Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu
Close
Skip to content

Lückenhafte Erinnerungen

Weih­nach­ten ist nun mal etwas Beson­de­res. War­um das so ist, müs­sen wir uns nicht aus all­ge­mei­ner oder reli­giö­ser oder folk­lo­ri­sti­scher Sicht gegen­sei­tig vor­be­ten. Die schwie­ri­gen Umstän­de der Geburt Chri­sti sind all­ge­mein bekannt und wer­den all­jähr­lich zele­briert: Die behörd­li­che Erfas­sung der Ein­woh­ner­zah­len ver­lang­te sei­ner­zeit beschwer­li­che Wege, die Wet­ter­la­ge erschwer­te den Orts­wech­sel, die Hei­li­gen Drei Köni­ge waren unter­schied­lich über das Event infor­miert, die Hotels waren lang­fri­stig aus­ge­bucht, die hygie­ni­schen Bedin­gun­gen in den Not­un­ter­künf­ten, Stäl­len und unter Bahn­brücken lie­ßen zu wün­schen übrig, Park­plät­ze stan­den auf Grund neu­er­li­cher Vor­ga­ben des Ord­nungs­am­tes kaum zur Ver­fü­gung, das in der Scheu­ne umher­flat­tern­de Geflü­gel erschwer­te die Ein­ver­nah­me einer Stroh­schüt­te, Maria und Josef waren uneins über das Zustan­de­kom­men der Schwan­ger­schaft, aus Per­so­nal­grün­den war es schwer, eine Heb­am­me zu char­tern, die Fak­ten über die Nie­der­kunft waren auf Grund der Zustel­lungs­pro­ble­me beim dama­li­gen Post-Nach­auf­trag­neh­mer sowie digi­ta­ler Aus­fäl­le und Com­pu­ter­vi­ren erschwert, die Bür­ger­äm­ter wäh­rend der Fei­er­ta­ge geschlos­sen und so wei­ter und so fort, aber so etwas ken­nen wir alles aus dem All­tag. Das ist zwar etwas Beson­de­res, aber nichts Außergewöhnliches.

Weih­nach­ten im Jah­re 1944, vor 75 Jah­ren also, hat­te für mich aller­dings eine indi­vi­du­el­le Prä­gung. Wolf­gang, mein Ego also, gebo­ren am 8. August 1935, zähl­te damals neun Jah­re, war geschwi­ster­los sowie Volks­schü­ler, besuch­te die 4. Klas­se der Berg­schu­le Greiz mit Herrn Rek­tor Otto Kunst (NSDAP) an der Spit­ze und hat­te im Gegen­satz zu vie­len Gleich­alt­ri­gen das Glück, trotz des fünf­ten Kriegs­jah­res sämt­li­che Eltern­tei­le in sei­ner Nähe zu wis­sen. Mei­ne Mut­ter arbei­te­te als Knopf­ma­che­rin im tra­di­tio­nel­len Tex­tilladen der Fir­ma Mar­cus Schnei­der in Greiz, und mein Vater, der einst den Beruf eines Tape­zie­rers und Deko­ra­teurs erlernt hat­te, war bei der Fir­ma Georg Schle­ber, Fär­be­rei und Appre­tur­an­stal­ten GmbH, tätig. Er war anfangs des Zwei­ten Welt­krie­ges gegen den fran­zö­si­schen Erb­feind in Marsch gesetzt, dann aber wie­der für die Rüstungs­in­du­strie frei­ge­stellt wor­den. Als sich der End­sieg dann doch noch etwas ver­zö­ger­te, wur­de er in den letz­ten Kriegs­wo­chen noch­mals ein­be­ru­fen, ver­ließ aber unter mir nicht bekann­ten Umstän­den die Front, setz­te sich mit einem Fahr­rad vom Rhein­land aus in die Hei­mat ab, tauch­te weni­ge Wochen vor dem soge­nann­ten Feind­alarm, den ich jetzt noch aku­stisch im Ohr habe, wie­der in der ost­thü­rin­gi­schen »Per­le des Vogt­lan­des« auf und wur­de in sei­ner Fir­ma als »Betriebs­ob­mann« ein­ge­setzt. Die wie­der­hol­te vor­zei­ti­ge Frei­stel­lung kann mit sei­nem bereits fort­ge­schrit­te­nen Alter – er war damals schon an die 50 – oder/​und der bevor­ste­hen­den Ent­bin­dung sei­nes zwei­ten »Stamm­hal­ters« zusam­men­hän­gen. Kurz­um – er stand zur Ver­fü­gung, als der Eil­trans­port mei­ner Mut­ter in die Geburts­kli­nik von Dr. Salz­we­del gegen­über dem Grei­zer Haupt­bahn­hof anstand, und punkt­ge­nau auf den ersten Weih­nachts­tag kam Ulrich Hein­rich, genannt Uli, auf die schon mäch­tig vom Krieg zer­zau­ste Welt. Am Nach­mit­tag fand die erste Besich­ti­gung des Neu­bür­gers der 1000-jäh­ri­gen Neben­stel­le der älte­ren reu­ßi­schen Linie statt. Kurz vor­her waren die jun­gen Müt­ter, die ihrem Füh­rer in schwe­ren Zei­ten noch ein Kind geschenkt hat­ten, aus dem Luft­schutz­kel­ler des Hau­ses in die Kran­ken­zim­mer rück­be­för­dert wor­den, was für den Chef­arzt und sei­ne Mit­ar­bei­ter eine äußerst schweiß­trei­ben­de Ange­le­gen­heit war. Dar­an hat sich unse­re Mut­ter noch oft erin­nert und min­de­stens eben­so oft davon erzählt.

Die der Kli­nik gegen­über­lie­gen­de Eisen­bahn­strecke nahm unter dem Mot­to »Räder müs­sen rol­len für den Sieg« unmit­tel­bar nach der Ent­war­nung wie­der den Betrieb auf. Und in den Häu­sern wur­de durch den Luft­schutz­wart streng kon­trol­liert, ob viel­leicht ein ver­rä­te­ri­scher Licht­schein durch die abge­dun­kel­ten Fen­ster­spal­ten nach außen drin­gen konn­te. Am spä­ten Fei­er­tag mach­ten wir uns wie­der auf den Heim­weg durch die ver­dun­kel­te Reu­ßen­stadt, deren Schloss eine fin­ste­re, bedroh­li­che Kulis­se abgab. Die­se Stim­mung erstreck­te sich auch auf den trüb­se­li­gen Weih­nachts­baum auf dem Markt­platz, des­sen Ker­zen man 1944 nicht zum ersten Mal inklu­si­ve der Sta­niol­fä­den aus­ge­spart hat­te. Ich erin­ne­re mich auch dar­an, dass sich der Heim­weg durch einen Flie­ger­alarm ver­zö­ger­te, der zum zwi­schen­zeit­li­chen und stich­flam­men­ar­ti­gen Auf­su­chen von Luft­schutz­räu­men, mit den Groß­buch­sta­ben »LSR« kennt­lich gemacht, ver­pflich­te­te. Die Abkür­zung wur­de von Muti­gen – sie muss­ten nicht unbe­dingt Kom­mu­ni­sten sein – mit »Lasst Sta­lin rein« oder »Lernt schnell Rus­sisch« frei über­setzt. Und manch einer, der die­se Defi­ni­ti­on auf­ge­grif­fen hat­te, ver­schwand plötz­lich spur­los und für immer aus der anson­sten reiz­vol­len thü­rin­gi­schen Landschaft.

Die letz­ten Wochen vor dem »Feind­alarm« ver­lie­fen regio­nal glimpf­lich, wenn man von zwei Bom­bar­die­run­gen der Stadt und der Erschie­ßung des Grei­zer Kom­man­dan­ten Haupt­mann von Western­ha­gen durch die SS absieht. Er hat­te sich gegen die Spren­gung der Elster­brücken und für die kampf­lo­se Über­ga­be der Stadt an die Alli­ier­ten ein­ge­setzt und damit Ver­rat am »Drit­ten Reich« geübt. Wäh­rend des dann fol­gen­den zwei­tä­gi­gen »Feind­alarms« hielt sich die Bevöl­ke­rung in den Haus­kel­lern auf, deren unter­ir­di­sche Ver­bin­dun­gen auf­ge­bro­chen wer­den konn­ten, um not­falls ins Nach­bar­ge­bäu­de umzu­schwen­ken. Als der Gefah­ren­zu­stand ent­warnt wur­de, bot sich fol­gen­des Bild dar: Die umlie­gen­den Fir­men stan­den zum gro­ßen Teil lich­ter­loh in Flam­men, der Him­mel über der Nach­bar­stadt Plau­en stell­te ein weit über das Vogt­land leuch­ten­des Feu­er­fa­nal dar, und auf den Stra­ßen lagen Fen­ster­kreu­ze, durch Luft­druck aus den Häu­sern gedrück­te Ein­gangs­to­re und dazwi­schen ab und zu Tote und Verletzte.

Jung­bru­der Uli und die Fami­lie durch­stan­den die Geburts­wo­chen und die dar­auf­fol­gen­de Man­gel­zeit ver­gleichs­wei­se gut, wozu das Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent mei­nes Vaters und gele­gent­li­che Lebens­mit­tel­zu­wen­dun­gen des väter­li­chen Nef­fen Hel­mut, der in der US Army dien­te, in Helmbrechts/​Oberfranken sta­tio­niert war und sich bei uns als Ver­wand­ter geoutet hat­te, bei­tru­gen. Uli und ich hat­ten die Näch­te in Alu­mi­ni­um­ba­de­wan­nen über­stan­den, die zu pro­vi­so­ri­schen Lie­ge­stät­ten umfunk­tio­niert wor­den waren.

Wie die Lage sonst noch war, lässt sich auch anhand fol­gen­der Epi­so­den bei­spiel­haft illu­strie­ren: Als der knapp zwei­jäh­ri­ge Uli 1946 kurz vor dem Fest gefragt wur­de, was er sich vom Weih­nachts­mann wün­sche, lau­te­te die Ant­wort schlicht und ergrei­fend »Ein‘ Dan­nen­baum un ein‘ Schdigg Leberwurschdbrod!«

Die Grei­zer Stra­ßen durch­zog damals ein kan­ni­ba­li­scher Gestank, der von einem unde­fi­nier­ba­ren Öl stamm­te, das Ein­woh­ner ille­gal aus Tank­wa­gen gezapft hat­ten. Die­sel­ben stan­den seit Wochen auf dem Güter­bahn­hof her­um. Es hat­te sich her­um­ge­spro­chen, dass man mit dem Sud bra­ten konn­te, wenn man sämt­li­che Woh­nungs­fen­ster öff­ne­te, sich die Nase zuhielt und das Gesot­te­ne erbar­mungs­los und ohne Rück­sicht auf die mög­li­chen gesund­heit­li­chen Fol­gen hin­un­ter­würg­te. Mit Zeit­zeu­gen kann ich aus jener Zeit aller­dings nicht mehr die­nen. Das ist ver­gleich­bar mit den Arbeits­kräf­ten, die jah­re­lang bei der SDAG Wis­mut im Erz­ge­bir­ge nach Uran schürf­ten und genera­ti­ons­wei­se aus dem Lebens­bild dahinschwanden.

Die Nach­kriegs­zeit ein­schließ­lich des Wech­sels der Besat­zungs­mäch­te haben wir inklu­si­ve der Wie­der­auf­nah­me des Schul­be­trie­bes, knap­per Lebens­mit­tel­zu­tei­lun­gen, dün­ner Sup­pen, der zwangs­wei­sen Ein­quar­tie­rung Ver­trie­be­ner aus ehe­ma­li­gen »deut­schen Ost­ge­bie­ten«, Strom­sper­ren et cete­ra über­stan­den. Was unse­re Eltern und Ver­wand­ten zu unse­rer Unter­stüt­zung getan haben, lässt sich gar nicht genü­gend wür­di­gen. Was sie aller­dings nicht ver­hin­dern konn­ten, war eine Krank­heit, die sich infol­ge der all­ge­mei­nen Man­gel­la­ge über­ra­schend aus­brei­ten konn­te: die Polio­mye­li­tis, volks­tüm­lich Kin­der­läh­mung genannt. Sie erwisch­te sowohl mei­nen damals 3-jäh­ri­gen Bru­der als auch mich als 12-Jäh­ri­gen, und wir hät­ten nicht über­lebt, wären nicht star­ke Eltern und gute Ärz­te an unse­rer Sei­te gewesen.

Weih­nach­ten 1944 ver­dient auch wegen eines wei­te­ren Fak­t­ums eine beson­de­re Erin­ne­rung. Bereits am Hei­lig­abend 1944, also einen Tag vor Uli, war mei­ne spä­te­re Frau im dama­li­gen ost­preu­ßi­schen Ort Schwe­rin an der Wart­he gebo­ren wor­den, was ich natür­lich nicht wis­sen konn­te. Mein spä­te­rer Schwie­ger­va­ter, den ich nie ken­nen­ler­nen soll­te, war dort sta­tio­niert, nach­dem der 19-Jäh­ri­ge nach einer Steck­schuss-Ver­wun­dung wie­der in einen kampf­fä­hi­gen Sol­da­ten ver­wan­delt wor­den war. Sei­ne Frau durf­te ihn in der dor­ti­gen Gar­ni­son über die Fei­er­ta­ge besu­chen, und justa­ment am Hei­li­gen Abend kam dort Toch­ter Mar­lis Chri­stel vor­zei­tig zur Welt. Danach über­schlu­gen sich die Ereig­nis­se: Die Front rück­te näher, und alle Zivi­li­sten muss­ten den Ort sofort ver­las­sen. Im kon­kre­ten Fal­le voll­zog sich das so, dass Mar­lis› Vater sei­ne Toch­ter bei grim­mi­ger Käl­te in Decken ver­pack­te, sei­ner Frau ein­trich­ter­te, das leben­de Paket unter kei­nen Umstän­den unter­wegs zu öff­nen. Danach wur­de es mit­samt der jun­gen Mut­ter auf dem letz­ten Lkw ver­staut, der die Gegend in Rich­tung Ber­lin ver­ließ. Der Abschied an der Lade­flä­che des Lkw war die letz­te Begeg­nung des Ehe­paa­res und der ein­zi­ge und letz­te per­sön­li­che Kon­takt des Vaters mit sei­ner Toch­ter und sei­ner Frau. Unmit­tel­bar danach wur­de die Front über­rollt, und es wur­den weder Tote noch Ver­miss­te aufgefunden.

Das Fahr­zeug erreich­te Ber­lin, die Insas­sen blie­ben am Leben und bezo­gen wie­der ihre Woh­nung in der Per­si­us­stra­ße im heu­ti­gen Stadt­be­zirk Fried­richs­hain. An einem der näch­sten Tage muss­ten sie den Luft­schutz­kel­ler des Hau­ses bezie­hen, in dem auch der Kin­der­wa­gen einen Platz fand. Danach folg­te die Bom­bar­die­rung und Ver­nich­tung des Hau­ses, und vom Haus­mei­ster, der noch neben dem Wagen gestan­den und mit den Kin­dern her­um­ge­schä­kert hat­te, fehlt seit­dem jede Spur.

Die­se an die Weih­nachts­ta­ge 1944 geknüpf­ten Ereig­nis­se fie­len mir ein, als mei­ne Frau neu­lich, am Hei­li­gen Abend 2019, und mein Bru­der einen Tag danach ihre 75. Geburts­ta­ge begin­gen und die Fami­lie und ihre Freun­de gratulierten.

Dass einen Tag zuvor in den Medi­en berich­tet wor­den war, die Rüstungs­ex­por­te unse­res Lan­des hät­ten im Vor­jah­res­zeit­raum einen neu­en Rekord erreicht, ist ein zufäl­li­ges Zusam­men­tref­fen von Fak­ten, das mit mei­ner unvoll­stän­di­gen Wür­di­gung zwei­er halb­run­der Geburts­ta­ge in kei­ner­lei kon­di­tio­na­ler Ver­bin­dung steht.