wie »Gold­ne Abendsonne/​ wie bist du so schön« oder auch »Ich hatt’ einen Kame­ra­den«. Der Kame­rad wird dem Sol­da­ten von einer feind­li­chen Kugel weg­ge­schos­sen, er gerät allen­falls in den Kon­flikt, dass er sich nicht mehr um den Toten oder Ver­letz­ten küm­mern kann, »die­weil ich eben lad«.

Cha­mis­sos Gedicht hin­ge­gen ist eine tod­trau­ri­ge Ankla­ge gegen die Regeln des Mili­tärs: Ein Sol­dat ist deser­tiert, und er wird von sei­nen eige­nen Kame­ra­den auf Befehl erschos­sen. Aller­dings wird der Grund für die­se Stra­fe nicht aus­drück­lich genannt. Das ist ein Ele­ment der Ver­schleie­rung, das spä­ter viel­leicht zum Anlass wur­de, nicht mehr genau danach zu fra­gen, was eigent­lich pas­siert war. Wonach auch nicht wirk­lich gefragt wur­de, das ist die Aus­sa­ge: »Ich hab in der Welt nur ihn geliebt«. Es ist klar, dass Robert Schu­mann, des­sen ins Ero­ti­sche spie­len­de Nei­gung zu Män­nern bekannt ist, die­ses Lied mit beson­de­rer Empha­se ver­tont hat: »Ich aber, ich traf ihn mit­ten ins Herz«. Schockie­rend ist auch, dass der Befehl zur Exe­ku­ti­on wider­stands­los hin­ge­nom­men wird. Dabei gibt es Bewei­se dafür, selbst aus der NS-Zeit, dass Sol­da­ten, die sich an einer Exe­ku­ti­on nicht betei­li­gen woll­ten, kei­ne schwer­wie­gen­den Kon­se­quen­zen zu fürch­ten hat­ten. Aber Ander­sen und Cha­mis­so kann­ten eben die Mecha­nis­men von Befehl und Gehor­sam sehr gut.

Es gibt (in der­sel­ben Samm­lung von Stu­den­ten­lie­dern) noch ein ande­res, eben­so popu­lär gewor­de­nes Lied über Deser­ti­on, das han­delt von einem Schwei­zer Bur­schen, den die Sehn­sucht nach der Hei­mat von der Trup­pe weg­ge­trie­ben hat (»Zu Straß­burg auf der Schanz«, aus der Samm­lung »Des Kna­ben Wun­der­horn« von Brentano/​Armin, ver­tont von Fried­rich Sil­cher). Also eine völ­lig unpo­li­ti­sche Moti­va­ti­on, die immer­hin gegen die Behaup­tung der Herr­schen­den steht, nur Feig­lin­ge oder Ver­rä­ter wür­den deser­tie­ren. Es ist in der Ich-Form geschrieben:

 
Zu Straß­burg auf der Schanz, da ging mein Trau­ern an; das Alp­horn hört’ ich drü­ben wohl anstim­men, ins Vater­land musst ich hin­über­schwim­men, das ging nicht an.
Ein’ Stund wohl in der Nacht sie haben mich gebracht; sie führ­ten mich gleich vor des Haupt­manns Haus, ach Gott, sie fisch­ten mich im Stro­me auf, mit mir ist’s aus!
Früh­mor­gens um zehn Uhr stellt man mich vor das Regi­ment; ich soll da bit­ten um Par­don, und ich bekomm gewiss doch mei­nen Lohn, das weiß ich schon.
(…)
Ihr Brü­der alle drei, was ich euch bitt’, erschießt mich gleich; ver­schont mein jun­ges Leben nicht, schießt zu, dass das rote Blut raus­spritzt, das bitt ich euch.
 

Hier sind die Aus­sa­gen sehr deut­lich, und man fragt sich eben­so wie bei Cha­mis­sos Lied, wie es zuging, dass sol­che Lie­der bei Festen und Sau­fe­rei­en gesun­gen wer­den konn­ten. Ein jam­mer­vol­les Bei­spiel für den Umstand, dass kein Lied, und sei es auch noch so kri­tisch, davor gefeit ist, ins Tri­via­le, ja ins Reak­tio­nä­re abzurutschen.

Und wer hät­te gedacht, dass Heint­jes Lied »Mama!« von 1967 einen mili­tä­ri­schen Hin­ter­grund hat? Es fin­det sich schon in der Samm­lung »Musik für dich. Die neue­sten Film-, Ope­ret­ten- und Tanz­lie­der« von 1941 unter der Über­schrift »Mut­ter!« als »Lied und Sere­na­de aus dem Benia­mi­no-Gig­li-Film der Ita­la«. Die deut­sche Fas­sung stammt von Bru­no Balz, dem begna­de­ten Tex­ter, der auch Zarah Lean­ders Durch­hal­te­lie­der geschrie­ben hat. »Mut­ter, du sollst doch nicht um dei­nen Jun­gen wei­nen!« – es ist ein jun­ger Sol­dat, der das sagt. Der Sän­ger Benia­mi­no Gig­li (1890-1957) galt als wür­di­ger Nach­fol­ger von Enri­co Caru­so und hat­te sei­ne gro­ße Zeit zwi­schen den Welt­krie­gen. Im Film tritt er zwar nicht als Sol­dat auf, son­dern als ein Sän­ger, der sei­nen ita­lie­ni­schen Lands­leu­ten in der 3. Klas­se eines Schif­fes Mut machen will. Aber die Bot­schaft ist trotz­dem unüber­hör­bar, beson­ders in der Zeit, da der Film gedreht wurde.

Auch Lucia­no Pava­rot­ti hat die­ses Lied 1991 gesun­gen, und bei ihm dach­te garan­tiert nie­mand an einen klei­nen Jun­gen wie bei Heint­je. Die­se Infor­ma­tio­nen über das Lied sind heu­te leicht im Inter­net zu fin­den, aber in all den Jahr­zehn­ten, in denen das Lied in Deutsch­land popu­lär war, hat nie­mand dar­auf auf­merk­sam gemacht. Immer­hin wur­den Heint­je und sein Lied zu Iko­nen der Schwu­len­be­we­gung, und das ist ja auch nicht schlecht.