Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Spiegel-Gate(s) – der journalistische GAU

Seit nun fast einem Jahr fließt das Geld aus Seat­tle in die Ham­bur­ger Hafen­ci­ty, von der Stif­tung des mil­li­ar­den­schwe­ren Atom­lob­by­isten Bill Gates zum vom Auf­la­gen­schwund gebeu­tel­ten Spie­gel: Und plötz­lich titelt die Zeit­schrift »Atom­kraft? Ja bit­te«. Auf sie­ben Sei­ten wur­de zum Jah­res­en­de die Mög­lich­keit einer »Renais­sance der Kern­ener­gie« mit­tels angeb­lich inno­va­ti­ver, »neu erfun­de­ner« Reak­to­ren skiz­ziert. Nach­dem der Atom­aus­stieg hier­zu­lan­de als »deut­scher Irr­weg?« hin­ter­fragt ist, ergeht der Spie­gel-Autor sich regel­recht pro­sa­isch: »In einer Welt, die den Kli­ma­wan­del als Apo­ka­lyp­se beschreibt, wan­delt sich die Atom­kraft vom Teu­fels­werk zum ret­ten­den Geschenk der Natur.« Zwar räumt der Schrei­ber frü­he­re Pro­ble­me mit dem »Geschenk der Natur« ein: Sind die bis­he­ri­gen Atom­mei­ler doch teu­er, hin­ter­las­sen Unmen­gen strah­len­den Mülls, der eine oder ande­re ist gar explo­diert. Doch das alles war gestern – denn es gebe im Labor nun Atom­re­ak­to­ren, die all die Nach­tei­le angeb­lich nicht haben. Und die­se Mei­ler kom­men aus dem Hau­se Gates.

Der neue Spie­gel-Spon­sor scheint im Zuge der Kli­ma­dis­kus­si­on für sein seit einem Jahr­zehnt eher düm­peln­des Nukle­ar-Start-Up »Ter­ra­power« Mor­gen­luft zu wit­tern. Neu­er­dings assi­stiert vom Spie­gel-Mann. Der höchst­selbst hat­te vor neun Jah­ren – damals finan­zier­te Gates das han­sea­ti­sche Medi­en­haus noch nicht – schon ein­mal über der­lei Reak­tor­mo­del­le berich­tet, auch von Gates »Ter­ra­power«. Sei­ner­zeit aber noch mit ver­nich­ten­dem Tenor: unwirt­schaft­lich, unkal­ku­lier­ba­re Pro­li­fe­ra­ti­on, aus dem »Reich der Phan­ta­sie«. Wor­in ihn zahl­rei­che Nukle­ar­ex­per­ten noch heu­te bestä­ti­gen, wie Astro­phy­si­ker Harald Lesch: »Das ist natür­lich Teu­fels­tech­nik.« Und auch der Spie­gel-Autor arg­wöhn­te 2010 noch: »Die Atom­kraft­bran­che will sich mit Mini-Mei­lern in die Zukunft ret­ten.« Heu­te hin­ge­gen legt sich der­sel­be Schrei­ber in einem den Arti­kel ergän­zen­den Video­state­ment, das er durch­weg mit Ani­ma­ti­ons­ma­te­ri­al von Gates‹ »Ter­ra­power« bebil­dert, sogar per­sön­lich ins Zeug: »Ich glau­be, es liegt eine Chan­ce in der Kern­ener­gie, die auch Deutsch­land nicht auf alle Zeit unge­nutzt las­sen soll­te.« Auf dem Titel­blatt ver­steigt man sich gar noch zu der Schlag­zei­le »For­scher erfin­den das AKW neu« – den eige­nen Arti­kel aus dem Jahr 2010 igno­rie­rend. Reak­tor­ex­per­te Chri­stoph Pist­ner erläu­tert: »So eine Wel­le an Schlag­zei­len kommt lei­der immer wie­der.« Tech­nisch Neu­es sei nicht dabei: »Die mei­sten der Kon­zep­te wur­den bereits in den 40er, 50er und 60er Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts dis­ku­tiert.« Der Spie­gel lässt aus­ge­rech­net Fach­mann Pist­ner auch zu Wort kom­men, aber eben nicht zu den Reak­to­ren – er wür­de die fet­zi­ge Schlag­zei­le zunich­te­ma­chen. Dut­zen­de so oder ähn­lich krea­tiv model­lier­te Berich­te der Ham­bur­ger Zeit­schrift führ­ten im ver­gan­ge­nen Jahr dazu, dass eigens eine Art haus­ei­ge­ner Kodex für Spie­gel-Schrei­ber erson­nen wur­de. Des­sen Zif­fer 1 legt, leicht befremd­lich weil eigent­lich eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, im 72. Jahr des Spie­gel-Bestehens nun fest: »Die Geschich­te muss stim­men.« Was für die Titel­zei­le vom »neu erfun­de­nen AKW« nach­weis­lich erneut nicht zutrifft.

Und mehr noch: Auch der zen­tra­le Kron­zeu­ge des Spie­gel für die ato­ma­re »Renais­sance« ist min­de­stens über­ra­schend – er ist nicht etwa Phy­si­ker, son­dern ein Psy­cho­lo­ge. Der auf mehr als einer Sei­te das Wort hat. Uner­wähnt bleibt, dass Spie­gel- und Atom­kraft-Spon­sor Gates just die­sen Psy­cho­lo­gen regel­mä­ßig öffent­lich fei­ert – als »bril­lan­ten Den­ker« oder Autor des »favo­ri­te book of all time«, wel­ches Gates selbst sogar digi­tal ver­trie­ben hat. Und just die­ser, dem spen­da­blen US-Mil­li­ar­där offen­kun­dig nahe­ste­hen­de Erfor­scher des See­len­le­bens gibt nun wie­der­um im Spie­gel aus­führ­lich den Uni­ver­sal­ge­lehr­ten: »Finn­land wird mit dem welt­weit ersten End­la­ger zei­gen, dass die Lage­rung in unter­ir­di­schen Stol­len sicher sein kann«, weiß der Psy­cho­lo­ge welt­ex­klu­siv das glo­ba­le Atom­müll­pro­blem gelöst. Tat­säch­lich haben die Gesteins­kam­mern im hohen Nor­den nach Betrei­ber­an­ga­ben noch nicht ein­mal eine Betriebs­ge­neh­mi­gung, geschwei­ge dass dort heu­te auch nur ein Müll­fass ste­hen wür­de. Phy­si­ker Lesch kor­ri­giert ent­spre­chend: »Es gibt kein ein­zi­ges End­la­ger auf der Welt.« Im Spie­gel ist die Welt mal wie­der schlicht eine ande­re. Und so kann hier der Psy­cho­lo­ge auch gleich noch die von sei­nem För­de­rer Gates finan­zier­ten Atom­re­ak­to­ren emp­feh­len – und ihnen weit­rei­chen­de Fol­ge­wir­kun­gen andich­ten: »Wenn die Deut­schen sehen, dass die Ver­spre­chen der erneu­er­ba­ren Ener­gien nicht auf­ge­hen, und gleich­zei­tig kom­pak­te­re und gün­sti­ge­re Kern­re­ak­to­ren markt­reif wer­den, dann kann der Anti-Atom-Kon­sens schnell wie­der infra­ge stehen.«

Für die Ent­wick­lung die­ser »kom­pak­te­ren und gün­sti­ge­ren Reak­to­ren« hat Gates nach Spie­gel-Anga­ben bereits 500 Mil­lio­nen Dol­lar inve­stiert. Ganz so viel Geld lässt der spen­da­ble Ame­ri­ka­ner für den Spie­gel dann doch nicht sprin­gen, wenn­gleich die För­de­rung aus Seat­tle durch­aus im Mil­lio­nen­be­reich lie­gen soll, heißt es im Ver­lag in der Hafen­ci­ty hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand. Gates‹ mil­de Gabe finan­ziert dem Ham­bur­ger Medi­en­haus nach eige­nen Anga­ben die Arbeit einer damit eigens geschaf­fe­nen Abtei­lung namens »Glo­ba­le Gesell­schaft«. Deren »neue Stel­len stär­ken unse­re Aus­lands­be­richt­erstat­tung«, froh­lock­te man beim Spie­gel im Früh­jahr 2019. Ahn­te aber auch bereits, dass die groß­zü­gi­ge Finanz­sprit­ze des ame­ri­ka­ni­schen Ato­m­en­thu­sia­sten deli­kat ist: Einer der Redak­ti­ons­chefs beton­te, dass »die redak­tio­nel­len Inhal­te ohne Ein­fluss durch die Stif­tung ent­ste­hen«. So bestä­tigt der neue­ste Atom-Auf­ma­cher erneut Hans-Magnus Enzens­ber­ger, mehr als 60 Jah­re nach des­sen Abhand­lung »Die Spra­che des Spie­gel«: »Sein [des Spie­gels, d. Red.] Ver­fah­ren ist im Grun­de unred­lich […]. Zwi­schen der simp­len Rich­tig­keit der Nach­richt, die er ver­schmäht, und der höhe­ren Wahr­heit der ech­ten Erzäh­lung, die ihm ver­schlos­sen bleibt, muss er sich durch­mo­geln. Er muss die Fak­ten inter­pre­tie­ren, anord­nen, modeln, arran­gie­ren: aber eben dies darf er nicht zuge­ben.« Sei­ner­zeit soll­ten der­lei phan­ta­sie­vol­le Exzes­se noch dem Leser bes­ser gefal­len – heu­te offen­bar ver­mö­gen­den Sponsoren.