Skip to content

Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Menu

Hans in Wien

»Es war sechs Uhr zwei­und­drei­ßig am 30. Juli 1914, als der sieb­zehn­jäh­ri­ge Bau­ern­knecht Hans Ranft­ler nach kaum halb­stün­di­gem Schlaf von einem Beam­ten der k. u. k. Eisen­bah­nen, der den Besen in der Hand trug, unsanft aus dem Schlaf beför­dert wurde.«

Manch­mal sind es erste Sät­ze, Buch­an­fän­ge wie die­ser, die jenen Zau­ber erzeu­gen, der die wei­te­re Lek­tü­re beflügelt.

Hans war zehn Jah­re alt, als er sei­nen Vater ver­lor, ein Sta­pel nie­der­fal­len­der Tan­nen­stäm­me hat­te die­sen erschla­gen; nach der Toten­mes­se war er von dem Pro­ku­ri­sten der Holz­fir­ma »wie eine wider­spen­sti­ge Ware ver­la­den« und aus dem Städt­chen Imst am Inn auf einen Hof ins Unter­land im Osten Tirols »depor­tiert« wor­den. »Düste­re Gesich­ter an den Heu­wen­dern und Acker­wal­zen starr­ten ihn an, als ihm ohne ein ein­zi­ges Wort – allein durch Gesten und das Zei­gen einer Prit­sche – sein Schick­sal ver­kün­det wor­den war. Er war zehn Jah­re alt gewe­sen und war dem Hof nicht für einen ein­zi­gen Tag ent­kom­men.« Bis zum 30. Juli 1914, als er in Wien ankam.

Das Atten­tat von Sara­je­wo war erst vier Wochen her, die Kriegs­er­klä­rung der Öster­rei­chisch-Unga­ri­schen Mon­ar­chie an Ser­bi­en war gera­de mal zwei Tage alt, und die ersten Gestel­lungs­be­feh­le waren bei den – man darf es so sagen – »geneig­ten Adres­sa­ten« ein­ge­trof­fen. Wien stand Kopf, und in den Stra­ßen brach sich die Kriegs­be­gei­ste­rung der jun­gen Gene­ra­ti­on Bahn.

In die­sen Tau­mel ent­lässt Rapha­e­la Edel­bau­er in ihrem neu­en Roman »Die Inkom­men­sur­a­blen« den arg­lo­sen Hans, so wie Johann Chri­stof­fel Grim­mels­hau­sen 300 Jah­re zuvor sei­nen jugend­li­chen Aben­teu­rer Sim­pli­cis­si­mus in den Wahn des Drei­ßig­jäh­ri­gen Krie­ges geschickt hat. »Bäu­risch Her­kom­men und gleich­för­mi­ge Auf­er­zie­hung«, wie es im ersten Kapi­tel des Sim­pli­cis­si­mus heißt, kenn­zeich­nen bei­de. Aber Hans war auch auf dem Bau­ern­hof von einer »unun­ter­drück­ba­ren Lei­den­schaft ange­trie­ben [wor­den], das, was er in der Schu­le gelernt hat­te, nicht zu ver­lie­ren«. Zur Win­ters­zeit hat­te er aus den Stie­feln die zum Trock­nen hin­ein­ge­stopf­ten Zei­tun­gen her­aus­ge­zo­gen, die­se geglät­tet, gele­sen und spä­ter »beim Dung­um­wäl­zen die neu gelern­ten Wor­te wiederholt«.

Nun ist Hans also nach durch­rei­ster Nacht in Wien auf­ge­wacht, von einem Eisen­bah­ner aus dem Schlaf geris­sen: eine Sze­ne, die sich auch als Initia­ti­on lesen lässt, als Ein­tritt des Bur­schen vom Land in eine neue Umge­bung, eine neue Gemein­schaft, in ein ande­res Leben.

In der unbe­kann­ten Groß­stadt wird dem jun­gen Mann ganz schwin­de­lig von dem Durch­ein­an­der der hin und her hasten­den Men­schen, von der Viel­falt der auf­ge­häng­ten Maga­zi­ne, »die mit ihren Über­schrif­ten auf ihn ein­dran­gen«, von den klin­geln­den Gespan­nen, die »in uner­sätt­li­chem Hun­ger die Men­schen fra­ßen, die durch die Schlün­de des Süd­bahn­hofs aus allen Kron­län­dern erbro­chen wur­den«. Und er schäm­te sich »zwi­schen all die­sen welt­ge­wand­ten Leu­ten mit sei­nen gro­ben Stie­feln, der Lei­nen­ho­se und den brau­nen Hosenträgern«.

Hans ist auf dem Weg zu einer Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin, deren Fach­ge­biet Mas­sen­hy­ste­rie und para­psy­cho­lo­gi­sche Affek­te sind und deren Annon­ce er in einer der Zei­tun­gen ent­deckt hat­te, die er auf dem Bau­ern­hof in den Stie­feln fand. Er trägt ein Geheim­nis mit sich. Sei­ne »Gabe«, derent­we­gen er heim­lich zu die­ser Rei­se auf­brach, offen­bart er der Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin: Vor Jah­ren habe er bemerkt, dass ande­re Men­schen, meist sol­che, die er gar nicht ken­ne, manch­mal sei­ne Gedan­ken aus­spre­chen wür­den. So habe er ein­mal im Bett gele­gen und zu schla­fen ver­sucht, nach 16 Stun­den Feld­ar­beit, doch die Knech­te und Mäg­de hät­ten noch unter lau­tem Geschrei Kar­ten gespielt. Da sei ihm der Gedan­ke gekom­men, dass er ihnen »am lieb­sten (…) ihre Kar­ten in den Hals stecken wür­de, dass sie ersticken mögen«. Und kur­ze Zeit spä­ter habe einer der Spie­ler gesagt: »Am lieb­sten wür­de ich euch eure Kar­ten in den Hals stecken, dass ihr ersticken mögt.« Als Hans noch wei­te­re Bei­spie­le anführt, ist die Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin elek­tri­siert und gibt ihm für den Fol­ge­tag einen ersten Ter­min. Ana­ly­se und The­ra­pie sei­ner Träu­me und Visio­nen kön­nen beginnen.

Kurz nach dem Gespräch mit der Psy­cho­the­ra­peu­tin trifft Hans auf einen musisch begab­ten jun­gen Adli­gen, der auf Betrei­ben des Vaters und gegen sei­nen Wil­len am über­näch­sten Tag zu den Kür­as­sie­ren ein­ge­zo­gen wer­den soll. Zu ihnen gesellt sich eine Stu­den­tin, die als eine der ersten Frau­en an der Uni­ver­si­tät Wien im Fach Mathe­ma­tik pro­mo­vie­ren und mit ihrem Rigo­ro­sum, wie man in Öster­reich das münd­li­che Examen nennt, am näch­sten Tag ihr Stu­di­um been­den will. Sie forscht zu Bewei­sen von Irra­tio­nal­zah­len, den »Inkom­men­sur­a­blen«, und zu beson­de­ren Ver­hält­nis­sen die­ser Zah­len. (Anm. K.N., unter Mit­hil­fe des Mathe­ma­ti­kers in der Fami­lie: Irra­tio­na­le Zah­len kön­nen nicht als Bruch zwei­er gan­zer Zah­len dar­ge­stellt wer­den; bekann­te irra­tio­na­le Zah­len sind die Kreis­zahl Pi, das Tei­lungs­ver­hält­nis des Gol­de­nen Schnitts und die Wur­zel aus 2.)

Gemein­sam ver­brin­gen die jun­gen Leu­te die letz­ten 24 Stun­den zwi­schen Frie­den und Kriegs­be­ginn, dis­ku­tie­rend, phi­lo­so­phie­rend. Gemein­sam erle­ben sie den Wahn­sinn, in den Wien ver­sinkt. Edel­bau­er lässt sie wie im Rausch die öster­rei­chi­sche Metro­po­le und deren Loka­li­tä­ten durch­strei­fen, auch die im Unter­grund. Bekannt­schaf­ten wer­den geschlos­sen und eben­so schnell wie­der ver­ges­sen. Und immer wie­der stößt die Drei­er­grup­pe auf die Kriegs­be­gei­ster­ten, die die Wie­ner Stra­ßen fül­len. Eupho­ri­scher Tau­mel aller­or­ten, denn: »Sie dach­ten, sie kämen im Herbst schon zurück /​ und zogen mit Fah­nen hin­aus. /​ Sie dach­ten, es gäbe für sie einen Sieg, /​ den bräch­ten sie bald schon nach Haus!«

Die Mas­sen glaub­ten, der kom­men­de Krieg könn­te geführt wer­den wie einst zu Zei­ten Prinz Eugens. Doch die­se Hoff­nung wur­de schon bald zu einer Illu­si­on, starb auf den Schlacht­fel­dern. In kür­ze­ster Zeit ent­wickel­te sich der Bal­kan­krieg zu einem Kon­ti­nen­tal­krieg und die­ser zum Ersten Welt­krieg, zu einer neu­en Form von Krieg, der ganz anders wer­den soll­te als alle bis­her geführ­ten. Vier Jah­re, drei Mona­te und mil­lio­nen­fa­ches Ster­ben spä­ter gab es kei­ne Öster­rei­chisch-Unga­ri­sche Mon­ar­chie mehr. Wir Nach­ge­bo­re­nen wis­sen es.

Auch wenn der Titel des Buches auf den ersten Blick etwas sper­rig daher­kom­men mag, so ver­deut­licht die Lek­tü­re schnell den Kunst­griff der Autorin und damit auch ihre Kön­ner­schaft: So irra­tio­nal und nicht nach­voll­zieh­bar wie sich die Inkom­men­sur­a­blen ver­hal­ten, so ver­hal­ten sich auch die Men­schen. Unse­re Drei­er­grup­pe ist eben­falls inkom­men­su­ra­bel – zur Kriegs­trei­ber­stim­mung in wei­ten Tei­len der Wie­ner Gesellschaft.

Rapha­e­la Edel­bau­er lebt in ihrer Geburts­stadt Wien, ist aber in Nie­der­öster­reich auf­ge­wach­sen. Unver­kenn­bar drän­gen daher öster­rei­chi­sche und spe­zi­ell wie­ne­ri­sche Idio­me oder Eigen­tüm­lich­kei­ten in ihren Text, machen ihn hier und da viel­leicht etwas manie­ri­stisch: Aber war­um nicht? Dem Erfolg jeden­falls stand der Stil nicht im Weg. Der Debüt­ro­man »Das flüs­si­ge Land« (2019) fand auf die Short­list des Deut­schen und des Öster­rei­chi­schen Buch­prei­ses, für ihre zwei­ten Roman »DAVE« erhielt Edel­bau­er den Öster­rei­chi­schen Buch­preis 2021. »Die Inkom­men­sur­a­blen« ist ihr bis­her bestes Werk.

 Rapha­e­la Edel­bau­er: Die Inkom­men­sur­a­blen, Klett-Cot­ta 2023, 351 S., 25 €. Die zitier­ten Lied­zei­len stam­men aus dem Pro­test­song »Die Fel­der von Ver­dun«, den uns die Ham­bur­ger Folk­grup­pe »Die City Pre­a­chers« 1966 in die Ohren wurm­te. Bei You­Tube abruf­bar. Und lei­der immer noch aktu­ell. Zu dem Roman »DAVE« sie­he Ossietzky 4/​2022.