Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Willkommen im Engelsjahr 2020

Fried­rich Engels wur­de am 28. Novem­ber 1820 als älte­stes von neun Kin­dern des erfolg­rei­chen Tex­til­un­ter­neh­mers Fried­rich Engels seni­or und sei­ner Ehe­frau Eli­sa­beth in Bar­men (heu­te Wup­per­tal) gebo­ren. Eben des­halb wird er in die­sem Jahr nicht zuletzt in Wup­per­tal aus­gie­big gewür­digt wer­den, das Pro­gramm kann sich wahr­lich sehen las­sen; sie­he https://www.wuppertal.de/engels2020.

Ein Jahr vor dem Abitur ver­ließ Engels auf Wunsch des Vaters das Elber­fel­der Gym­na­si­um, um ab August 1838 eine Kauf­manns­leh­re im Kon­tor des säch­si­schen Kon­suls Hein­rich Leu­pold in Bre­men anzu­tre­ten. Der 18- bis 20-jäh­ri­ge Kom­mis ent­wickel­te sich in Bre­men unge­wöhn­lich rasch zu einem weit­hin bekann­ten und aner­kann­ten Jour­na­li­sten (unter dem Pseud­onym Fried­rich Oswald), schloss sich den Jung­he­ge­lia­nern an und leg­te über­haupt den Grund­stein zu all dem, was ihn spä­ter zu einem welt­be­rühm­ten Mann und füh­ren­den Kopf der deut­schen und inter­na­tio­na­len Arbei­ter­be­we­gung machen soll­te. Nach zwei­ein­halb Jah­ren, als er »Fak­tura­bü­cher und Kon­ti« wie über­haupt alle Beson­der­hei­ten des Groß­han­dels beherrsch­te, zog es ihn im Früh­jahr 1841 zum Mili­tär­dienst als Ein­jäh­rig-Frei­wil­li­ger bei der könig­lich-preu­ßi­schen Gar­de-Artil­le­rie in Ber­lin. Engels fre­quen­tier­te zudem als Gast­hö­rer in der Uni­ver­si­tät Phi­lo­so­phie- und ande­re Vor­le­sun­gen sowie Tref­fen links­he­ge­lia­ni­scher Krei­se. 1843 führ­te ihn der Vater in sei­ne Baum­woll­spin­ne­rei in Man­che­ster ein. Durch die iri­sche Fabrik­ar­bei­te­rin Mary Burns lern­te er die von gro­ßen sozia­len Gegen­sät­zen und inhu­ma­nen Wohn- und Arbeits­be­din­gun­gen gepräg­te, »Cot­to­no­po­lis« geru­fe­ne nord­eng­li­sche Indu­strie­me­tro­po­le inten­siv ken­nen. Im Som­mer 1844 stell­ten Engels und Marx bei einem Tref­fen in Paris ihre völ­li­ge Über­ein­stim­mung in grund­le­gen­den gesell­schafts­theo­re­ti­schen Anschau­un­gen fest und begrün­de­ten ihre legen­dä­re Zusam­men­ar­beit. Engels wie­der­um ver­fass­te nach sei­ner im Herbst 1844 erfolg­ten Rück­kehr ins hei­mat­li­che Wup­per­tal sei­ne bahn­bre­chen­de empi­risch-sozi­al­po­li­ti­sche Stu­die: »Die Lage der arbei­ten­den Klas­se in Eng­land«, die erheb­lich das Den­ken von Karl Marx beeinflusste.

Die Zusam­men­ar­beit mit Marx inten­si­vier­te sich. Fried­rich Engels, der 1844 in den »Deutsch-Fran­zö­si­schen Jahr­bü­chern« sei­nen Essay »Umris­se zu einer Kri­tik der Natio­nal­öko­no­mie« publi­ziert hat­te, dräng­te Karl Marx, sich nach­hal­tig der Poli­ti­schen Öko­no­mie zu wid­men. Das Ergeb­nis ist bekannt: »Das Kapi­tal«. 1846 zogen bei­de nach Brüs­sel und besuch­ten Man­che­ster und Lon­don, wo sie 1847 dem Bund der Gerech­ten bei­tra­ten. Nach­dem Engels im Okto­ber 1847 die »Grund­sät­ze des Kom­mu­nis­mus« ver­fasst hat­te und die Ver­ei­ni­gung der Gerech­ten in Bund der Kom­mu­ni­sten umge­tauft wor­den war, schrie­ben Marx und Engels das legen­dä­re »Mani­fest der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei«: »Ein Gespenst geht um in Euro­pa – das Gespenst des Kom­mu­nis­mus. […] Die Geschich­te aller bis­he­ri­gen Gesell­schaf­ten ist die Geschich­te von Klassenkämpfen.«

Im Früh­jahr 1849 nahm Fried­rich Engels an den Bar­ri­ka­den­kämp­fen in Bar­men und Elber­feld sowie am Badi­schen Auf­stand teil. Nach der Nie­der­la­ge floh er in die Schweiz und im Novem­ber wei­ter nach Eng­land, wo Karl Marx bereits in Lon­don poli­ti­sche Akti­vi­tä­ten ent­fal­te­te. Von Novem­ber 1849 bis zu sei­nem Tod am 5. August 1895 leb­te Fried­rich Engels – wie auch der ihm in groß­ar­tig enger Freund­schaft ver­bun­de­ne Mit­strei­ter Karl Marx – im Mut­ter­land der Indu­stria­li­sie­rung. Zunächst ent­fal­te­te er publi­zi­sti­sche und poli­ti­sche Akti­vi­tä­ten im Exil Lon­don und brach­te mit Marx die Neue Rhei­ni­sche Zei­tung. Poli­tisch-öko­no­mi­sche Revue her­aus. In dem Blatt erschien auch sei­ne Schrift »Der deut­sche Bau­ern­krieg«. Als ihnen nach dem fünf­ten Heft das Geld aus­ging, trat Fried­rich Engels am Ende des Jah­res 1850, trotz der Zer­strit­ten­heit mit sei­nem Vater, erneut in das Unter­neh­men Ermen & Engels ein und ver­zog nach Man­che­ster. Dort ver­dien­te er fort­an als Pro­ku­rist »eige­nes« Geld und unter­stütz­te damit nach Kräf­ten den ver­arm­ten Freund Marx, der das syste­ma­ti­sche Stu­di­um der poli­ti­schen Öko­no­mie auf­ge­nom­men hat­te. Sei­ne publi­zi­sti­sche Tätig­keit setz­te Engels gleich­wohl fort – etwa mit der Arti­kel­se­rie »Revo­lu­ti­on und Kon­ter­re­vo­lu­ti­on in Deutsch­land«und begann zudem mit dem syste­ma­ti­schen Stu­di­um des Militärwesens.

In den 1850er Jah­ren über­nahm Fried­rich Engels immer wie­der auch Tei­le der Marx‘schen Kor­re­spon­den­zen für die New-York Dai­ly Tri­bu­ne und ande­re Blät­ter, arbei­te­te an der »New Ame­ri­can Cyclo­pa­edia« mit und begann um 1858 mit natur­wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en. In Man­che­ster wohn­te er inof­fi­zi­ell bei sei­ner Lebens­ge­fähr­tin Mary und ihrer Schwe­ster Lydia Burns – als Mary im Janu­ar 1863 im Alter von 42 Jah­ren plötz­lich starb, ging er eine Lebens­part­ner­schaft mit Lydia (Liz­zie; 1827–1878) ein. 1864 wur­de Fried­rich Teil­ha­ber der Fir­ma Ermen & Engels, und in Lon­don erfolg­te die Grün­dungs­ver­samm­lung der Inter­na­tio­na­len Arbei­ter­as­so­zia­ti­on (I. Inter­na­tio­na­le), bei der Marx in deren Pro­vi­so­ri­sches Komi­tee gewählt wurde.

Nach­dem im Sep­tem­ber 1867 der erste Band von Marx’ öko­no­mi­schem Haupt­werk »Das Kapi­tal« in Ham­burg erschie­nen war, ver­öf­fent­lich­te Engels diver­se Bespre­chun­gen. Zwei Jah­re spä­ter been­de­te er sei­ne Brot­be­rufs­tä­tig­keit für Ermen & Engels und berei­te­te sei­nen Umzug von Man­che­ster nach Lon­don vor. Den Grün­dungs­kon­gress der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Arbei­ter­par­tei in Eisen­ach ver­folg­te er im August 1869 mit gro­ßem Interesse.

In den 1870er Jah­ren trie­ben Fried­rich Engels und Karl Marx ihre publi­zi­sti­schen Arbei­ten vor­an und enga­gier­ten sich in der Inter­na­tio­na­len Arbei­ter-Asso­zia­ti­on (IAA). Engels erar­bei­te­te zumal die Kon­zep­ti­on für das von ihm geplan­te Werk über die »Dia­lek­tik der Natur« – es blieb aller­dings unvoll­endet. Anders sei­ne maß­geb­li­che Schrift »Der Ursprung der Fami­lie, des Pri­vat­ei­gen­tums und des Staats« – sie erschien 1884 in Zürich. Nach dem Tod von Karl Marx am 14. März 1883 über­nahm Fried­rich Engels die Fer­tig­stel­lung des zwei­ten Ban­des von »Das Kapi­tal« und gab ihn mit einem Vor­wort 1885 her­aus. Dar­über hin­aus ent­wickel­te er in den Fol­ge­jah­ren in mühe­vol­ler Arbeit aus Marx‘ nach­ge­las­se­nen Text­kon­vo­lu­ten und Ent­wür­fen den drit­ten Band, der schließ­lich 1894 mit sei­nem Vor­wort erschien. Als Engels im Früh­jahr 1895 mit der Vor­be­rei­tung einer Gesamt­aus­ga­be sei­ner und der Marx‘schen Wer­ke begann, schwä­chel­te er zuneh­mend. Nach einem letz­ten Kur­auf­ent­halt im süd­eng­li­schen East­bourne ver­starb er am 5. August in sei­nem Haus in London.

Fried­rich Engels genoss im spä­te­ren Leben den Ruf, der Didak­ti­ker der Ideen der Arbei­ter­be­we­gung zu sein. Dar­über hin­aus ver­lieh der Kauf­mann, Jour­na­list, Lite­rat, Phi­lo­soph, Mili­tär­theo­re­ti­ker, Poli­ti­ker und Mit­be­grün­der des wis­sen­schaft­li­chen Sozia­lis­mus dem sozia­len Fort­schritt im 19. und 20. Jahr­hun­dert nach­hal­ti­ge Impul­se. Nicht zu ver­ges­sen: In sei­ner letz­ten grö­ße­ren Arbeit, in der Ein­lei­tung zu der von ihm 1895 neu besorg­ten Aus­ga­be von Karl Marx‘ Stu­die »Die Klas­sen­kämp­fe in Frank­reich 1848 bis 1850«, for­der­te er, die poli­ti­sche Macht­er­grei­fung der Arbei­ter­klas­se müs­se auf demo­kra­ti­sche und fried­li­che Wei­se erfol­gen – sprich durch Nut­zung und Aus­wei­tung der demo­kra­ti­schen Instru­men­ta­ri­en des bür­ger­li­chen Staa­tes und mit­tels der Gewin­nung der Mehr­heit des Volkes.

Fried­rich Engels wohn­te und wirk­te wäh­rend eines Groß­teils sei­nes Lebens in Eng­land – ich wer­de ihn in die­sem Engels­jahr, das zugleich das Jahr der Ver­hand­lun­gen über die künf­ti­gen Bezie­hun­gen zwi­schen Bre­x­i­tan­ni­en und der EU ist, immer wie­der zu Wort kom­men lassen.