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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Herbstliebe 1989/​90

Dass die­ser klei­ne Roman gera­de jetzt erscheint, wo sich die poli­ti­schen Ereig­nis­se, die ihm zugrun­de lie­gen, zum drei­ßig­sten Mal jäh­ren, mag Zufall sein. Das Pro­blem, das er behan­delt, wird die­ses wie­der­ver­ei­nig­te Deutsch­land noch lan­ge beglei­ten: Wird ein rea­les Zusam­men­le­ben, das viel beschwo­re­ne Zusam­men­wach­sen, gelin­gen? Erzählt wird die geschei­ter­te Lie­be zwi­schen Sil­ke, einer blut­jun­gen Ost­ber­li­ne­rin, und dem Char­lot­ten­bur­ger Ulf, der, in klein­bür­ger­li­chen West­ber­li­ner Ver­hält­nis­sen groß gewor­den, sein Sin­gle-Dasein lebt. Bei­de begeg­nen sich wäh­rend der Demo-Ran­da­le am 3. Okto­ber 1990, der ersten Ein­heits­fei­er, auf dem Alex, ver­su­chen in den Mona­ten danach ein gemein­sa­mes Leben. Kögel erzählt, was die histo­ri­schen Vor­gän­ge betrifft (auch den 7. Okto­ber 1989), historisch
exakt. Wie er aber dann die Zeit­er­eig­nis­se mit dem Lebens­schick­sal zwei­er jun­ger Ber­li­ner ver­knüpft, ver­rät beacht­li­ches poe­ti­sches Gestal­tungs­ver­mö­gen. Und er kann Typen gestal­ten, Sil­kes Mut­ter etwa, die sich in der DDR-Oppo­si­ti­on enga­giert, oder den West­ber­li­ner Anar­chi­sten Malicke, der mit Spreng­stoff gegen »die da oben« han­tiert. Gera­de ihn durch­schaut die 15-jäh­ri­ge Ost­ber­li­ne­rin Sil­ke schnell. »Ich habe ihm erzählt, wie das war vor einem Jahr und was sich mit ein paar tau­send Ker­zen alles anstel­len lässt. Ich habe erzählt, wie es immer mehr wur­den, und vom 4. Novem­ber auf dem Alex­an­der­platz habe ich erzählt, sogar davon, was ich mit mei­ner Mut­ter dort erlebt habe, ihr habt das nie ken­nen­ge­lernt, ihr im Westen, eine hal­be Mil­li­on, hät­tet ihr nie zusam­men­ge­kriegt, für kei­ne Demo, für nichts.«

Jür­gen Kögel ist schon in der DDR – damals war er noch Cel­list im Ber­li­ner Sin­fo­nie-Orche­ster – mit lite­ra­ri­schen Erzäh­lun­gen und Roma­nen her­vor­ge­tre­ten, unter ande­rem »Spre­chen im Dun­keln« und »Zer­tanz­te Schu­he«. Es bleibt zu hof­fen, dass sein neu­es Buch ein brei­tes Echo fin­det – bei ost- und west­deut­schen Lesern.

Jür­gen Kögel: »Sil­kes zwei­ter Schat­ten, Edi­ti­on Frei­berg, 139 Sei­ten, 9,95 €