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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Henkersphantasie

Der vor­wärts, immer noch die »Zei­tung der deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie«, fragt in jeder Aus­ga­be unter der Über­schrift »Wer war’s« nach einer histo­ri­schen Per­sön­lich­keit. In der neue­sten Aus­ga­be 4/​2019 wird eine Per­son gesucht, die 1924 mit 34 Jah­ren für die SPD erst­mals in den Land­tag des Volks­staats Hes­sen gewählt wur­de. Im Novem­ber 1931 ver­öf­fent­lich­te der Gesuch­te als hes­si­scher Innen­mi­ni­ster die »Box­hei­mer Doku­men­te«, in denen die Plä­ne für einen Staats­streich der Natio­nal­so­zia­li­sten nie­der­ge­legt waren. Histo­risch bewan­der­ten Lese­rin­nen und Lesern ist es jetzt mög­li­cher­wei­se klar: Es geht um Wil­helm Leu­sch­ner. Die Ver­öf­fent­li­chung der Papie­re mach­te ihn zu einem der meist­ge­hass­ten Geg­ner der Natio­nal­so­zia­li­sten. Nach dem Atten­tat vom 20. Juli 1944 wur­de Leu­sch­ner wegen sei­ner Ver­bin­dun­gen zu Wider­stands­krei­sen zum Tode ver­ur­teilt und am 29. Sep­tem­ber 1944 im Straf­ge­fäng­nis Ber­lin-Plöt­zen­see hingerichtet.

Die ver­öf­fent­lich­ten Plä­ne schlu­gen im In- und Aus­land gro­ße Wel­len. Auch Carl von Ossietzky bezog Stel­lung. Auf ihren Ver­fas­ser anspie­lend, bezeich­ne­te er die Doku­men­te als »Hen­kers­phan­ta­sie eines hes­si­schen Gerichts­as­ses­sors«, mit der »die Stra­ße der Hoo­li­gan- und Hals­ab­schnei­der­ar­mee der SA-Kom­man­deu­re aus­ge­lie­fert [wür­de], die jede Oppo­si­ti­on als ›Kom­mu­ne‹ blu­tig unter­drücken« wol­le (C. v. O.: »Der Welt­büh­nen-Pro­zeß«, in: Die Weltbühne, 1. Dezem­ber 1931, S. 803-811).