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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Haben wir uns verstanden?

Wenn in Rom ein Papst gewählt ist, stei­gen wei­ße Wölk­chen in den Him­mel. Bevor die Autorin Bir­git Van­der­be­ke ihren neu­en Buch­ti­tel kürt, drin­gen unter einer iri­schen Zim­mer­tür leich­te Rauch­schwa­den her­vor, das ist ein­sich­tig, denn im Raum dahin­ter sitzt Hein­rich Böll, undenk­bar ohne eine Ziga­ret­te im Anschlag. Zwar ist der gute Mensch von Köln und dem deut­schen Land rings­um lei­der schon seit eini­gen Jah­ren ver­stor­ben, doch sol­che klei­nen Wun­der voll­bringt er wei­ter­hin. Da ist auf ihn Ver­lass, anders beim aktu­el­len Papst Fran­zis­kus. Der schmei­chel­te sich am Anfang ein als Ver­bün­de­ter weib­li­cher Men­schen in ihren Nöten, bis er abso­lut ver­sag­te, in den gewohn­ten Ver­flu­chungs-Kle­ri­ker­ton ver­fiel und Frau­en, die nur mehr einen Schwan­ger­schafts­ab­bruch als Aus­weg sahen, »Auf­trags­mör­de­rin­nen« nann­te. Bra­vo, Hei­li­ger Vater!

Um Miss­ver­ständ­nis­se aus­zu­schlie­ßen, ich plä­die­re nicht für Abtrei­bun­gen, son­dern für Gebur­ten­re­ge­lung. Fran­zis­kus und die Frau­en aber wer­den kei­ne Freun­de, die Rol­le weib­li­cher Mit­ar­beit in der Gemein­de ist dem Kir­chen­für­sten nach wie vor schnurzpiepe.

Für Hein­rich Böll gab es kei­ner­lei Dis­kri­mi­nie­run­gen. Er stell­te oft und gern sein iri­sches Feri­en­haus für die Erho­lung von Pro­sai­sten und Poe­ten bei­der­lei Geschlechts zur Ver­fü­gung, dar­un­ter eben auch Frau Van­der­be­ke und deren Ehe­mann. Vor einem hal­ben Men­schen­le­ben zähl­ten auch Ger­hard, lngrid und Catha­ri­na Zwe­renz zu den Begünstigten.

Mit dem weit­räu­mi­gen Buch­ti­tel, »Alle, die vor uns da waren«, unse­rer Autorin von Böll gespen­det, hat sie ein wei­tes Feld und kann ihre Fan­ta­sie erblü­hen las­sen, schön durch­mischt mit ern­sten und hei­te­ren Rea­li­täts­par­ti­keln. Eine win­zi­ge Kor­rek­tur hät­te ich gern anzu­brin­gen, als gebo­re­ner Lie­gnit­ze­rin ist bei mir kei­ne Spur von Sude­ten­deut­schen zu vermuten.

Man begeg­net in dem auto­bio­gra­fi­schen Roman, dem abschlie­ßen­den Teil einer Tri­lo­gie, durch­weg sym­pa­thi­schen Men­schen, aus­ge­nom­men – und das ist die Crux der Bio­gra­fin – ihrem Vater, den sie 30 Jah­re lang nicht getrof­fen hat­te, so hielt sie sich auch kon­se­quent von sei­nem Begräb­nis fern. Ihm ist die von mir gewähl­te Arti­kel-Über­schrift zuzu­schrei­ben, in dem Satz schwingt mit­nich­ten Für­sor­ge mit, viel­mehr steckt ein dro­hen­der Unter­ton in den vier Wor­ten. Und dabei war die­ser Oskar »ein Kind aus mei­ner Klas­se«, wie Tuchol­sky leicht iro­ni­sie­rend immer mal for­mu­lier­te. Ein hoch­in­tel­li­gen­ter, umgäng­li­cher Jun­ge, weiß der Teu­fel, wo Satan im spä­te­ren Leben sei­ne Kral­len im Spiel hat­te. Die Van­der­be­ke-Toch­ter Bir­git wur­de trotz allem kei­ne Heul­su­se. Die Frau ist auch kei­ne Solip­si­stin, ver­fügt viel­mehr über einen intak­ten sozia­len Sinn, mit­un­ter etwas rup­pig vor­ge­bracht, zum Bei­spiel: »Die Iren haben eine aus­ge­spro­che­ne Bega­bung für Hungersnöte.«

Für das Desa­ster mit ihrem Erzeu­ger fand die Ver­fas­se­rin einen paten­ten Aus­weg: Wie sich man­che Eltern Kin­der adop­tie­ren, adop­tiert sie sich Väter – allen vor­an Fritz Bau­er, den unver­gess­li­chen hes­si­schen Generalstaatsanwalt.

»Ich bin der Mann mit dem Auschwitz­pro­zess«, sag­te er mal zu mir, es war ein von Horst Bin­gel ver­an­stal­te­ter Frank­fur­ter Abend und sehr voll. Bau­er und ich saßen ein wenig bei­sei­te auf einem schma­len Sofa. Das Gespräch ver­ges­se ich lebens­lang nicht, über­dies hab ich’s gleich am näch­sten Mor­gen in die Maschi­ne getippt.

Es gab noch ande­re Her­ren mit Vater­qua­li­tä­ten. Über die berich­te ich viel­leicht dem­nächst, denn ganz gewiss hat Bir­git Van­der­be­ke wei­ter wich­ti­gen Stoff für die eine oder ande­re Edi­ti­on. Viel Erfolg!

Bir­git Van­der­be­ke: »Alle, die vor uns da waren«, auto­bio­gra­fi­scher Roman, Piper Ver­lag, 176 Sei­ten, 20 €