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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Vogelfrei

Auf mei­nem Heim­weg aus Krieg und Gefan­gen­schaft woll­te ich, um schnel­ler vor­an­zu­kom­men, im Mai 1945 in Krum­herms­dorf, einem klei­nen Ort im Lau­sit­zer Berg­land, auf den letz­ten Wagen eines Güter­zu­ges auf­sprin­gen, der sich dort gera­de in Bewe­gung setz­te. Bei­de Puf­fer waren aber schon besetzt. Auf ihnen hock­ten mit bau­meln­den Bei­nen jun­ge Män­ner in zer­knautsch­ter Wehr­machts­uni­form. Als sie merk­ten, was ich vor­hat­te, zogen sie mich auf den ein­zi­gen noch frei­en Platz, die Kupp­lung zwi­schen den Puf­fern. Dort kam ich, auf einem Bein balan­cie­rend, mit Mühe zum Ste­hen. Die Spit­ze des eiser­nen Hakens drück­te nach kur­zer Zeit durch die Schuh­soh­le gegen mei­ne wund­ge­lau­fe­nen Füße, so dass ich immer wie­der von einem Bein auf das ande­re hüp­fen musste.

Nach etwa zwei Stun­den hielt der Zug in den weit­läu­fi­gen Gleis­an­la­gen eines klei­nen Bahn­hofs, und ich war froh, absprin­gen zu kön­nen. Ein Blick auf das Orts­schild sag­te mir, dass ich mich in Seb­nitz befand. Quiet­schend öff­ne­ten sich hier und da die Schie­be­tü­ren der Güter­wa­gen. Sie beher­berg­ten Fami­li­en aus Schle­si­en, von denen ich erfuhr, dass sie von den deut­schen Behör­den gezwun­gen wor­den waren, sich mit einem Teil ihrer Habe nach Westen abzu­set­zen. Nun soll­ten sie nach lan­ger Irr­fahrt angeb­lich in die Hei­mat zurück­ge­bracht wer­den. Ihr Ange­bot, mir einen Platz in einem der Wagen zu suchen, nahm ich gern an. Doch dann hieß es plötz­lich, rus­si­sche Sol­da­ten durch­such­ten den Zug nach ehe­ma­li­gen Wehr­machts­an­ge­hö­ri­gen. Sofort brach Unru­he aus, und ich muss­te den Wagen verlassen.

Blind­lings rann­te ich quer über die Glei­se stadt­aus­wärts. Über einen schma­len Weg, vor­bei an Gär­ten und ver­ein­zel­ten Häu­sern, erreich­te ich keu­chend eine von Busch­werk bewach­se­ne Anhö­he. Die Son­ne stand schon ziem­lich tief, und über der Land­schaft lag ein gol­de­ner Glanz, der in kras­sem Gegen­satz zu mei­ner inne­ren Ver­fas­sung stand. Zu kei­ner Zeit, nicht wäh­rend der zurück­lie­gen­den Tage und Wochen, an denen ich mor­gens nicht wuss­te, was mich abends erwar­te­te, und auch nie­mals im Lau­fe mei­nes spä­te­ren Lebens, habe ich mich so ver­sto­ßen, so ver­las­sen von Gott und der Welt gefühlt wie in die­sem Moment, vogel­frei im wahr­sten Sin­ne des Wortes.

Seit zwei Wochen war ich unter­wegs in mei­ne böh­mi­sche Hei­mat. Nach mei­ner Gefan­gen­nah­me im umkämpf­ten Ber­lin und der anschlie­ßen­den Flucht war ich eines Mor­gens auf der Suche nach etwas Ess­ba­rem in der Nähe der bran­den­bur­gi­schen Stadt Treu­en­briet­zen sowje­ti­schen Sol­da­ten in die Arme gelau­fen. Sie lach­ten und rie­fen immer wie­der: »Woi­na kaput! Woi­na kaput!« All­mäh­lich ver­stand ich, dass Deutsch­land in der Nacht kapi­tu­liert hat­te und der Krieg zu Ende war. Einer der Sol­da­ten band mir einen Fet­zen wei­ßen Stoffs um den lin­ken Arm und sag­te in gebro­che­nem Deutsch: »Du nach Chause.«

Die Son­ne mein­te es damals gut mit den Men­schen. Unter einem wol­ken­lo­sen Mai­him­mel mach­te ich mich zu Fuß auf den Heim­weg und erreich­te am Abend Kurz­lips­dorf. Dort schlief ich erst­mals nach Wochen wie­der in einem Bett. Ich hat­te auf gut Glück bei einem Bau­ern ange­klopft und wur­de freund­lich auf­ge­nom­men. So war es in den näch­sten Tagen auch in Lebi­en, in Arz­berg, in Sora, in Sür­ßen und wie die Orte alle hie­ßen, in denen ich über­nach­te­te. Nur ein­mal muss­te ich auf Stroh in einer Scheu­ne schlafen.

Aber selbst so ein dürf­ti­ges Lager war jetzt weit und breit nicht in Sicht. Nie­der­ge­schla­gen mach­te ich mich wie­der auf den Weg und fand mich kurz dar­auf in einem Buchen­wald wie­der, unter des­sen Blät­ter­dach es dun­kel war wie in einem Tun­nel ohne Licht am Ende. Der Gedan­ke, die Nacht ohne Dach über dem Kopf auf dem Wald­bo­den ver­brin­gen zu müs­sen, schreck­te mich nicht. Aber es kam anders. Abseits der Stra­ße, von der ich nicht wuss­te, wohin sie führ­te, sah ich ein Licht und erkann­te die Umris­se eines Gebäu­des, das wenig ein­la­dend wirk­te. Das Licht kam von einer Lam­pe über der Tür. Vor­sich­tig drück­te ich die Klin­ke nach unten. Mir ver­schlug es den Atem. Das Haus war voll­ge­stopft mit Men­schen. Teils lehn­ten sie an den Wän­den, teils saßen oder lagen sie auf dem Boden. Kei­ner sag­te ein Wort. Nie­mand frag­te: »Wo kommst du her um die­se Zeit?« Mir selbst war auch nicht danach, ein Gespräch anzu­fan­gen. Wort­los quetsch­te ich mich zwi­schen die schwei­gen­den Gestal­ten und schlief auf dem Fuß­bo­den schnell ein.

Kaum dass es hell war, ver­ließ ich die ungast­li­che Stät­te. Dass ich mich in sen­si­blem Gelän­de dicht an der alten deutsch-tsche­chi­schen Gren­ze befand, war mir nicht bewusst, ich erfuhr es aber im Lauf des Vor­mit­tags, nach­dem ich den Buchen­wald ver­las­sen hat­te. Auf einem ein­sa­men Weg zwi­schen zwei Scho­nun­gen umring­ten mich Män­ner in Zivil mit schuss­be­rei­ten Geweh­ren. Sie spra­chen tsche­chisch mit­ein­an­der. Erst­mals nach lan­ger Zeit ver­nahm ich wie­der die Spra­che mei­nes Geburts­lan­des, die mir von Kin­des­bei­nen an ver­traut war. Für einen Moment stieg Wär­me in mir auf. Mit mir spra­chen die Män­ner kein Wort. Sie zogen mir Jacke und Hemd über den Kopf und beäug­ten mei­ne Ach­sel­höh­len. Ich nahm an, dass sie nach Läu­sen oder son­sti­gem Unge­zie­fer such­ten, und mein­te leicht­hin auf Tsche­chisch, so etwas wür­den sie nicht bei mir fin­den, auch wenn sie stun­den­lang suchten.

Wei­ter kam ich nicht, vor allem konn­te ich den Män­nern nicht erklä­ren, dass sie den Sohn eines sude­ten­deut­schen Anti­fa­schi­sten vor sich hat­ten. Ich bekam einen Schlag ins Gesicht und tau­mel­te zu Boden. »Ver­schwin­de«, bell­te einer. »ehe wir uns die Sache anders über­le­gen.« Wonach die Män­ner gesucht hat­ten, näm­lich nach der bei SS-Ange­hö­ri­gen übli­chen Blut­grup­pen­tä­to­wie­rung, wuss­te ich nicht. Hiel­ten sie mich viel­leicht für einen von denen, die sie auf der ande­ren Sei­te der Gren­ze irgend­wo im Wald ver­mu­te­ten? Dann wäre mei­ne letz­te Stun­de wohl gekom­men gewe­sen. In mei­ner Unwis­sen­heit nahm ich den Zwi­schen­fall nicht son­der­lich ernst. Zum Glück wuss­te ich nicht, was mich noch erwar­te­te. Aber das ist eine ande­re Geschichte.