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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Quijote in Berlin

Nach der Pre­mie­re des »Don Qui­jo­te« am 12. Okto­ber im Deut­schen Thea­ter hol­te gro­ßer Applaus die Schau­spie­ler Ulrich Mat­thes und Wolf­ram Koch wie­der und wie­der auf die Büh­ne zurück – Jan Bos­ses Insze­nie­rung war stim­mungs­voll ange­nom­men wor­den, man fühl­te sich gut unter­hal­ten und rund­um zufrie­den. Es war, als sei­en alle mit Bos­ses’ Sicht auf den Rit­ter von der trau­ri­gen Gestalt und der Dar­stel­lung der Mimen eins gewe­sen: So und nicht anders! Ob da auch eini­ge waren, die sich den Don Qui­jo­te weni­ger naiv, trot­zi­ger, männ­li­cher und weit, weit ver­rück­ter vor­ge­stellt hat­ten als Ulrich Mat­thes ihn gab, geklei­det wie er war im wei­ßen Gewand mit locker über­ge­wor­fe­nem Ket­ten­hemd und einer Art mit Blu­men geschmück­tem Helm auf dem Kopf? Was den San­cho Pan­za anging: Zwar wer­den die mei­sten einen dick­li­chen Knecht erwar­tet haben, einen unter­setz­ten bäu­er­li­chen San­cho Pan­za, den aber konn­te Wolf­ram Koch nicht ver­kör­pern, denn Koch ist groß und stark. Das Wesen des Pan­za jedoch offen­bar­te er mit Ver­ve, Witz und Schläue und mit einer Ver­schla­gen­heit, die getarnt war durch Erge­ben­heit. Und erst die­se enor­me Agi­li­tät – Koch sprang und klet­ter­te, schlug hin wie ein gefäll­ter Baum, schlief schnar­chend, und in den wachen Stun­den pfleg­te er oft­mals sei­nen Bauch. Er schar­wen­zel­te um sei­nen Herrn her­um, rede­te ihm zu Mun­de, über­schüt­te­te ihn mit Tira­den und mach­te sich so zum Bestim­men­den. Der Don in sei­ner Sanft­heit gab sich als unter­le­gen, er lächel­te resi­gniert und wirk­te ziem­lich hilf­los. Und als er schließ­lich ein Ohr ver­lor, zeig­te er sich dem San­cho Pan­za aus­ge­lie­fert wie ein ver­wun­de­ter Krie­ger dem Sani­tä­ter im Laza­rett. Ein­mal – war­um bloß? – muss­te sich Qui­jo­te vom Pan­za fes­seln las­sen, und es kenn­zeich­ne­te ihr Mit­ein­an­der, dass er wie eine Mumie zu ver­har­ren hat­te bis Pan­za ihn befrei­te. Spä­te­stens da zeich­ne­te sich ab, dass Pan­za die Ober­hand über Qui­jo­te hat­te – ein Hin­weis auf Zukünf­ti­ges! Ein Unter­ge­be­ner muss­te nicht all­zeit unter­ge­ben blei­ben. Im Stück fehl­te Qui­jo­te das Ross, und jenes heiß begehr­te Weib, sei­ne Dul­ci­nea del Tobo­so, gab es nur in der Phan­ta­sie. Real und bedroh­lich blieb, was sich ihm ent­ge­gen zu stel­len schien: Wind­müh­len, Ham­mel­her­den und Rot­wein­schläu­che. Dabei kamen Rit­ter und Knecht kaum vom Fleck, rund um eine rie­si­ge Kiste hat­ten sie zu agie­ren, zuwei­len oben drauf, zuwei­len auch im Inne­ren, die Kiste war für bei­de die Welt, in der sie zu bestehen, sich ihrer Haut zu weh­ren hat­ten und gegen die anzu­kämp­fen war – oh, wie schwer es Don Qui­jo­te fiel, sich zu behaup­ten! Schwer auch für die Mimen: Der über tau­send Sei­ten star­ke Roman des Miguel de Cer­van­tes laste­te auf den Schul­tern von Ulrich Mat­thes und Wolf­ram Koch. Das hat­ten die bei­den aus­zu­hal­ten, und mit Bra­vour hiel­ten sie es an die drei Thea­ter­stun­den aus!

Näch­ste Vor­stel­lun­gen: 30. Novem­ber, 26. Dezem­ber; mit eng­li­schen Übertiteln.