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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Soldat 70 wird 50

Wan­ne-Eickel Haupt­bahn­hof am 1. Juli 1970: Auf dem Bahn­steig Abschieds­sze­nen, 250 jun­ge Män­ner war­ten auf den Son­der­zug in Rich­tung Mün­ster, Han­no­ver und Ham­burg. Auf dem Bahn­steig erregt eine Grup­pe mit roten Fah­nen Auf­se­hen, die Flug­blät­ter mit der Über­schrift »Sol­dat 70 – Wehr­pflich­ti­ge mel­den sich zu Wort« ver­teilt. Spä­ter im Zug ver­su­chen Feld­jä­ger, die Blät­ter ein­zu­sam­meln, was auf­ge­kom­me­ne Dis­kus­sio­nen nur ver­stärkt und dazu führt, dass vie­le der neu­en Wehr­pflich­ti­gen das dop­pel­te A4-Blatt fal­ten und gut verstauen.

Poli­ti­sche Ver­än­de­run­gen seit Mit­te der 60er Jah­re, die in der Her­aus­bil­dung der Außer­par­la­men­ta­ri­schen Oppo­si­ti­on (APO), dem Regie­rungs­wech­sel von 1969 und wenig spä­ter in der Neu­en Ost­po­li­tik ihren sicht­bar­sten Aus­druck fan­den, hat­ten die Bun­des­wehr erreicht und führ­ten auch hier zu poli­ti­schen Kon­tro­ver­sen über Auf­ga­ben und Rol­le der Bun­des­wehr. Neu war, dass sich auch Wehr­pflich­ti­ge in die Dis­kus­si­on einmischten.

Die Bun­des­wehr, per­so­nell wie ideell durch­setzt von der Tra­di­ti­on der faschi­sti­schen Reichs­wehr (Reichs­wehr bis 1934, dann Wehr­macht), stand im Wider­streit eines demo­kra­ti­schen Anspru­ches (Kon­zep­ti­on vom Staats­bür­ger in Uni­form) und Revan­che­ge­lü­sten, die dar­auf abziel­ten, die euro­päi­schen Nach­kriegs­gren­zen gewalt­sam zu ändern.

Zu die­ser Zeit wur­den alle gesell­schaft­li­chen Berei­che der Bun­des­re­pu­blik mit tief­grei­fen­den Fra­ge­stel­lun­gen, Dis­kus­sio­nen und Aktio­nen der APO kon­fron­tiert, auch die Bun­des­wehr. Im Sep­tem­ber 1968 rief der Sozia­li­sti­sche Deut­sche Stu­den­ten­bund auf, die Mit­glie­der der außer­par­la­men­ta­ri­schen Oppo­si­ti­ons­grup­pen soll­ten in die Bun­des­wehr gehen, um die bereits bestehen­de Unsi­cher­heit der Sol­da­ten zu ver­tie­fen, ihre Abnei­gung gegen den Wehr­dienst zu ver­stär­ken und ihr Ver­ständ­nis für die Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rung zu ver­meh­ren (WAZ, 10.9.1968). Den Aus­tritt aus der NATO und den Kampf gegen Mili­ta­ris­mus und Kriegs­vor­be­rei­tung hat­te schon im Mai die Sozia­li­sti­sche Deut­sche Arbei­ter­ju­gend auf ihrem Grün­dungs­kon­gress in Essen gefor­dert (elan, Juni 1968).

Nach­dem sich 1968/​69 ver­ein­zelt Wehr­pflich­ti­ge inner­halb der Bun­des­wehr zum Bei­spiel gegen die Not­stands­ge­set­ze und den Krieg der USA in Viet­nam gewen­det hat­ten, mel­de­te sich im Som­mer 1970 eine grö­ße­re Grup­pe wehr­pflich­ti­ger Sol­da­ten zu Wort.

 

Pres­se­kon­fe­renz in Bonn

In der vor­ge­stell­ten Stu­die »Sol­dat 70« setz­ten sich die zunächst 13, spä­ter 140 nament­lich genann­ten Unter­zeich­ner mit anti­de­mo­kra­ti­schen Bestre­bun­gen in der Bun­des­wehr, dem Auf­trag der Streit­kräf­te und der Hoch­rü­stung und Mili­ta­ri­sie­rung in der BRD aus­ein­an­der. Sie for­der­ten die Been­di­gung der »Het­ze gegen die Sowjet­uni­on und die DDR«, die Aner­ken­nung der nach dem Zwei­ten Welt­krieg ent­stan­de­nen Gren­zen in Euro­pa, die »Mit­wir­kung der BRD an der Schaf­fung eines gesamt­eu­ro­päi­schen Sicher­heits­sy­stems« sowie »die Ent­las­sung aller Unter­of­fi­zie­re und Offi­zie­re, die sich in neo­na­zi­sti­schen Orga­ni­sa­tio­nen betä­ti­gen«, und »aller Vor­ge­setz­ten, die der Hit­ler-Cli­que dien­ten und wei­ter­hin an ihrer reak­tio­nä­ren Gesin­nung fest­hal­ten«. Auch For­de­run­gen nach Erhö­hung des Wehr­sol­des, frei­er Benut­zung öffent­li­cher Ver­kehrs­mit­tel sowie »frei­er poli­ti­scher und gewerk­schaft­li­cher Betä­ti­gung« der Sol­da­ten wur­den erhoben.

Auf dem ersten über­re­gio­na­len »Kon­greß Jugend gegen Kriegs­dienst« der Deut­schen Friedensgesellschaft/​Internationale der Kriegs­dienst­geg­ner im Mai 1970 erläu­ter­ten Ver­tre­ter von Sol­dat 70 ihr Anlie­gen vor den über 900 Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rern. Unter Beru­fung auf Karl Lieb­knecht for­der­te der Schüt­ze Peter Tuch­sche­rer, die Sol­da­ten der Bun­des­wehr nicht der Ideo­lo­gie der Herr­schen­den zu über­las­sen. Die anti­mi­li­ta­ri­sti­sche Arbeit in der Bun­des­wehr sei eben­so wie die Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rung anti­mi­li­ta­ri­sti­scher Kampf (WAZ, 15.5.1970).

»Marx läßt grü­ßen«, kom­men­tier­te die WAZ; die Infor­ma­ti­on für die Trup­pe sprach von einem »Pam­phlet«, von dem sich »alle maß­voll Den­ken­den ange­wi­dert abwen­den«, Loy­al – das kri­ti­sche Wehr­ma­ga­zin befand zu Sol­dat 70 »absur­de, durch nichts beleg­te Behaup­tun­gen«, wäh­rend die damals viel­ge­le­se­ne Sati­re-Zeit­schrift Par­don ihrem infor­ma­ti­ven Arti­kel einen Cou­pon bei­füg­te und zur Bestel­lung des »Dis­kus­si­ons­ma­te­ri­als Sol­dat 70« aufrief.

Am 22. Mai 1970 schritt die Bun­des­wehr­füh­rung ein und woll­te die sich ver­brei­ten­de Dis­kus­si­on unter­bin­den. Im kras­sen Gegen­satz zu der von Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster Hel­mut Schmidt (SPD) im »Weiß­buch 70« erklär­ten Absicht, die »Dis­kus­si­on unter Sol­da­ten« zu för­dern, weil sich »Dis­kus­si­on unter Sol­da­ten und Gehor­sam nicht aus­schlie­ßen«, wies Gene­ral­inspek­teur Ulrich de Mai­ziè­re in einem Fern­schrei­ben alle Bun­des­wehr­dienst­stel­len an, die Ver­brei­tung von »Sol­dat 70« zu ver­hin­dern. In dem Fern­schrei­ben heißt es: »Die Behaup­tun­gen in der durch Pres­se­pu­bli­ka­tio­nen bekannt­ge­wor­de­nen Schrift ›Sol­dat 70 – Wehr­pflich­ti­ge mel­den sich zu Wort‹ beinhal­ten schwer­wie­gen­de Ver­stö­ße gegen die sol­da­ti­schen Dienst­pflich­ten.« (Par­don, 7-8/1970)

Es folg­ten Ein­schüch­te­run­gen und Repres­sa­li­en gegen die Unter­zeich­ner der Stu­die, die Palet­te reich­te von stun­den­lan­gen Ver­hö­ren durch Offi­zie­re und den Mili­tä­ri­schen Abschirm­dienst (MAD) bis hin zu Arrest­stra­fen und uneh­ren­haf­ten Ent­las­sun­gen. Indes die Dis­kus­si­on wie auch eine wei­te­re Ver­brei­tung von »Sol­dat 70« konn­te die Bun­des­wehr­füh­rung nicht unter­bin­den. Das Vor­ge­hen der Bun­des­wehr wur­de von zahl­rei­chen Orga­ni­sa­tio­nen und Gewerk­schaf­ten kri­ti­siert. In einem Brief­wech­sel äußer­te bei­spiels­wei­se der Deut­sche Bun­des­ju­gend­ring (DBJR) sei­ne dies­be­züg­li­chen Besorg­nis­se. In einer abschlie­ßen­den Bewer­tung schrieb er dem Gene­ral­inspek­teur: »Die von Ihnen ein­ge­lei­te­ten Schrit­te müs­sen in der Öffent­lich­keit lei­der den Ein­druck erwecken, daß die in ›Sol­dat 70‹ erho­be­nen Vor­wür­fe doch nicht ganz unbe­rech­tigt sind.« Die 9. Jugend­kon­fe­renz der IG Metall und die 8. Bun­des­ju­gend­kon­fe­renz des DGB for­der­ten 1971 in ent­spre­chen­den Beschlüs­sen unge­hin­der­te Dis­kus­si­on der Stu­die »Sol­dat 70« und Straf­frei­heit für ihre Autoren (Rein­hard Jun­ge: »Bar­ras Report – Tage­buch einer Dienst­zeit. Doku­men­te und Mate­ria­li­en«, Dort­mund 1971). Auf der DGB-Bun­des­ju­gend­kon­fe­renz sprach mit Gert Pohl aus Bochum erst­mals auch ein wehr­pflich­ti­ger Sol­dat in Uni­form auf einem Gewerk­schafts­kon­gress und for­der­te »freie poli­ti­sche und gewerk­schaft­li­che Betä­ti­gung für alle Soldaten«.

 

Resü­mee, Fazit und poli­ti­sche Bewertung

Im Jahr 2011 wur­de die all­ge­mei­ne Wehr­pflicht für Män­ner aus­ge­setzt – nicht abge­schafft. Frau­en dür­fen in die Trup­pe ein­tre­ten, nicht per Wehr­pflicht. Dem ging vor­aus die Aus­wei­tung der Reser­vi­sten­ar­mee. In einer Nacht­sit­zung des Bun­des­ta­ges wur­de im Febru­ar 2005 ohne Aus­spra­che ein Reser­vi­sten­ge­setz beschlos­sen, das das Höchst­al­ter für Reser­vi­sten von 45 auf 65 Jah­re anhob. Das bedeu­te­te eine erheb­li­che Aus­wei­tung der Zahl der mög­li­chen Ein­satz­kräf­te und damit der Bundeswehr.

Kürz­lich ergab sich eine Dis­kus­si­on über die Wie­der­ein­füh­rung der Wehr­pflicht oder doch über die Ein­füh­rung eines Pflicht­jah­res für alle Jugend­li­chen im mili­tä­ri­schen wie zivi­len Bereich. Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er griff die Idee sofort auf: Aus jähr­lich 1000 Sol­da­ten, die einen kur­zen Wehr­dienst absol­vie­ren, ergibt sich auf län­ge­re Sicht ein gro­ßes Reser­vi­sten­po­ten­ti­al. Die 1000 Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten pro Jahr stocken dann die rund eine Mil­li­on Reser­vi­sten auf, die es schon gibt und über deren Rol­le nie gespro­chen wird. (Süd­deut­sche Zei­tung, 24.7.2020)

Was trei­ben die­se Reser­vi­sten zum Bei­spiel bei den gehei­men rechts­ter­ro­ri­sti­schen Grup­pen? Wel­che Rol­le spie­len sie in der Zivil-Mili­tä­ri­schen Zusam­men­ar­beit (ZMZ), in den Kri­sen­kom­man­dos in sämt­li­chen Land­krei­sen und kreis­frei­en Städ­ten? Die­se Ent­wick­lung for­dert unse­re Wachsamkeit.

Die Ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schi­stin­nen und Anti­fa­schi­sten (VVN-BdA) erklär­te, sie sei zutiefst beun­ru­higt über die Plä­ne des Wehr­mi­ni­ste­ri­ums, vie­le Tau­send rech­te Schieß­wü­ti­ge als »Frei­wil­li­ge« in die Bun­des­wehr zu locken, sie an Waf­fen aus­zu­bil­den – und das Gan­ze als »Hei­mat­schutz« darzustellen.

Es exi­stiert mit der ZMZ plus Reser­vi­sten ein »Hei­mat­schutz« – das ist ein Begriff aus der Nazi­sze­ne, aber Anne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er scheut sich nicht, ihn für ihr Kon­zept anzu­wen­den. Für die­sen hun­dert­tau­send­köp­fi­gen Hei­mat­schutz besteht die Wehr­pflicht der Reser­vi­sten wei­ter. Der Bun­des­ver­band der Reser­vi­sten wirbt mit dem Satz: »Hast du gedient, dann bist du Reser­vist.« Und alle sind ver­pflich­tet, zum Dienst zu erschei­nen, sobald man sie ruft. Das ist bis­her noch nicht gesche­hen – aber es kann gesche­hen. Des­halb ist unser Rat an alle west­deut­schen Män­ner der Jahr­gän­ge von 1955 bis 1990: Ver­wei­gert den Kriegs­dienst, damit ihr nicht zu Reser­ve­übun­gen oder Schlim­me­rem ein­ge­zo­gen wer­den könnt.

Der Wort­laut könn­te sein: »Sehr geehr­te Frau Mini­ste­rin, ich bin Reser­vist und tei­le Ihnen mit: Ich will es kei­nen Tag län­ger sein. Mit einer Bun­des­wehr, die wie­der an die rus­si­sche Gren­ze vor­mar­schiert, die Bel­grad bom­bar­diert hat, die ein KSK mit Bezü­gen zum Rechts­ter­ro­ris­mus hat, die exor­bi­tan­te Kosten ver­ur­sacht und die nun auch den Hei­mat­schutz betreibt per Ein­satz im Innern – damit will ich nichts zu tun haben. Bit­te rech­nen Sie nicht mit mir. Strei­chen Sie mich aus der Liste der Reser­vi­sten, denn ich ver­wei­ge­re den Reservisten-Wehrdienst.«

Heu­te haben wir eine ganz ande­re Situa­ti­on, und den­noch besteht die Not­wen­dig­keit, sich der demo­kra­ti­schen Sol­da­ten­be­we­gung von vor 50 Jah­ren zu erin­nern. Die Bun­des­wehr rück­te zwar nicht an die Gren­zen von 1937, aber doch an die von 1945 her­an und per NATO noch weiter.

 

Unse­re Autoren waren die Initia­to­ren der Sol­da­ten­stu­die »Sol­dat 70« und sind heu­te in der VVN-BdA aktiv.