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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Immunisierte Gesellschaft

2017 ver­öf­fent­lich­te der renom­mier­te Wis­sen­schafts­ver­lag Van­den­hoek & Ruprecht ein über 400 Sei­ten star­kes Buch über die Geschich­te des Imp­fens in Deutsch­land. 2021 erschien es nun als Son­der­aus­ga­be für die Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung zu einem hoch sub­ven­tio­nier­ten Preis von 4,50 € (statt vor­mals 70 €) – mit dem heu­te offen­bar nöti­gen Hin­weis: »Die­se Ver­öf­fent­li­chung stellt kei­ne Mei­nungs­äu­ße­rung der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung dar.«

Bri­sanz erhält die­ses Buch vor dem Hin­ter­grund der lau­fen­den Impf­pflicht-Debat­te und einer »Coro­na-Schutz­imp­fung«, die nicht vor Ansteckung und Krank­heit schützt, son­dern nach heu­ti­ger Les­art nur vor »schwe­ren Krank­heits­ver­läu­fen« bewahrt und viel­fach wie­der­holt wer­den muss (»Boo­ster-Imp­fung«).

Waren die Impf­pro­duk­ti­on und das »Impf­ge­schäft« bis in die 1930er Jah­re staats­na­hen Struk­tu­ren vor­be­hal­ten, kamen jetzt die Phar­ma­un­ter­neh­men ins Geschäft. Die­sem »Pro­zess der Ver­markt­li­chung« (S. 18) spürt der Autor Mal­te Thie­ßen nach und stellt fest, dass die Phar­ma­un­ter­neh­men von nun an »sub­ti­ler« vor­gin­gen. »Sie schür­ten Äng­ste, präg­ten Bil­der und Bedro­hungs­sze­na­ri­en und weck­ten bzw. erhöh­ten Bedürf­nis­se nach Imp­fun­gen.« Die Nazi-Zeit bringt die Phar­ma­un­ter­neh­men schließ­lich in eine domi­nan­te Rol­le: »Der Ver­markt­li­chung von Immu­ni­tät ent­sprach ein Rück­zug staat­li­cher Akteu­re bei der Pro­duk­ti­on neu­er Impf­stof­fe. (…) Die Ver­markt­li­chung von Immu­ni­tät seit den 1930er Jah­ren betont also ein­mal mehr das Amal­gam aus ›öko­no­mi­schen Erwä­gun­gen‹ und ›poli­ti­schen Über­zeu­gun­gen‹« (S. 135).

  1. Thie­ßen nennt hier die »Beh­ring­wer­ke« aus Mar­burg (Lahn), die 1929 von den »IG-Far­ben« über­nom­men wur­den. Mar­burg wur­de so zum für Deutsch­land wich­tig­sten Impf­stoff-Pro­duk­ti­ons­stand­ort. Die Beh­ring­wer­ke behiel­ten auch in den 1950er-Jah­ren ihre Vor­macht­stel­lung, und auch die Zer­schla­gung der IG-Far­ben »änder­te nichts an ihrer Ein­bin­dung in das Ver­triebs­sy­stem der Hoechst AG, die wie­der­um For­schungs­in­ve­sti­tio­nen in Mar­burg und eine pro­fes­sio­nel­le Pres­se­ar­beit garan­tier­te« (S. 266).

In die­ser Zeit kom­men erst­mals die »Mas­sen­me­di­en« ins Spiel, wo vor­her Auf­klä­rung, Über­zeu­gung und auch ein gewis­ser Zwang vor­herr­schend waren. »Wo sozia­ler Druck nicht aus­reich­te, soll­ten Äng­ste die Impf­be­tei­li­gung erhö­hen. Bei Ein­füh­rung der Diph­the­rie­schutz­imp­fung las man in Fach­zeit­schrif­ten eben­so wie in Tages­zei­tun­gen von bedroh­li­chen Ent­wick­lun­gen« (S. 162). Als »höchst funk­tio­nal« gal­ten »Bedro­hungs-Sze­na­ri­en«, »Schreckens­mel­dun­gen«, »Gefühls­po­li­tik« und »Angst«.

Inter­es­sant ist fol­gen­der Aspekt: »Ange­sichts der natur­heil­kund­li­chen Strö­mun­gen in der NSDAP wit­ter­ten Impf­geg­ner Mor­gen­luft. (…) Der Höhen­flug der Impf­geg­ner ende­te jäh. Im Dezem­ber 1933 erklär­te Innen­mi­ni­ster Wil­helm Frick sämt­li­che »Impf­geg­ner- und Impf­zwang­geg­ner-Ver­ei­ni­gun­gen für auf­ge­löst und ver­bot jede impf­geg­ne­ri­sche Bestä­ti­gung« (S. 145).

Unauf­ge­regt, als »sozia­li­sti­sches Selbst­ver­ständ­nis« kommt die Immu­ni­tät in der DDR« daher. Auf einem Pla­kat vor einer Poli­kli­nik in Zwickau Anfang der 1980er Jah­re ist zu lesen: »Der Sozia­lis­mus ist die beste Pro­phy­la­xe« (Bild auf S. 305). Das Impf­ge­sche­hen in der DDR beur­teilt M. Thie­ßen als »Prag­ma­tis­mus im All­tag«; er benennt »Aus­hand­lungs­pro­zes­se« und eine frü­he Ent­schä­di­gung bei Impf­schä­den. Als in West­deutsch­land 1960 noch Polio-Epi­de­mien wüte­ten, war die DDR-Gesell­schaft seit 1958 zu gro­ßen Tei­len immu­ni­siert gegen die Kin­der­läh­mung – auch hier gab es einen Systemwettbewerb.

Wer sich sach­lich-inhalt­lich auf die kom­men­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen um die Coro­na­schutz-Pflicht-Imp­fung vor­be­rei­ten möch­te, dem sei die­ses Buch sehr zur Lek­tü­re empfohlen.

Ein Auf­ar­bei­tungs­ka­pi­tel über die Rol­le der Mas­sen­me­di­en, der Qua­li­täts­zei­tun­gen, des öffent­lich-recht­li­chen Rund­funks und Fern­se­hens und der Big­Phar­ma-Unter­neh­men im Zusam­men­spiel mit der Poli­tik wäh­rend und bei der Bewäl­ti­gung der Coro­na-Pan­de­mie steht aller­dings noch aus.

Mal­te Thie­ßen: »Immu­ni­sier­te Gesell­schaft: Imp­fen in Deutsch­land im 19. und 20. Jahr­hun­dert« (Kri­ti­sche Stu­di­en zur Geschichts­wis­sen­schaft), Gebun­de­ne Aus­ga­be 2017, Son­der­aus­ga­be 2021.