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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Wer ist autoritär?

Was ist nur los, frag­ten sich vie­le seit Anfang 2020. Wir lei­den nicht an Coro­na, son­dern am Spalt­pilz. Mit Erstau­nen muss­ten sie fest­stel­len, dass mit der Coro­na-Pan­de­mie auch Libe­ra­le und Lin­ke sich plötz­lich in ver­schie­de­nen Lagern befan­den. Unsäg­lich wur­de zwi­schen Freun­den und in den Fami­li­en gestrit­ten. Alle fan­den sich »kri­tisch«, aber die einen folg­ten den Regie­run­gen, deren Maß­nah­men sie berech­tigt fan­den, die ande­ren fühl­ten sich zu den soge­nann­ten Quer­den­kern hin­ge­zo­gen. Und kaum ist die eine Kri­se vor­bei, sind wir in der näch­sten gelan­det. Waf­fen­lie­fe­run­gen, ja oder nein? Wie­der schau­en sich Libe­ra­le und Lin­ke wie auch Lin­ke und Lin­ke gegen­sei­tig an und ver­ste­hen sich über­haupt nicht mehr.

Umso dan­kens­wer­ter ist es, wenn Sozi­al­wis­sen­schaft­ler wenig­stens die eine der bei­den Kri­sen mit metho­di­schen Mit­teln zu ver­ste­hen suchen. Nütz­lich wäre es zu wis­sen, ob es auch beim Ukrai­ne-The­ma wie­der ähn­li­che Dis­po­si­tio­nen oder Umstän­de sind, die die Men­schen auf die eine oder die ande­re Sei­te der sich erneut bil­den­den Fron­ten trei­ben. Bereits 2020 unter­such­te ein For­schungs­team an der Uni­ver­si­tät Basel die Grup­pe der Quer­den­ker und »Coro­nare­bel­len« in Deutsch­land und in der Schweiz. Neben ande­ren Metho­den kamen eine umfang­rei­che Online-Umfra­ge sowie qua­li­ta­ti­ve Inter­views zum Ein­satz, und das Ergeb­nis war zunächst über­ra­schend. Quer­den­ker, öffent­lich bereits als rechts­ra­di­kal eti­ket­tiert, erwie­sen sich mehr­heit­lich eher als links. Sie gehö­ren vor­wie­gend der bür­ger­li­chen Mit­tel­schicht an und ver­fü­gen über einen über­durch­schnitt­li­chen Bil­dungs­grad. Ein gro­ßer Teil von ihnen wähl­te in Deutsch­land nicht etwa die AfD, son­dern häu­fig die Lin­ke, die SPD und in Baden-Würt­tem­berg vor allem die Grü­nen. Der Lei­ter des Bas­ler For­schungs­teams, Oli­ver Nachtw­ey, hat nun zusam­men mit Caro­lin Amlin­ger eine umfang­rei­che Inter­pre­ta­ti­on die­ser empi­ri­schen Ergeb­nis­se vor­ge­legt, die als Buch erschie­nen ist: »Gekränk­te Frei­heit. Aspek­te des liber­tä­ren Auto­ri­ta­ris­mus« (Suhr­kamp, Ber­lin 2022).

Wer eine neu­tra­le Ana­ly­se des Gesamt­phä­no­mens erwar­tet, sieht sich aller­dings ent­täuscht. Denn die bei­den Autoren ste­hen mit bei­den Bei­nen inner­halb des Geran­gels, das eigent­lich erklärt wer­den soll­te. Wie kennt­nis­reich und klug auch vie­le der umfang­rei­chen Aus­füh­run­gen zu den Wand­lun­gen moder­ner Gesell­schaf­ten sind, sie beru­hen auf einer ver­steck­ten, aber durch­aus deut­li­chen Fest­le­gung: Die Autoren – obgleich Ver­tre­ter der lin­ken Kri­ti­schen Theo­rie – sind sich sicher, dass die Coro­na-Maß­nah­men grund­sätz­lich berech­tigt waren und die quer­den­ke­ri­sche Kri­tik dar­an gänz­lich dane­ben lag. Die Mög­lich­keit, dass man­ches rich­tig war und vie­les falsch oder man­ches falsch und vie­les rich­tig, dass jeden­falls nach wie vor eine gro­ße Unklar­heit dar­über herrscht, wie ange­mes­sen die Coro­na-Poli­tik tat­säch­lich war, kommt bei den Autoren nicht vor. Weiß ich aber, dass sich die unter­such­te Grup­pe auf der fal­schen Sei­te befin­det, ver­ein­facht das zwar die Her­an­ge­hens­wei­se, es führt aber kaum zu über­zeu­gen­den Erkennt­nis­sen. Und die Fra­ge, war­um sich Lin­ke bzw. Links­li­be­ra­le in den Haa­ren lagen, bleibt wei­ter­hin unauf­ge­klärt. Fest­ge­stellt wer­den muss nur noch, wes­halb die ande­ren so defi­zi­tär tick­ten und über­haupt nicht begrif­fen, wor­um es wirk­lich ging.

Wor­um ging es nach Auf­fas­sung der Autoren? Dar­um, sei­ne Frei­heit ange­mes­sen zu nut­zen. Nicht ein­fach zu tun, wozu man gera­de Lust hat­te, son­dern berech­tig­te Ein­schrän­kun­gen soli­da­risch zu akzep­tie­ren. Zuläs­sig ist hier durch­aus ein Anklang an die Ukrai­ne-Kri­se, obwohl die­se im Buch nicht zur Spra­che kommt. Auch jetzt gilt es, nicht sich selbst für den Nabel der Welt zu hal­ten, son­dern gemein­sam Opfer zu brin­gen: Waf­fen­lie­fe­run­gen, Auf­rü­stung, Sank­tio­nen – koste es, was es wol­le, ist es doch für den objek­tiv guten Zweck. Und schon wie­der scheint Wider­stand von der glei­chen Sei­te zu kom­men, die Sei­te, so die Autoren, des »liber­tä­ren Autoritarismus«.

Liber­tä­rer Auto­ri­ta­ris­mus. Quer­den­ker und der­glei­chen Per­so­nen fal­len in die­se Kate­go­rie. Zwar liegt zwi­schen dem Koch Atti­la Hild­mann und dem Psych­ia­ter Hans-Joa­chim Maaz oder dem Medi­zin­pro­fes­sor Andre­as Sön­nich­sen ein erheb­li­cher Niveau­un­ter­schied, doch »liber­tär« sei­en bei­de, inso­fern sie einem radi­ka­li­sier­ten indi­vi­du­el­len Frei­heits­be­griff anhin­gen, und »auto­ri­tär« des­halb, weil für sie allein die indi­vi­dua­li­stisch über­spitz­te Will­kür maß­ge­bend sei. Liber­tär, schön und gut, aber auto­ri­tär? Im Grun­de beschrei­ben Nachtw­ey und Amlin­ger unge­zo­ge­ne Kin­der, die sich par­tout den ver­nünf­ti­gen Anord­nun­gen der Eltern nicht fügen wol­len. Wie kann Fami­li­en­le­ben funk­tio­nie­ren, wenn jeder macht, was er will? Frei­lich ist genau das die Ent­wick­lung in der post­mo­der­nen Gesell­schaft, so ana­ly­sie­ren die Autoren: Jeder macht, was er will, und er glaubt, in kei­ner Wei­se berück­sich­ti­gen zu müs­sen, dass er es nur des­halb kann, weil sich ande­re ver­ant­wort­lich verhalten.

Wer aber ist »auto­ri­tär«? Sind es jene, die jeder Eltern­an­wei­sung kri­tik­los fol­gen, oder Kin­der, die unver­fro­ren ihrer eig­nen Wege gehen? Nachtw­ey und Amlin­ger tip­pen auf Letz­te­res. Doch es gleicht einem gedank­li­chen Sal­to mor­ta­le, wenn sie das psy­cho­lo­gi­sche auto­ri­tä­re Syn­drom ent­ker­nen, indem sie des­sen Haupt­merk­mal, die Unter­wür­fig­keit, durch das Gegen­teil erset­zen, näm­lich die über­trie­be­ne Selb­stän­dig­keit. Aus dem Rad­fah­rer, der nach oben buckelt und nach unten tritt, der faschi­sto­iden Per­sön­lich­keit also, wird so ein Mensch mit auf­rech­tem Gang. Das ist zwei­fel­los ein Miss­griff, ent­hält aber einen ver­steck­ten Hin­weis auf die Autoren selbst.

Frucht­ba­rer ist ande­rer­seits der Ver­such, die Deu­tung psy­chi­scher Dis­po­si­tio­nen von Quer­den­kern mit der Nar­ziss­mus-The­ma­tik zu ver­bin­den. Nar­ziss sieht nur sich selbst. Obwohl er nicht frei sein kann, ohne die­se Frei­heit gesell­schaft­lich ver­bürgt zu bekom­men, fehlt ihm die­se Ein­sicht und daher – des­halb liber­tär – hat er kaum Sinn für Ver­ant­wor­tung und Soli­da­ri­tät. Beruft er sich auf Grund­rech­te, so sieht er sie in krass indi­vi­dua­li­sti­scher Miss­deu­tung. Dar­aus fol­ge ein »destruk­tiv gegen jede sozia­le Beschrän­kung« gerich­te­ter Pro­test. Hier zielt die Ana­ly­se in eine nach­voll­zieh­ba­re Rich­tung. Die neo­li­be­ra­le Umge­stal­tung der Gesell­schaft kann kaum spur­los an den Indi­vi­du­en vor­bei­ge­gan­gen sein. Jeder ist sich selbst der Näch­ste, der sozia­le Zusam­men­halt wird über den Markt bewerk­stel­ligt. Aus­ge­blen­det bleibt dabei, dass indi­vi­du­el­le Frei­heit ohne das Netz gesell­schaft­li­cher Bezü­ge nie­mals exi­stie­ren könn­te. Soli­da­ri­tät ist daher so etwas wie eine Schuld, die der Gesell­schaft gegen­über abge­tra­gen wird, frei­lich fragt es sich, gegen­über wel­cher Gesell­schaft. Und natür­lich kann auch in die­sem Zusam­men­hang Auto­ri­ta­ris­mus eine Rol­le spielen.

Wo aber steckt er? Wohl kaum in den Indi­vi­du­en, die viel­leicht ein wenig »neo­li­be­ral ver­seucht« sein mögen, die aber damit gewiss nicht auto­ri­tär sind. Statt­des­sen könn­te man sich – auch wenn das Umdre­hen des Spie­ßes nicht immer ganz fair ist – die bei­den Autoren näher anschau­en. Ihre ver­steck­te Prä­mis­se der gesam­ten Unter­su­chung lau­tet schlicht: Der Staat war im Recht, Quer­den­ker hat­ten unrecht. Doch woher wis­sen sie, dass die Coro­na-Maß­nah­men weit­ge­hend ange­bracht waren? Irgend­wie schei­nen sie anzu­neh­men, der Kon­sens der Wis­sen­schaft habe zu die­sen Ein­grif­fen geführt. Aber auf wel­chem Kon­sens beruh­ten etwa die hoch­gra­dig fal­schen Annah­men über die Imp­fung? Sie unter­bre­che die Infek­ti­ons­ket­te, daher müss­ten Unge­impf­te drau­ßen blei­ben. Ein­grif­fe in Grund­rech­te auf so schwan­ken­der Basis? Wer dage­gen auf­be­gehr­te, muss­te nicht zwin­gend den ver­kehr­ten Frei­heits­be­griff haben, viel­leicht hat­te er den unbe­dingt rich­ti­gen. Und auto­ri­tär war er schon gar nicht. Ähn­lich sieht es gegen­wär­tig aus: Wer im Krieg zwi­schen den Hege­mo­ni­al­in­ter­es­sen des Westens und denen Russ­lands nicht unbe­dingt einen Kampf zwi­schen Gut und Böse sieht, muss nicht not­wen­dig berech­tig­te Soli­da­ri­tät verweigern.

Was wäre aus lin­ker Sicht wirk­lich inter­es­sant, sofern man nach den Wur­zeln gegen­wär­ti­ger Ver­wer­fun­gen fragt? Wes­halb das Volk nicht so will, wie es soll­te und muss? War­um Liber­tä­re die Seg­nun­gen einer wis­sen­schaft­lich gelenk­ten Poli­tik nicht begrei­fen? Viel inter­es­san­ter wäre zu fra­gen, ob eigent­lich rich­tig ist, zu was man die Men­schen nöti­gen möch­te. War­um gehen Staats­rä­son und Kapi­tal­in­ter­es­se eine neue Sym­bio­se ein? War denn kei­ne Lob­by tätig, als es um Coro­na ging und jetzt um Waf­fen? Könn­te es sein, dass Eli­ten ihre Welt­sicht nicht unbe­dingt an den Wün­schen der Mehr­heit aus­rich­ten? Und die Medi­en? Waren und sind sie die kri­ti­sche Vier­te Gewalt oder eher die Mega­fo­ne der Regie­run­gen? Wer sich als links ver­or­tet oder als klas­sisch libe­ral, stell­te bis­lang sol­che Fra­gen ganz selbst­ver­ständ­lich. Was ist eigent­lich pas­siert, dass neu­er­dings sol­ches Fra­gen als abwe­gig gilt, jeden­falls bei Ver­tre­tern der Kri­ti­schen Theo­rie? Lei­der bie­tet das frag­li­che Buch dar­über über­haupt kei­nen Auf­schluss. Statt­des­sen dürf­te es die Spal­tung vertiefen.