Skip to content
Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu

Grüne Vergangenheit

Im Früh­jahr sind die Kal­ten Krie­ger wie­der ein­mal auf­ge­wacht und betrei­ben eine Hetz­kam­pa­gne. Zur Zeit des Kal­ten Krie­ges waren die Grü­nen ganz auf der Sei­te der Frie­dens­ak­ti­vi­sten, aber inzwi­schen sind sie längst in der Regie­rung und damit auf der ande­ren Sei­te ange­langt. Die­ser Tage ist mir ein Foto aus dem Jahr 1979 in die Hän­de gefal­len, das dar­an erin­nert, wie enga­giert die Grü­nen mit ihrem Grün­dungs­mit­glied Petra Kel­ly in den 70er Jah­ren des vori­gen Jahr­hun­derts agiert und sogar einen Gene­ral für ihre Poli­tik gewon­nen haben.

Im Okto­ber 1992 ging die Nach­richt vom rät­sel­haf­ten Tod der Grü­nen-Poli­ti­ke­rin Petra Kel­ly und ihres Part­ners Gene­ral Gert Basti­an durch die Medi­en. War es ein »erwei­ter­ter Selbst­mord«? Hat Basti­an zuerst sei­ne Lebens­ge­fähr­tin und dann sich selbst erschos­sen? Die Per­so­nen, die ihn gut kann­ten, konn­ten dies kaum glauben.

Von 1979 bis 1981 unter­rich­te­te ich am Deutsch­or­den-Gym­na­si­um in Bad Mer­gen­theim. Als Vor­sit­zen­der der ört­li­chen Juso-AG lud ich, zusam­men mit Chri­stoph Haber­mann (spä­ter unter ande­rem stell­ver­tre­ten­der Chef des Bun­des­prä­si­di­al­am­tes in Ber­lin sowie Staats­se­kre­tär in Sach­sen und in Rhein­land-Pfalz), Künst­ler und Poli­ti­ker zu Ver­an­stal­tun­gen ein. Die Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tun­gen hat­ten alle eine gro­ße Reso­nanz und wur­den den Christ­de­mo­kra­ten ein Dorn im Auge, weil sie sich in ihrer Idyl­le gestört fühl­ten. Dem Kaba­ret­ti­sten Die­ter Hil­de­brandt sperr­ten sie den Saal in der Volks­hoch­schu­le, in dem er mit sei­nem Pro­gramm »Noti­zen aus der Pro­vinz« auf­tre­ten soll­te, mit der Begrün­dung, eine »lin­ke Wühl­maus« sei in ihrer Kur­stadt nicht erwünscht. Die Vor­stel­lung fand dann im Evan­ge­li­schen Gemein­de­haus statt, das der Pfar­rer als Ersatz zur Ver­fü­gung stell­te. Er wur­de bald dar­auf eben­so wie ich »straf­ver­setzt«.

Im März 1979 refe­rier­te Gene­ral Gert Basti­an, Kom­man­deur der 12. Pan­zer­di­vi­si­on. Auf einem Foto sieht man mich, umrahmt von Chri­stoph Haber­mann und Gene­ral Gert Basti­an, der in Uni­form auf­trat. Im Ver­lauf der Dis­kus­si­on stimm­te Basti­an der The­se von Her­bert Weh­ner zu, sei­ner­zeit Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der der SPD im Bun­des­tag, wonach die Rüstung der Sowjet­uni­on nicht offen­siv, son­dern defen­siv aus­ge­rich­tet sei. Dies löste ein bei­spiel­lo­ses Kes­sel­trei­ben, eine Art »Gene­ral­mo­bil­ma­chung« (so der Titel einer 1981 erschie­ne­nen Doku­men­ta­ti­on des Falls) gegen ihn aus. Die CDU/​CSU for­der­te den Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster Hans Apel (SPD) auf, den Gene­ral zu ent­las­sen. Bei der lei­den­schaft­lich geführ­ten Abrü­stungs­de­bat­te waren die kon­ser­va­ti­ven Par­tei­en nicht zim­per­lich, denn wenn man sich gegen die Sta­tio­nie­rung von Pers­hings posi­tio­nier­te, wur­de man zumeist als »nütz­li­cher Idi­ot Mos­kaus« ein­ge­stuft (zum Bei­spiel von dem dama­li­gen »Wehr­ex­per­ten« der FAZ Adel­bert Wein­stein). Apel ent­zog Basti­an sein Kom­man­do und ord­ne­te eine demü­ti­gen­de Ver­set­zung an, die sei­ner Abset­zung gleich­kam. Am Ende bat Basti­an selbst um sei­ne Ver­set­zung in den Ruhe­stand. Denn das Ergeb­nis der vehe­ment geführ­ten »Nach­rü­stungs-Debat­te«, die Sta­tio­nie­rung der Pers­hing II-Rake­ten in Mut­lan­gen und Heil­bronn, lehn­te er ent­schie­den ab. Er unter­zeich­ne­te den »Kre­fel­der Appell« und schloss sich der Frie­dens­be­we­gung an. Dort lern­te er Petra Kel­ly ken­nen und ging mit ihr eine Bezie­hung ein. Im Sep­tem­ber 1985 habe ich die bei­den zum letz­ten Mal getrof­fen. Mit einer halb­stün­di­gen Sitz­blocka­de demon­strier­ten wir zusam­men gegen die Sta­tio­nie­rung der Atom­ra­ke­ten auf der Heil­bron­ner Waldheide.

Gert Basti­an hat immer Zuver­sicht aus­ge­strahlt und den Frie­dens­freun­den Mut gemacht, wes­halb ich ihn mit einem Gedicht gewür­digt habe: »Wann gab es das bei uns schon mal: /​ Ein muti­ger deut­scher Gene­ral, /​ der sich für Frie­den enga­giert /​ und gegen Rüstung pro­te­stiert? /​ Gert Basti­an hat dies vor­ge­lebt /​ mit klu­gem Sach­ver­stand /​ und hat ein neu­es Bild geprägt /​ vom Mili­tär im deut­schen Land.«

Ob sich die Grü­nen dar­an heu­te noch erinnern?