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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Stimme der Kriegskinder

Unse­re Stim­me wird in der Abend­däm­me­rung unse­res Lebens lei­ser. Das Lei­se-Wer­den gebührt uns, es gehört zu den Tugen­den des Alters. Was uns nicht gebührt, ist, dass wir resi­gniert ver­stum­men. Denn wir sind Euch Jün­ge­ren schul­dig, dass wir den Mund auf­ma­chen, nicht um Euch zu beru­hi­gen, son­dern um Euch zu beun­ru­hi­gen; und wir spre­chen zu Euch, nicht weil wir vor Alters­weis­heit strot­zen, son­dern weil wir die Erfah­rung des Krie­ges, die sich uns in den Bom­ben­näch­ten ein­präg­te, ein Leben lang mit uns her­um­ge­tra­gen haben. Das Wort »Krieg« ist in aller Mun­de, und es ist beäng­sti­gend, wie geschmei­dig es sich in das täg­li­che Sam­mel­su­ri­um der Nach­rich­ten ein­fügt, als sei Krieg ein Gegen­stand wie jeder andere.

Unse­re Vor­stel­lun­gen vom Krieg ent­ste­hen nicht aus den wirk­mäch­ti­gen Bil­dern, die uns auf unse­ren klei­nen und gro­ßen Bild­schir­men auf­ge­tischt wer­den. Sie tau­chen, ob wir wol­len oder nicht, auf aus unse­ren leib­haf­ti­gen Erin­ne­run­gen und kön­nen nicht Ruhe geben: das Heu­len der Sire­nen, das die Bom­ben ankün­dig­te, die Trüm­mer ein paar Häu­ser wei­ter, in denen wir bei Stra­fe nicht spie­len durf­ten wegen der Blind­gän­ger und der Ein­sturz­ge­fahr; die Bun­ker, in die wir bei­na­he jede Nacht gebracht wur­den und in denen wir dicht­ge­drängt bei­ein­an­der saßen; das Ent­set­zen, wenn nahe­bei eine Bom­be nie­der­ging und der gan­ze Bun­ker wackel­te; und die Fin­ster­nis, wenn das Licht erlosch und nur noch ein auf die Wand auf­ge­tra­ge­nes Phos­phor­qua­drat eine Illu­si­on von Licht auf­recht­erhielt; die Sor­ge, ob das Haus, in dem wir wohn­ten, noch stand, wenn wir nach dem Bom­ben­an­griff aus dem Bun­ker »nach­hau­se« gin­gen; das Kind, das sich in pani­scher Angst mit Hän­den und Füßen dage­gen wehr­te, die Gas­mas­ke auf­zu­pro­bie­ren, und die Mut­ter, die nicht ver­moch­te, ihrem Kind, um sei­ner Sicher­heit wil­len, die­se Gewalt anzu­tun; der Hun­ger, der weh­tat; und die Riva­li­tät der Geschwi­ster um das kar­ge Brot; die Frost­beu­len, die juck­ten, aber nicht gekratzt wer­den durften.

Unse­re Erfah­rung vom Kriegs­ge­sche­hen reicht über die Kind­heits­er­leb­nis­se nicht hin­aus, aber das genügt, um uns mit den getö­te­ten, ver­wun­de­ten und ver­äng­stig­ten Kin­dern in der Ukrai­ne ver­bun­den zu füh­len, und es macht es uns unmög­lich, über ihre Lei­den hin­weg­zu­se­hen. Je län­ger die­ser Krieg dau­ert, desto mehr wird ihr Leben von ihren Kriegs­er­fah­run­gen beherrscht sein, sie wer­den, wie wir, Kriegs­kin­der sein. Sie haben kei­ne Stim­me, um das Schwei­gen der Waf­fen und den Weg der Ver­hand­lun­gen ein­zu­for­dern. Wir tun das an ihrer statt, und wir tun es auch aus eige­ner Angst vor einer nuklea­ren Eska­la­ti­on, für die nie­man­des – wirk­lich nie­man­des – Vor­stel­lungs­ver­mö­gen reicht.

Wie wir spä­ter erfuh­ren, gehör­ten wir auf die Sei­te der Angrei­fer in die­sem ver­bre­che­ri­schen Krieg – und waren doch sei­ne Opfer. Und wir muss­ten ler­nen, dass die Bom­ben­ein­schlä­ge, vor denen wir uns so gefürch­tet haben, dem Ter­ror­re­gime des Hit­ler­fa­schis­mus ein Ende setz­ten. Mil­lio­nen Sol­da­ten, US-ame­ri­ka­ni­sche, sowje­ti­sche, bri­ti­sche, fran­zö­si­sche haben dabei ihr Leben gelas­sen. Mit dem Wider­spruch, dass die, die uns bom­bar­dier­ten, zugleich unse­re Befrei­er waren, muss­ten die­je­ni­gen unter uns, die sich zum Pazi­fis­mus bekann­ten, leben. Zwei berühm­te Pazi­fi­sten des Ersten Welt­kriegs, Albert Ein­stein und Bert­rand Rus­sel »haben sich mit guten Grün­den für den alli­ier­ten Krieg gegen Hit­ler-Deutsch­land aus­ge­spro­chen. In die­ser dra­ma­ti­schen histo­ri­schen Situa­ti­on, in der das Über­le­ben der Mensch­lich­keit auf der Kip­pe stand, (…) mach­ten bei­de schwe­ren Her­zens und vol­ler Über­zeu­gung« die eine, ein­zi­ge Aus­nah­me von ihrem Pazi­fis­mus. Nach Kriegs­en­de ver­stan­den sie sich wei­ter als Pazi­fi­sten und »ergrif­fen wie­der und wie­der das Wort gegen Korea­krieg, Hoch­rü­stung und Atom­kriegs­ge­fahr« (Olaf Müller).

Wir fürch­ten uns vor den Furcht­lo­sen, die erst den Krieg gewin­nen wol­len, um dann Frie­den zu machen. Aber Sieg reimt sich auf »Krieg«, nicht auf »Frie­den«. Der Frie­den unter­ste­he uns nicht, sagt Eugen Rosen­stock-Hues­sy: »Er ist nur dem ver­hei­ßen, der sich nach ihm sehnt. Das begreift kein Pla­ner. Trotz­dem ist es wahr: Frie­de ohne vor­her­ge­hen­de Sehn­sucht kann nicht kom­men.« Und er fügt hin­zu: »Wo die Men­schen sprach­lich ver­öden, droht Krieg. Kal­ter Krieg mei­net­we­gen. Aber Frie­de heißt mit­ein­an­der sprechen.«

Woher soll die Frie­dens­sehn­sucht aber kom­men in unse­rem Land, in dem die öffent­li­che Mei­nung nach allen Regeln des media­len Know-hows dar­auf ein­ge­schwo­ren wird zu glau­ben, man kön­ne und müs­se gegen eine Atom­macht einen Sieg erfech­ten, um eine gün­sti­ge Aus­gangs­po­si­ti­on für das dann erst mög­li­che Gespräch zu haben? Dass sich die »Hoff­nung« auf ein fried­li­ches – wenn schon nicht Mit­ein­an­der, so doch wenig­stens – Neben­ein­an­der auf immer mon­strö­se­re Maschi­nen rich­tet, deren letz­ter Daseins­zweck dar­in besteht, zu töten und zu zer­stö­ren, macht uns fas­sungs­los. Um die­ser per­ver­tier­ten Hoff­nung Gel­tung zu ver­schaf­fen, wird die Hoff­nung auf Ver­söh­nung als Ideo­lo­gie der Schwäch­lin­ge dif­fa­miert. Ohne alles Beden­ken, ohne Trau­er, ohne ent­setz­tes Inne­hal­ten wird in die­ser »Zei­ten­wen­de« die gro­ße Tra­di­ti­on der Frie­dens­stif­ter für indis­ku­ta­bel erklärt. Die jesu­a­ni­sche Bot­schaft von der Fein­des­lie­be, die Gewalt­lo­sig­keit, der Gan­dhi mit dem Salz­marsch ein poli­ti­sches Gesicht gab, der zivi­le Unge­hor­sam, zu dem Mar­tin Luther King die Unter­drück­ten ermu­tig­te. Aber auch der Pazi­fis­mus Albert Ein­steins, Bert­rand Rus­sels, Diet­rich Bon­hoef­fers und der vie­len namen­lo­sen Ande­ren, die sich ihnen anschlos­sen und dafür ein­stan­den, oft mit ihrem Leben, wird mit einem Hand­streich für erle­digt erklärt; und, statt dass ihre Geschich­ten erzählt wer­den, wer­den sie in die Rum­pel­kam­mern der Geschich­te beför­dert; mit­samt der »Berg­pre­digt«, die uns ein­dring­lich ermahnt, alles ste­hen und lie­gen zu las­sen und der Ver­söh­nung mit dem ver­fein­de­ten Nach­barn Vor­rang vor allem ande­ren zu gewähren.

Wir war­nen: Es ist schlecht um die demo­kra­ti­sche Zukunft eines Lan­des bestellt, in dem die »Worte­ma­cher des Krie­ges« (Franz Wer­fel), das Sagen haben. Sie nen­nen die­je­ni­gen, die Beden­ken tra­gen gegen den Ein­satz von immer mehr Waf­fen, ver­ächt­lich Zau­de­rer; die­je­ni­gen, die Kom­pro­mis­se erwä­gen, wer­den als Ver­rä­ter gebrand­markt, die Vor­sich­ti­gen nen­nen sie fei­ge, die Besorg­ten schwäch­lich und die Pazi­fi­sten traum­du­se­lig, ver­rückt oder gefähr­lich. Wirk­lich gefähr­lich ist die viel beschwo­re­ne »Geschlos­sen­heit«, die alle zu Mei­nungs­kom­pli­zen macht. Ohne Gegen­stim­men, die sich auch Gehör ver­schaf­fen kön­nen, gibt es kei­ne Demo­kra­tie. Auf eine bestür­zen­de Wei­se ver­ge­hen sich die ein­fluss­reich­sten Medi­en an ihrer Infor­ma­ti­ons- und Bericht­erstat­tungs­pflicht und betä­ti­gen sich als Mei­nungs­ma­cher und Volks­er­zie­hungs­agen­tu­ren zur Her­stel­lung der gro­ßen Ein­hel­lig­keit. Unab­läs­sig bestär­ken sie die Ansicht, dass das gan­ze Gute auf unse­rer Sei­te, der Sei­te der west­li­chen Alli­anz, ist und das gan­ze Böse jen­seits der Demarkationslinie.

Ver­söh­nung aber beginnt damit, den eige­nen Anteil dar­an, dass es so weit hat kom­men kön­nen, red­lich zu erfor­schen und dann auch zu beken­nen. Der Papst hat zu Beginn des Krie­ges die Fra­ge auf­ge­wor­fen, ob der völ­ker­rechts­wid­ri­ge Angriff auf die Ukrai­ne etwas zu tun habe mit dem »Bel­len der NATO vor den Türen Russ­lands«. Er hat dafür einen Sturm der Empö­rung geern­tet. Aber nicht die­se Fra­ge ist gefähr­lich für den Bestand der west­li­chen Demo­kra­tien, son­dern ihre Unterdrückung.

»Die Suche nach Wahr­heit kann nur gedei­hen auf dem Nähr­bo­den gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens« (Ivan Illich). Es macht das Wesen des Ver­trau­ens aus, dass es nur dann ent­ste­hen und sich bewäh­ren kann, wenn man es wagt. Und die Fra­ge, wer den ersten Schritt tun muss, stellt sich nicht. Es kommt nur dar­auf an, dass er getan wird.

Wir laden alle ein – sei­en sie alt oder jung oder irgend­wo dazwi­schen –, die dar­auf bestehen, Anders­den­ken­de zu sein und ihre Hal­tung im Gespräch mit Anders­den­ken­den immer neu auf die Pro­be zu stel­len. Eröff­nen wir das gene­ra­tio­nen­über­grei­fen­de, unge­gän­gel­te Gespräch, wo immer sich Gele­gen­heit bie­tet oder her­stel­len lässt. Las­sen wir uns von Denk­ver­bo­ten nicht ein­schüch­tern, geben wir der Sehn­sucht nach dem Frie­den eine Stimme.

 Die­ser Text ist die Grund­la­ge eines »Mani­fe­stes der Acht­zig­jäh­ri­gen«, das in kur­zer Zeit mehr als 1500 Men­schen unter­zeich­net haben. Wer eben­falls unter­zeich­nen möch­te, wen­det sich bit­te an: manifest.der.80jaehrigen@gmail.com