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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Nachruf auf Heinrich Peuckmann

Der Schrift­stel­ler Wil­helm Raa­be schrieb einst: »Ein Freund ist jemand, der dei­nen kaput­ten Zaun über­sieht, aber die Blu­men dei­nes Gar­tens bewun­dert.« Hein­rich war so ein Freund. Für mich, für vie­le. Er besaß die sel­te­ne Fähig­keit, mit einem lie­ben­den Blick auf die Men­schen zu schau­en. In die­sem Blick lag die gelas­se­ne Akzep­tanz von Feh­lern oder Schwä­chen. Aber vor allem die herz­li­che Wür­di­gung der lie­bens­wer­ten Sei­ten und der Fähig­kei­ten sei­nes Gegen­übers. Hein­rich war frei von Kon­kur­renz oder klein­li­cher Miss­gunst, von Häme oder Über­heb­lich­keit. Er hat­te ein wei­tes Herz und einen wei­ten Geist. Am 3. März ist der Schrift­stel­ler Hein­rich Peuck­mann im Alter von 73 Jah­ren gestorben.

Als ich Hein­rich ken­nen­lern­te, war ich acht­zehn Jah­re alt, hat­te gera­de das Abitur bestan­den und mit gro­ßem Taten­drang eine Stel­le als freie Mit­ar­bei­te­rin bei der West­fä­li­schen Rund­schau in Kamen ange­tre­ten, der Hei­mat­stadt von Hein­rich im öst­li­chen Ruhr­ge­biet. Nach ein paar Wochen in einem möblier­ten Zim­mer in Kamen zog ich zu einem Freund ins vier Kilo­me­ter ent­fern­te Berg­ka­men, wo Hein­rich am Städ­ti­schen Gym­na­si­um Deutsch, Reli­gi­on und Lite­ra­tur unter­rich­te­te. Dort, in Berg­ka­men, bin ich Hein­rich zum ersten Mal begeg­net: In einer Knei­pe, in die an einem Frei­tag­abend zur »Lite­ra­tur hin­ter der The­ke« ein­ge­la­den wur­de. Die Knei­pe war voll, meist Arbei­ter bei ihrem Fei­er­abend­bier, dazwi­schen drei oder vier Autoren, eben­falls Arbei­ter, die kur­ze Tex­te lasen, außer­dem eine klei­ne Band, die immer wie­der melo­diö­sen Jazz spiel­te. Hein­rich, Mit­glied im »Werk­kreis Lite­ra­tur der Arbeits­welt« hat­te die Berg­ka­me­ner Knei­pen-Lite­ra­tur-Rei­he gemein­sam mit Berg­ka­mens Kul­tur­de­zer­nent Die­ter Tre­eck ent­wickelt. Der »Werk­krei­ses Lite­ra­tur der Arbeits­welt«. war damals, neben der Schu­le, Hein­richs ande­re wich­ti­ge Wir­kungs­stät­te. Er woll­te nicht nur sei­nen Schü­lern die Rol­le der Lite­ra­tur für ein tie­fes Welt­ver­ständ­nis, für – wie Hein­rich es nann­te – die »See­len­bil­dung« nahe­brin­gen, er woll­te auch den­je­ni­gen ohne höhe­re Schul­bil­dung die Kraft der Lite­ra­tur ver­mit­teln. In den ver­schie­de­nen loka­len Werk­stät­ten des Werk­krei­ses soll­ten Arbei­ter ermu­tigt wer­den, ihre Erfah­run­gen in der Arbeits­welt aus­zu­drücken und auf­zu­schrei­ben. Ich war von nun an häu­fig bei den Tref­fen dabei, hör­te zu und fand eine Men­ge Stoff für Zei­tungs­ar­ti­kel. Und ich lern­te viel über das Ruhr­ge­biet, über die damals noch exi­stie­ren­de Welt zwi­schen För­der­tür­men, Koh­le­hal­den und Zechen­sied­lun­gen, über Hein­richs Heimat.

Hein­richs Vater hat­te den Beruf des Kauf­manns erlernt, war aber wegen feh­len­der Arbeits­mög­lich­kei­ten in die­sem Beruf Berg­mann gewor­den, also in den Pütt gegan­gen. Erst als Hau­er direkt vor Koh­le, spä­ter als Gedin­ge­schlep­per, der den Koh­le­hau­ern das Aus­bau­ma­te­ri­al her­an­ho­len muss­te. Der Lohn reich­te kaum für die vier­köp­fi­ge Fami­lie. In einem Text für Ossietzky über die Armut sei­ner Fami­lie schrieb Hein­rich: »Selbst sei­ne Mit­glied­schaft in der SPD, für die mein Vater wäh­rend der Nazi­zeit in einer klei­nen Wider­stands­zel­le gear­bei­tet hat­te, muss­te er auf­kün­di­gen, weil er sich die Mit­glieds­bei­trä­ge nicht lei­sten konnte.«

Hein­rich war zehn Jah­re alt, als die Eltern beschlos­sen, ihn trotz der finan­zi­el­len Sor­gen bei einem Feri­en­zelt­la­ger für Arbei­ter­kin­der auf Nor­der­ney anzu­mel­den. Der Preis für die drei Wochen war äußerst gün­stig. Hein­rich sah zum ersten Mal das Meer – und bei der Über­fahrt, beim Ein­at­men der sal­zi­gen Luft an Deck, muss sie Hein­rich erwischt haben: Die von nun an bis zu sei­nem letz­ten Atem­zug leben­di­ge Sehn­sucht, mehr von der Welt zu sehen, mehr von der Welt zu wis­sen. Eine Sehn­sucht, die die Eltern unter­stütz­ten. Bil­dung als Weg raus aus den engen Ver­hält­nis­sen. Hein­rich durf­te zur Real­schu­le, doch das war ihm nicht genug. Er woll­te wei­ter: Abitur. Stu­di­um. »Mein Vater war inzwi­schen Rent­ner. 598 Mark Ren­te beka­men wir. Kann man von knapp 600 Mark einen Sohn stu­die­ren las­sen? Mei­ne Mut­ter schaff­te es. Doch ich weiß nicht wie.« Schließ­lich bekam Hein­rich ein Sti­pen­di­um nach dem damals exi­stie­ren­den Hon­ne­fer Modell. Er war nicht mehr arm. Er war reich. Er hat­te Geld, und er durf­te ler­nen. In Bochum stu­dier­te er Ger­ma­ni­stik, Geschich­te und evan­ge­li­sche Theo­lo­gie. Ein Leben lang war Hein­rich sei­nen Eltern dank­bar für ihre Unter­stüt­zung und Ermu­ti­gung. Und ihn präg­te »die Soli­da­ri­tät der klei­nen Leu­te unter­ein­an­der«, wie er es for­mu­lier­te. »Der Nach­bar wuss­te, dass garan­tiert die Situa­ti­on kom­men wür­de, in der er selbst in Not gera­ten und auf Hil­fe ange­wie­sen sein wür­de. Inmit­ten der mate­ri­el­len Beschränkt­heit gab der Zusam­men­halt eine Wär­me, die vie­le Defi­zi­te wettmachte.«

Hein­richs frü­her Ein­satz für eine Lite­ra­tur der Arbei­ter­klas­se oder sein Ein­satz für ver­folg­te Schrift­stel­ler als Prä­si­di­ums­mit­glied und als Gene­ral­se­kre­tär des deut­schen Schrift­stel­ler­ver­ban­des PEN spei­sen sich aus die­sen Erfah­run­gen. Eben­so wie sei­ne Auf­fas­sung vom Reli­gi­ons­un­ter­richt als Raum für die Ver­mitt­lung von Wer­ten »wie Wahr­haf­tig­keit, Ehr­lich­keit, beson­ders auch Näch­sten­lie­be, die gera­de jenem zusteht, der in Not ist, zum Bei­spiel einem Flüchtling«.

In den 80er Jah­ren begann Hein­rich mit dem Schrei­ben. Er woll­te nicht nur Lite­ra­tur ver­mit­teln, er woll­te selbst Schrift­stel­ler wer­den. Im Lau­fe der Jahr­zehn­te ent­stand ein viel­fäl­ti­ges und viel­schich­ti­ges Werk. Hein­rich schrieb Gedich­te, Roma­ne und Erzäh­lun­gen. Über das Ruhr­ge­biet, die Arbeits­welt oder über sei­ne Lei­den­schaft, den Fuß­ball. Über Chi­na, wohin er häu­fig gereist ist. Über Fremd­heit, Hei­mat und Annä­he­rung, Über sei­ne Kind­heits­er­in­ne­run­gen und zu den Fra­gen der Gegen­wart, zuletzt über das Leben wäh­rend der Pan­de­mie. Er ver­öf­fent­lich­te zwei Kri­mi­rei­hen rund um den Dort­mun­der Kom­mis­sar Anselm Becker und den pen­sio­nier­ten Ermitt­ler Bern­hard Völ­kel: ein Mann mit Boden­haf­tung und einem kla­ren Gefühl für das Rich­ti­ge und das Fal­sche jen­seits von Geset­zes­tex­ten. Und fast immer sind Hein­richs Kri­mi­nal­ge­schich­ten nur die Ver­packung für ein gro­ßes gesell­schaft­li­ches The­ma: RAF und Deut­scher Herbst, Neo­na­zis und neue Rech­te, Armut und Obdach­lo­sig­keit. Hein­richs Kin­der­bü­cher ste­hen in mei­ner Kin­der­buch­samm­lung. Nach der Nach­richt von Hein­richs Tod habe ich sie alle her­vor­ge­holt. Beim Blät­tern durch »Tim und Anna fah­ren ein« brauch­te ich eine grö­ße­re Men­ge von Taschen­tü­chern. So warm­her­zig und pla­stisch, wie in die­sem Buch, hat Hein­rich einst auch mir, der frisch­ge­backe­nen Abitu­ri­en­tin, die Welt des Berg­baus erklärt.

Hein­richs Reso­nanz­raum war das Ruhr­ge­biet. Dort woll­te er sein, dort woll­te er blei­ben. Hein­rich fuhr ger­ne in die Welt, zum Bei­spiel als Dozent für deut­sche Lite­ra­tur nach Shang­hai oder Xi’an. Aber er kam auch ger­ne wie­der zurück in sei­ne Hei­mat. In sein lite­ra­ri­sches und poli­ti­sches Geburts­haus. Das Ruhr­ge­biet präg­te Hein­rich und sei­nen Wer­te­ka­ta­log. Im Ruhr­ge­biet ent­stand sei­ne Lite­ra­tur, gemein­sam mit ande­ren Ruhr­ge­biets­schrift­stel­lern mach­te er die Lite­ra­tur des Ruhr­ge­bie­tes sicht­bar – und hier­her, in die ver­meint­li­che Pro­vinz, hol­te er die Lite­ra­tur: Mit sei­nem Freund Bern­hard Büscher orga­ni­sier­te er in Kamen Lesun­gen mit Autoren des PEN und mit den Sti­pen­dia­ten des »Writers-in-Exile«-Programms: Schrift­stel­ler aus Syri­en, Eri­trea, Russ­land oder dem Irak stell­ten ihre Bücher in Kamen vor. Sowie­so war Hein­rich das »Writers-in-Exile«-Programm des PEN für Schrift­stel­ler, die ins Exil flüch­ten müs­sen, ein beson­de­res Anlie­gen. Hein­rich sorg­te in Kamen für zwei Woh­nun­gen, in denen seit­her PEN-Sti­pen­dia­ten unter­ge­bracht wer­den können.

Statt in die gro­ße wei­te Welt aus­zu­wan­dern, statt der angeb­li­chen kul­tu­rel­len Über­le­gen­heit der Metro­po­len hin­ter­her­zu­ren­nen, hol­te sich Hein­rich die Welt lie­ber in sei­nen Gar­ten. Und mach­te Kamen so zu einer klei­nen Haupt­stadt der Kul­tur. Hein­rich wuss­te, dass Kul­tur nicht ohne Tra­di­tio­nen aus­kommt, nicht ohne Aus­tausch und Gespräch, nicht ohne Soli­da­ri­tät. In die­ser Hin­sicht blieb Hein­rich immer eigen­sin­nig. Er ver­wei­ger­te sich deka­den­ten Dis­kus­sio­nen über intel­lek­tu­el­le Schein­pro­ble­me. Und schrieb lie­ber das näch­ste Buch, die näch­ste Geschich­te aus dem Leben der Men­schen. Mal spie­le­risch wie in sei­nen Kri­mis oder Kin­der­bü­chern, mal ernst und erschüt­ternd wie zum Bei­spiel in sei­nem Buch »Gefähr­li­ches Spiel. Fuß­ball um Leben und Tod«, eine Geschich­te von zwei Fuß­ball­spie­lern, die sich bei einem Län­der­spiel 1953 in der Sowjet­uni­on wie­der­be­geg­nen. Der eine war bei der SS und KZ-Kom­man­dant, der ande­re war in eben die­sem KZ inhaf­tiert. Es beginnt ein bei­nah unglaub­li­ches Gespräch.

Ob Kri­mi, Roman oder Kin­der­buch – Hein­richs Inter­es­se galt bestän­dig den Begeg­nun­gen und Bezie­hun­gen zwi­schen Men­schen aus unter­schied­li­chen Lebens­wel­ten. In sei­nen All­tags­be­ob­ach­tun­gen spie­geln sich die Fra­gen der Zeit, der Zeit­ge­schich­te. Und in den Gesprä­chen mit Hein­rich spür­te man, dass Lite­ra­tur, Reli­gi­on und Geschich­te für Hein­rich nicht nur Stu­di­en- oder Lehr­fä­cher, son­dern Lebens­the­men waren. Hein­rich hat übri­gens immer ver­stan­den, war­um ich vie­le Jah­re mit Leib und See­le Lokal­re­dak­teu­rin war. Wegen der Nähe zu den Men­schen und wegen der Mög­lich­keit, in einem über­schau­ba­ren Bereich die gro­ßen The­men und Fra­gen der Gesell­schaft und unse­rer Zukunft zu spie­geln und zu verhandeln.

Hein­rich ist tot. Wel­che Trau­rig­keit. Und er wird nicht nur sei­nen Freun­den feh­len. Sein Tod reißt eine Lücke in die sowie­so nur dünn besetz­ten Rei­hen jener, die im Kul­tur- und Poli­tik­be­trieb fürs Zuhö­ren und für Gesprä­che, für Soli­da­ri­tät auch mit Anders­den­ken­den, für Respekt und – ja – Anstand ein­ste­hen. »Wer impo­niert?«, frag­te Wil­helm Raa­be: »Nur wel­cher ruhig sei­nen Weg geht.«

Wil­helm Raa­be gilt übri­gens als Ver­tre­ter des poe­ti­schen Rea­lis­mus. Für mich steht Hein­rich in genau die­ser Tra­di­ti­on. »Poe­ti­scher Rea­lis­mus« ist eine schö­ne Über­schrift für Hein­richs Werk. Und für sein gan­zes Wesen.