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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Höllenwelt und Hoffnung

Wer­ner Rüge­mer, der kri­ti­sche Publi­zist und Doku­men­ta­rist, hat eine ful­mi­nan­te Abhand­lung ver­öf­fent­licht. Ihr The­ma sind »Die Kapi­ta­li­sten des 21. Jahr­hun­derts«. Bei die­sen han­delt es sich einer­seits um die – wie es im Unter­ti­tel heißt – »neu­en Finanz­ak­teu­re« vor­wie­gend US-ame­ri­ka­ni­scher Pro­ve­ni­enz. Ande­rer­seits lässt sich the­ma­tisch auch »der kom­mu­ni­stisch geführ­te Kapi­ta­lis­mus Chi­nas« (S. 261 ff.) dar­un­ter sub­su­mie­ren. Der den Band abschlie­ßen­de Teil über den »Kapi­ta­lis­mus Chi­nas« umfasst aller­dings nur ein knap­pes Vier­tel des­sen, was im Gan­zen über die »neu­en Kapi­tal-Akteu­re des Westens« und das »Ver­hält­nis USA – Euro­päi­sche Uni­on« geschrie­ben wird. Die Chi­na-Pas­sa­gen erschei­nen des­halb wie eine Art Kon­trast­fo­lie. Sie zei­gen ein »wirt­schaft­lich und sozi­al nach­hal­tig aufstrebende[s]« Land, das »sich völ­ker­recht­lich kor­rekt ver­hält, men­schen­recht­lich auf­holt, defen­siv nach­rü­stet und eine mul­ti­po­la­re Welt­ord­nung mit­zu­ge­stal­ten sucht« (S. 318).

Im Gegen­satz dazu wird »die von den USA geführ­te west­li­che Kapi­tal-Demo­kra­tie« als ein System beschrie­ben, des­sen »volks­wirt­schaft­lich sinn­vol­le Lei­stung schrumpft; die Völ­ker­recht und Men­schen­rech­te ver­letzt; die zugleich schon glo­bal hoch­ge­rü­stet ist und eben­so lukra­tiv wie lügen­haft wei­ter auf­rü­stet und neben den klei­nen Krie­gen die mög­li­che mili­tä­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit Chi­na und im Vor­feld Russ­land vor­be­rei­tet« (ebd.).

Die Gegen­über­stel­lung von USA bezie­hungs­wei­se USA und EU auf der einen Sei­te und der Volks­re­pu­blik Chi­na auf der ande­ren ist span­nend geschrie­ben und lässt sich mit Gewinn lesen. Den Schwer­punkt der Unter­su­chung bil­det jedoch die detail­rei­che, bestens recher­chier­te Aus­leuch­tung des­sen, was im Buch gene­ra­li­sie­rend bezeich­net wird als »west­li­che Kapi­tal-Demo­kra­tie« (S. 7 und an vie­len ande­ren Stel­len), »gegen­wär­ti­ger Kapi­ta­lis­mus« (S. 188 und andern­orts), »west­li­cher Kapi­ta­lis­mus« (S. 194 und andern­orts), »Sili­con-Val­ley-Kapi­ta­lis­mus« (S. 152) und »Wild­west-Kapi­ta­lis­mus« (S. 197) oder als »pri­va­ti­sier­ter Staat« (S. 222).

Inner­halb des kapi­ta­li­sti­schen System­zu­sam­men­hangs kon­zen­triert sich die Stu­die Rüge­mers auf die per­so­nel­len und vor allem insti­tu­tio­nel­len Akteu­re sowie auf deren sowohl unter­ein­an­der als auch län­der­über­grei­fend (nicht zuletzt auch »trans­at­lan­tisch«) wirk­sa­mes Hand­lungs- und Inter­es­sen­ge­flecht: auf Kapi­tal­or­ga­ni­sa­to­ren wie Black­Rock (unlängst ins öffent­li­che Licht gerückt durch den Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den von Black­Rock Deutsch­land, Fried­rich Merz, CDU), Pri­va­te-Equi­ty-Inve­sto­ren, Hedge­fonds, Invest­ment-Ban­ken, Pri­vat­ban­ken, Ven­ture Capi­ta­lists, tra­di­tio­nel­le Ban­ken und die »Inter­net-Kapi­ta­li­sten« Goog­le, Face­book und Ama­zon.

Die reich­hal­ti­ge Lek­tü­re der Kapi­tel über »die neu­en Kapi­tal-Akteu­re des Westens« ermög­licht den bestür­zen­den Ein­blick in eine Höl­len­welt von Dante’schen und Breughel’schen Dimen­sio­nen – nur lei­der nicht in mit­tel­al­ter­li­cher Wei­se, son­dern von höch­ster und bedrücken­der Aktua­li­tät. Es ist erschreckend zu lesen, wie tief ver­an­kert sich Gesell­schaft, Poli­tik und Öko­no­mie im pro­fit­gie­ri­gen Sumpf der Über­wa­chung, Ent­mün­di­gung, Aus­beu­tung und Pro­fit­ma­che­rei befin­den. Nie­mand ist davon ausgenommen.

Will man die akri­bisch recher­chier­ten Aus­füh­run­gen von Wer­ner Rüge­mer auf einen zusam­men­fas­sen­den Nen­ner brin­gen, so lässt sich fest­hal­ten: Die bedroh­li­chen »Kapi­ta­li­sten des 21. Jahr­hun­derts« sind in erster Linie US-ame­ri­ka­ni­scher Her­kunft. Sie tum­meln sich vor­wie­gend auf dem Par­kett des Finanz­ka­pi­tals, der Glo­ba­li­sie­rung und der Digi­ta­li­sie­rung. Ihre Ver­bün­de­ten sind system­kon­for­me Poli­ti­ker, das krie­ge­ri­sche Mili­tär und die Rüstungs­in­du­strie, aka­de­mi­sche Voll­zugs­eli­ten und die »Alpha-Jour­na­li­sten« der (Leit-)Medien. Rating-Agen­tu­ren, Wirt­schafts­kanz­lei­en, Unter­neh­mens­be­ra­ter, Stif­tun­gen und Think Tanks bil­den die »zivi­le Pri­vat­ar­mee des trans­at­lan­ti­schen Kapi­tals« (S. 216 ff.).

Die »am läng­sten und dich­te­sten ver­floch­te­ne Kapi­tal­re­gi­on der Erde« ist die trans­at­lan­ti­sche Regi­on USA-EU. Die neu­en Finanz­ak­teu­re »haben die ohne­hin schon längst ent­wickel­te Domi­nanz des Kapi­tal-Stand­orts USA über West­eu­ro­pa beschleu­nigt« (S. 227). Die US-ame­ri­ka­ni­sche Vor­herr­schaft zei­ge sich unter ande­rem auch auf dem Gebiet des­sen, was Rüge­mer den »Kapi­tal-Digi­tal-Mili­tär-Kom­plex« nennt (sie­he S. 237-241), nicht zuletzt bei der Über­wa­chung des Inter­nets inner­halb Euro­pas. (Das erklärt die eska­lie­ren­den US-Maß­nah­men gegen den chi­ne­si­schen Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­kon­zern Hua­wei auf dem euro­päi­schen Markt.) Die USA kon­trol­lie­ren trans­ozea­ni­sche See­ka­bel, die Pro­duk­ti­on von Chips und Soft­ware, Ser­ver und Spei­cher­ka­pa­zi­tä­ten. »80 Pro­zent des west­li­chen Inter­net­ver­kehrs ver­läuft über die USA.« (S. 241) Hin­zu­kom­men in der Bun­des­re­pu­blik, mit­ten in Euro­pa, rund 30 US-Mili­tär­stütz­punk­te, Droh­nen-Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kno­ten und das größ­te Mili­tär­kran­ken­haus außer­halb der Ver­ei­nig­ten Staa­ten. »Deutsch­land ist der durch die USA bei wei­tem am inten­siv­sten besetz­te und über­wach­te Staat über­haupt.« (S. 245)

Ange­sichts der geschil­der­ten Über­macht der »neu­en Kapi­tal-Akteu­re des Westens« stellt sich die Fra­ge nach einem ret­ten­den Aus­weg. Obwohl er Chi­na als eine Art vor­bild­li­ches Gegen­stück schil­dert, beschwört Rüge­mer am Schluss sei­ner Aus­füh­run­gen letzt­end­lich »die­je­ni­gen, die sich für die Men­schen­rech­te, das Völ­ker­recht, die Demo­kra­tie ein­set­zen – das sind wir, die sich zusam­men­tun müs­sen« (S. 325).

Der Appell Rüge­mers klingt hilf­los und ver­zwei­felt. Was kön­nen »wir« und unser Enga­ge­ment für Men­schen­rech­te, Völ­ker­recht und Demo­kra­tie aus­rich­ten gegen die Macht­zu­sam­men­bal­lung der »Kapi­ta­li­sten des 21. Jahr­hun­derts«? Eine Ant­wort dar­auf bleibt der Autor schul­dig, weil er es unter­lässt, die syste­ma­ti­schen Wider­sprü­che des impe­ria­li­sti­schen Kapi­ta­lis­mus auf­zu­zei­gen. In einem Fort­set­zungs­band müss­te Rüge­mer die­se Wider­sprü­che ana­ly­sie­ren und in Ver­bin­dung den­ken mit den Ergeb­nis­sen der vor­lie­gen­den Stu­die über die insti­tu­tio­nel­len und per­so­nel­len Akteu­re des Kapitalismus.

Bei Wer­ner Rüge­mer wür­de das chi­ne­si­sche Ent­wick­lungs- und Fort­schritts­mo­dell dann wahr­schein­lich nicht als »der kom­mu­ni­stisch geführ­te Kapi­ta­lis­mus« bezeich­net wer­den, wie es bei ihm heißt. Viel­mehr sprä­che vie­les – bis­lang! – für die Erwä­gung, dass Chi­nas Staats­füh­rung einen Ent­wick­lungs­pfad ein­ge­schla­gen hat, der ent­schei­den­de Grund­sät­ze einer sozia­li­sti­schen Gesell­schafts­ord­nung ver­bin­det mit einer poli­tisch gesteu­er­ten Markt­öko­no­mie im Makro- und Mikro­maß­stab. Die­se Erkennt­nis wür­de den »Auf­stieg der neu­en Finanz­ak­teu­re« mit einer mar­xi­sti­schen Per­spek­ti­ve kon­fron­tie­ren, die hof­fen lässt, dass die kapi­ta­li­sti­sche Gesell­schafts­for­ma­ti­on über­wind­bar ist.

Wer­ner Rüge­mer: »Die Kapi­ta­li­sten des 21. Jahr­hun­derts. Gemein­ver­ständ­li­cher Abriss zum Auf­stieg der neu­en Finanz­ak­teu­re«, Papy­Ros­sa, 360 Sei­ten 19,90 €