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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ohne Gemeinnutz?

Das Finanz­amt für Kör­per­schaf­ten I Ber­lin ent­zog der Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schi­stin­nen und Anti­fa­schi­sten (VVN-BdA) Anfang Novem­ber den Sta­tus der Gemein­nüt­zig­keit, ver­bun­den mit exi­stenz­be­dro­hen­den Steu­er­nach­for­de­run­gen. Als Recht­fer­ti­gung dient die Behaup­tung in Ver­fas­sungs­schutz­be­rich­ten Bay­erns, der dor­ti­ge Lan­des­ver­band der VVN-BdA sei »links­ex­tre­mi­stisch beein­flusst« (vgl. Ossietzky 24/​2019). Die­ser Skan­dal ver­an­lass­te den 94-jäh­ri­gen Gün­ter Pap­pen­heim, einen Brief an Bun­des­fi­nanz­mi­ni­ster Olaf Scholz zu richten.

Er schil­dert dar­in die fami­liä­re Situa­ti­on in sei­nem Eltern­haus und erin­nert dar­an, dass sein Vater, Lud­wig Pap­pen­heim, einer der Begrün­der der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Deutsch­lands in Schmal­kal­den war und das Ver­trau­en der Men­schen genoss, weil er mit sei­nem Ver­ständ­nis von sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Poli­tik für die Durch­set­zung ihrer Inter­es­sen ein­trat. Im Früh­jahr 1932 schlu­gen Nazis in sei­nem Wohn­haus die Fen­ster­schei­ben ein und rie­fen öffent­lich zum Mord auf: »Schlagt die Juden­sau tot!« Ohne Haft­be­fehl wur­de Lud­wig Pap­pen­heim am 25. März 1933 ver­haf­tet und unter faden­schei­ni­gen Grün­den trotz sei­ner Immu­ni­tät als Par­la­men­ta­ri­er unter »Schutz­haft« gestellt. Nach Miss­hand­lun­gen und Fol­ter brach­ten ihn die Hit­ler­fa­schi­sten am 4. Janu­ar 1934 im KZ Neu­sustrum bestia­lisch um. Sei­ner Frau, seit 1925 eben­falls akti­ve Sozi­al­de­mo­kra­tin, wur­de es ver­wehrt, ihren Mann in Schmal­kal­den zu bestat­ten. Sie erhielt kei­ne staat­li­che Unter­stüt­zung und hat­te für vier Kin­der zu sorgen.

Ihren Sohn Gün­ter ver­haf­te­te die Gesta­po am 14. Juli 1943 nach einer Denun­zia­ti­on. Gesta­po-Beam­te miss­han­del­ten ihn im Gefäng­nis Suhl und brach­ten ihn in das Arbeits­la­ger Am Gleich­berg. Von dort ver­schlepp­ten die Nazis ihn in das KZ Buchen­wald, wo er fort­an der Häft­ling Num­mer 22514 war. Dank der soli­da­ri­schen Hil­fe sol­cher Kame­ra­den wie des Sozi­al­de­mo­kra­ten Her­mann Brill und des Kom­mu­ni­sten Wal­ter Wolf gehör­te er zu den 21.000 Über­le­ben­den des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers, die am 19. April 1945 auf dem Appell­platz den »Schwur von Buchen­wald« lei­ste­ten. Des­sen Kern-aus­sa­ge »Die Ver­nich­tung des Nazis­mus mit sei­nen Wur­zeln ist unse­re Losung. Der Auf­bau einer neu­en Welt des Frie­dens und der Frei­heit ist unser Ziel.« wur­de Gün­ter Pap­pen­heim eben­so wie den mei­sten sei­ner Kame­ra­den zur Lebens­ma­xi­me. Und als sich 1947 die VVN als gesamt­deut­sche über­par­tei­li­che Ver­folg­ten­or­ga­ni­sa­ti­on grün­de­te, gehör­te er zu den ersten Mitgliedern.

In sei­nem Brief fragt er den Bun­des­fi­nanz­mi­ni­ster: »Lässt sich vor­stel­len, wie ich mich als Vize­prä­si­dent des Inter­na­tio­na­len Komi­tees Buchen­wald-Dora und Kom­man­dos schä­me, mei­nen Kame­ra­den sagen zu müs­sen, dass wir in Deutsch­land, das sich rühmt, ein frei­heit­lich-demo­kra­ti­scher Rechts­staat zu sein, regie­rungs­amt­lich wie­der Ver­folg­te sind? Soll ich mei­nen Kame­ra­den erklä­ren müs­sen, dass die vom AfD-Funk­tio­när, dem Faschi­sten Höcke, gefor­der­te ›geschichts­po­li­ti­sche Wen­de um 180 Grad‹ jetzt staat­li­cher­seits betrie­ben wird, indem mit faden­schei­nig­sten Begrün­dun­gen der Ver­folg­ten­or­ga­ni­sa­ti­on die mate­ri­el­le Hand­lungs­fä­hig­keit ent­zo­gen wird? Muss ich mei­nen fran­zö­si­schen Kame­ra­den, die den Prä­si­den­ten der Repu­blik Frank­reich ver­an­lass­ten, mich als Anti­fa­schi­sten zum ›Kom­man­deur der Ehren­le­gi­on‹ zu ernen­nen, jetzt erklä­ren, dass in Deutsch­land Anti­fa­schis­mus nicht gemein­nüt­zig, weil poli­tisch ist?« Gün­ter Pap­pen­heim bezeich­net es als »eine Schan­de, dass mit der Zer­schla­gung des­sen, was wir 1945 als anti­fa­schi­sti­schen Kon­sens ver­stan­den, gewar­tet wur­de, bis fast kei­ne Zeu­gen faschi­sti­scher Ver­bre­chen mehr vor­han­den sind, um ihre pro­te­stie­ren­de Stim­me erhe­ben zu kön­nen.« Er müs­se »fest­stel­len, dass wohl­klin­gen­de For­de­run­gen in deut­schen Poli­ti­ker­re­den, die offen sicht­ba­re Rechts­ent­wick­lung zurück­drän­gen zu müs­sen, nicht glaub­haft sind, wenn zugleich zivil­ge­sell­schaft­li­che Kräf­te, wie sie in der VVN-BdA, bei Attac oder Cam­pact agie­ren, in finan­zi­el­le Fes­seln gelegt wer­den«. Unter den Bedin­gun­gen immer drei­ster, fre­cher, anma­ßen­der, gewalt­sa­mer und öffent­lich­keits­wirk­sa­mer wer­den­den Han­delns rechts­ex­tre­mer Kräf­te ziel­ge­rich­tet Gegen­be­we­gun­gen aus­zu­schal­ten, bezeich­net Gün­ter Pap­pen­heim als nicht nur grob fahr­läs­sig, son­dern höchst gefähr­lich. Die mah­nen­den Gedan­ken des Anti­fa­schi­sten und Zeit­zeu­gen Gün­ter Pap­pen­heim soll­ten vom Bun­des­fi­nanz­mi­ni­ster und sei­nen Beam­ten gut bedacht werden.