Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Statt Neuanfang »strotzende Restauration«

Die Tin­te auf den Doku­men­ten zur »Bedin­gungs­lo­sen Kapi­tu­la­ti­on Deutsch­lands« am 8./9. Mai 1945 war gera­de getrock­net, da mel­de­ten sich die Kir­chen wie­der zu Wort. Schon am 17. Mai – die Dönitz-Regie­rung amtier­te zu dem Zeit­punkt gera­de noch in Flens­burg – ver­öf­fent­lich­te die Evan­ge­lisch-luthe­ri­sche Lan­des­kir­che Han­no­vers, die größ­te Lan­des­kir­che Deutsch­lands, ihre erste Rund­ver­fü­gung nach dem Krieg, in der sie erklär­te, »die erwei­ter­ten Mög­lich­kei­ten« und die damit »noch grö­ße­re Ver­ant­wor­tung«, die »auf uns gelegt« ist, dank­bar auszunutzen.

Die bis­he­ri­ge Ver­ant­wor­tung, die etwas klei­ne­re also, die die Kir­chen ins­ge­samt zwölf Jah­re lang getra­gen hat­ten, weil natür­lich auch von Gott auf­er­legt, war ihnen durch die »Gestalt des Füh­rers« zuge­wach­sen. In ihrem Wort »Zum 50. Geburts­tag des Füh­rers« 1939 erklär­te das die »Beken­nen­de Kir­che« ihren Mit­glie­dern so: »Die Gestalt des Füh­rers hat auch für die Kir­chen eine neue Ver­pflich­tung her­auf­ge­führt.« Es gel­te nun, an »der deut­schen Sen­dung in der Völ­ker­welt« teil­zu­neh­men. Und so geschah es.

Ab Mai 1945 aber sahen die Kir­chen für sich »eine noch grö­ße­re Ver­ant­wor­tung«. Wie die aus­se­hen soll­te, beschrieb ein Mann, der ein­präg­sa­me Erfah­run­gen im Jah­re 1933 gemacht hat­te, fol­gen­der­ma­ßen: »Wir haben da wie­der ange­fan­gen, wo wir 1933 auf­hö­ren muss­ten.« Sein Name: Otto Dibe­li­us, 1933 Gene­ral­su­per­in­ten­dent der Kurmark.

1933, 30. Janu­ar, Adolf Hit­ler wird vom Reichs­prä­si­den­ten Paul von Hin­den­burg zum Reichs­kanz­ler ernannt, und ein Jubel dar­über brach aus in der evan­ge­li­schen Kir­che. Ihre vor­wie­gend deutsch-natio­na­len Mit­glie­der sahen sich am Ziel ihrer Wün­sche, wie es schon Anfang 1932 einer ihrer spä­te­ren maß­geb­li­chen Reprä­sen­tan­ten, Hanns Lil­je, so aus­ge­drückt hat­te: »Die Fra­ge, ob es wün­schens­wert ist, dass der Natio­nal­so­zia­lis­mus an der Regie­rung betei­ligt wird, ist mit Ja zu beant­wor­ten.« Als dann 1933 der from­me Wunsch erfüllt und die Nazi-Par­tei durch die März­wahl und ihre schon ein­set­zen­den Ter­ror­maß­nah­men ihre Macht gefe­stigt hat­te, schrieb jener Gene­ral­su­per­in­ten­dent an »sei­ne« Pfar­rer: »Jetzt sind Macht und Mas­se wie­der bei denen, die die Kir­che beja­hen und zu denen sich die treu­en Besu­cher der Kir­che in ihrer Mehr­heit poli­tisch beken­nen … Es wer­den unter uns nur weni­ge sein, die sich die­ser Wen­dung nicht von Her­zen freuen.«

Etwas spä­ter, am 21. März, dem »Tag von Pots­dam«, konn­te er mit sei­ner Pre­digt in der Niko­lai­kir­che auch die neu­en Macht­ha­ber erfreu­en, denen er den kirch­li­chen Segen für ihre bis­he­ri­gen Maß­nah­men zusprach: »Ein neu­er Anfang staat­li­cher Geschich­te steht immer irgend­wie im Zei­chen der Gewalt …« Her­mann Göring, evan­ge­lisch und einer der Besu­cher des Got­tes­dien­stes, bedank­te sich danach artig »für die beste Pre­digt, die er jemals gehört habe«, so der Theo­lo­ge und Jour­na­list Tho­mas Klatt. Etwas spä­ter konn­te Dibe­li­us dann auch noch dem neu­en Pro­pa­gan­da­mi­ni­ster Joseph Goe­b­bels eine Freu­de machen: Als nach den Ter­ror­maß­nah­men gegen jüdi­sche Geschäf­te und den Boy­kott­auf­ru­fen dazu im April 1933 in den USA Pro­te­ste laut wur­den, hielt Dibe­li­us auf Wunsch des Mini­sters eine Rund­funk­an­spra­che, in der er die USA beru­hig­te: Der Juden­boy­kott, so log er, sei »in Ruhe und Ord­nung ver­lau­fen«, und er sei zudem »ein Akt berech­tig­ter deut­scher Not­wehr« gewe­sen. Sein jün­ge­rer Amts­bru­der, Hanns Lil­je, mit dem Dibe­li­us nach dem Krieg eng­stens zusam­men­ar­bei­te­te, beschrieb in jenen Tagen des Jah­res 1933 den »neu­en Anfang« fol­gen­der­ma­ßen: »Nun gehen unse­re Hoff­nun­gen, Wün­sche, Erwar­tun­gen, Ent­schei­dun­gen mit dem neu­en Mor­gen, dass etwas Gro­ßes und Gewal­ti­ges dar­aus wer­de und unser Volk sei­ne Got­tes­stun­de begreife.«

Es sol­len im Fol­gen­den die Reprä­sen­tan­ten aus dem Pro­te­stan­tis­mus vor­ge­stellt wer­den, die schon vor 1945 tätig waren und nach 1945 die Kir­chen- und Gesell­schafts­po­li­tik bestimm­ten und maß­geb­lich dazu bei­tru­gen, dass das vor­ran­gi­ge Ziel des Pots­da­mer Abkom­mens vom August 1945 nicht erreicht wur­de, näm­lich, den »deut­schen Mili­ta­ris­mus und Nazis­mus aus­zu­rot­ten«, und zwar »durch völ­li­ge Abrü­stung und Ent­mi­li­ta­ri­sie­rung Deutsch­lands und die Aus­schal­tung der gesam­ten deut­schen Indu­strie, wel­che für eine Kriegs­pro­duk­ti­on benutzt wer­den kann«. Als Reprä­sen­tan­ten, die für die Kon­ti­nui­tät des Pro­te­stan­tis­mus ste­hen, wer­den neben den schon genann­ten Otto Dibe­li­us und Hanns Lil­je vor­ge­stellt: der Lan­des­bi­schof der Lan­des­kir­che Han­no­vers vor und wäh­rend des Krie­ges, August Marah­rens, und der Lan­des­bi­schof der würt­tem­ber­gi­schen luthe­ri­schen Kir­che und erste Rats­vor­sit­zen­de der EKD, Theo­phil Wurm.

August Marah­rens (1875–1950), Lan­des­bi­schof von 1925 bis 1947 und von 1935 bis 1945 Prä­si­dent des Luthe­ri­schen Welt­kon­vents, mit dem spä­ter als Kriegs­ver­bre­cher hin­ge­rich­te­ten Innen­mi­ni­ster Wil­helm Frick befreun­det und selbst »poli­tisch ein gläu­bi­ger Anhän­ger Hit­lers« (Klaus Schol­der), war wäh­rend des Krie­ges Spre­cher des drei­köp­fi­gen NS-höri­gen »Geist­li­chen Ver­trau­ens­ra­tes« (GVR) und damit das Gesicht des Gesamt­pro­te­stan­tis­mus. Kurz zuvor, im Mai 1939, hat­te er sich für sei­ne Lan­des­kir­che »zur natio­nal­so­zia­li­sti­schen Welt­an­schau­ung bekannt, die in aller Uner­bitt­lich­keit den poli­ti­schen und gei­sti­gen Ein­fluß der jüdi­schen Ras­se bekämpft«, und ver­an­lasst, »dass die pfarr­amt­li­che Arbeit danach aus­ge­rich­tet wür­de«. Den bald danach begon­ne­nen Angriffs­krieg gegen Polen recht­fer­tig­te er als »Kampf des deut­schen Vol­kes für das Land sei­ner Väter, damit deut­sches Blut zu deut­schem Blut heim­keh­ren darf«, und zum Ver­nich­tungs­krieg gegen die Sowjet­uni­on ver­si­cher­te der Lan­des­bi­schof dem »Füh­rer« in einem Tele­gramm »unwan­del­ba­re Treue« und »alle Gebe­te der Deut­schen Evan­ge­li­schen Kir­che, den Pest­herd Bol­sche­wis­mus aus­zu­lö­schen«. Die Ver­pflich­tung der Kir­che, den »Tota­len Krieg« zu befür­wor­ten, war für ihn eben­so selbst­ver­ständ­lich wie nach dem 20. Juli 1944 für die Gemein­den sei­ner Lan­des­kir­che ein »Dank­ge­bet für die gnä­di­ge Erret­tung des Füh­rers« anzu­ord­nen. Es war wohl die­ses got­tes­lä­ster­li­che Bekennt­nis zu »unse­rem Füh­rer«, wes­halb Marah­rens für die Neu­ord­nung der Gesamt­kir­che nach dem Krie­ge nicht mehr infra­ge kam; für sei­ne eige­ne Lan­des­kir­che erreich­te er aller­dings noch, dass auch hier wie in allen Kir­chen eine »Selbst­rei­ni­gung« vor­ge­nom­men wer­den konn­te, die er dann noch fast zwei Jah­re lang in bestim­men­dem Maße beein­fluss­te. Das Kir­chen­par­la­ment, die Syn­ode, ver­si­cher­te ihm bei sei­ner Ver­ab­schie­dung »blei­ben­de Dank­bar­keit«, wonach, auf sei­nen Vor­schlag hin, sein treu­er Gene­ral­se­kre­tär des luthe­ri­schen Welt­kon­vents, Hanns Lil­je, zu sei­nem Nach­fol­ger gewählt wor­den war.

Theo­phil Wurm (1868–1953), von 1929 bis1948 Kir­chen­prä­si­dent und Lan­des­bi­schof und von 1945 bis 1949 erster Rats­vor­sit­zen­der der EKD, war in den 1920er Jah­ren der füh­ren­de Lan­des­po­li­ti­ker der DNVP in Würt­tem­berg und unter­stütz­te als sol­cher den Volks­ent­scheid gegen den Young­plan, den die »natio­na­le Ein­heits­front Hugen­berg und Hit­ler« 1929 ver­an­lasst hat­te. Nach der Pogrom­nacht im Novem­ber 1938 erläu­ter­te er in einem Brief an den Reichs­ju­stiz­mi­ni­ster Franz Gür­t­ner sei­nen Anti­se­mi­tis­mus: »Ich bestrei­te mit kei­nem Wort dem Staat das Recht, das Juden­tum als ein gefähr­li­ches Ele­ment zu bekämp­fen. Ich habe von Jugend auf das Urteil von Män­nern wie Hein­rich von Treit­sch­ke und Adolf Stöcker über die zer­set­zen­de Wir­kung des Juden­tums auf reli­giö­sem, sitt­li­chem, lite­ra­ri­schem, wirt­schaft­li­chem und poli­ti­schem Gebiet für zutref­fend gehal­ten.« Trotz die­ser Wor­te war Wurm wäh­rend des Krie­ges dann »einer der weni­gen evan­ge­li­schen Kir­chen­füh­rer, die über­haupt gegen NS-Unrecht Pro­test erhob[en]«, zum Bei­spiel gegen das »Eutha­na­sie­pro­gramm«. In die­sen Jah­ren grün­de­te er zur Zusam­men­füh­rung der zer­strit­te­nen pro­te­stan­ti­schen Grup­pen ein »Kirch­li­ches Eini­gungs­werk«, das nach 1945 den Grund­stock für den Neu­auf­bau der EKD bil­de­te. Was bis heu­te so gut wie unbe­kannt ist: Das »Eini­gungs­werk« wur­de im Ein­ver­neh­men mit dem »Herrn Reichs­füh­rer SS und ande­ren hohen staat­li­chen Stel­len« geschaf­fen. In einem Schrei­ben teil­te Wurm das bei­läu­fig mit: »Ich kann … ver­ra­ten, dass ich auch über das kirch­li­che Eini­gungs­werk ganz offen dem Herrn Reichs­füh­rer berich­tet habe …«

Als erster Rats­vor­sit­zen­der orga­ni­sier­te er in der EKD, eben­so wie die katho­li­sche Kir­che, die »christ­li­che Hil­fe für NS-Ver­bre­cher«, die vor allem in der »For­de­rung nach Begna­di­gung der ›Kriegs­ver­ur­teil­ten‹ (wie die NS-Mas­sen­mör­der beschö­ni­gend genannt wur­den)« und im Kampf gegen die »Ent­na­zi­fi­zie­rung« bestand. Die wür­de näm­lich, hieß es in den Kir­chen, »die poli­tisch lin­ken Kräf­te stär­ken und somit die kirch­li­chen Macht­po­si­tio­nen schwä­chen … So wur­de die Evan­ge­li­sche Kir­che in den … Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren einer der wich­tig­sten Pro­du­zen­ten von ›Per­sil­schei­nen‹« (Felix Bohr: »Die Kriegs­ver­bre­cher­lob­by. Bun­des­deut­sche Hil­fe für im Aus­land inhaf­tier­te NS-Täter«, Suhr­kamp 2018). Nach dem Aus­schei­den aus sei­nen Ämtern enga­gier­te Wurm sich wei­ter­hin in der »Kriegs­ver­bre­cher­lob­by« (Bohr), genau­er: in der »Stil­len Hil­fe«. Das war eine Orga­ni­sa­ti­on zur Unter­stüt­zung von NS-Tätern und zur Ver­brei­tung ihres Gedan­ken­gu­tes. Ihr pro­mi­nen­te­stes »Aus­hän­ge­schild«, ihr »Idol«, wur­de spä­ter Gud­run Bur­witz, die Toch­ter von Hein­rich Himm­ler, den Wurm ja selbst als »deut­schen Mann« ken­nen­ge­lernt hatte.

Otto Dibe­li­us (1880–1967) war von 1945 bis 1966 (selbst­er­nann­ter, vgl. Wiki­pe­dia) Bischof von Ber­lin-Bran­den­burg, von 1949 bis 1961 Rats­vor­sit­zen­der der EKD sowie von 1954 bis 1961 im Prä­si­di­um des Welt­kir­chen­ra­tes. Sei­ne zwei­te, noch grö­ße­re Kar­rie­re als die bis 1933 begann, nach­dem er sich bei der Wahl zum Rats­vor­sitz 1949 gegen Mar­tin Niem­öl­ler durch­ge­setzt hat­te. Bald danach konn­te er im Sep­tem­ber die Fest­pre­digt zur Eröff­nung des Deut­schen Bun­des­ta­ges in Bonn hal­ten, »so wie er zum Macht­an­tritt Hit­lers pre­dig­te« (Tho­mas Klatt). Dem neu­en Kanz­ler Kon­rad Ade­nau­er war er nicht nur als CDU-Mit­glied ver­bun­den, son­dern auch in des­sen vor­ran­gi­gem poli­ti­schen Ziel, die Remi­li­ta­ri­sie­rung mit West­bin­dung in der Bun­des­re­pu­blik gegen star­ke Wider­stän­de in der Gesell­schaft durch­zu­set­zen, in der Kir­che gegen die anti­mi­li­ta­ri­sti­schen Kräf­te um Mar­tin Niem­öl­ler und Gustav Hei­ne­mann. Ein Erfolg beson­de­rer Art dabei war, dass es Dibe­li­us 1957 gelang, »unter gröb­li­cher Miß­ach­tung eines Syn­odal­be­schlus­ses« (Goll­wit­zer) einen Ver­trag auch wie­der für eine evan­ge­li­sche Mili­tär­seel­sor­ge abzu­schlie­ßen, was nach den Wor­ten des dama­li­gen Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­ni­sters Franz Josef Strauß »uns ein fun­da­men­ta­les zen­tra­les Anlie­gen von viel­leicht ent­schei­den­der Bedeu­tung ist«. Bald danach ent­stand die Bewe­gung »Kampf dem Atom­tod«. Ein Wort des Rats­vor­sit­zen­den Dibe­li­us aus jenen Tagen muss immer wie­der in Erin­ne­rung geru­fen wer­den, weil es zeigt, wohin das men­schen­ver­ach­ten­de Mili­tär­den­ken füh­ren kann. Ich zitie­re es aus dem Kapi­tel »Die Mis­si­on des Abend­lan­des« in dem Buch »Geschich­te der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land« (1999, S. 259) des Histo­ri­kers Man­fred Gör­te­ma­ker. Dort ist zu lesen, dass »bei der Erfül­lung die­ser Mis­si­on … Fried­rich Karl Otto Dibe­li­us als Vor­sit­zen­der des Rates der Evan­ge­li­schen Kir­che … ver­si­cher­te, selbst die Anwen­dung einer Was­ser­stoff­bom­be ist ›vom christ­li­chen Stand­punkt aus nicht ein­mal eine so schreck­li­che Sache, da wir alle dem ewi­gen Leben zustre­ben‹. Wenn eine sol­che Bom­be eine Mil­li­on Men­schen töte, ›so errei­chen die Betrof­fe­nen um so schnel­ler das ewi­ge Leben‹«.

Hanns Lil­je (1899–1977) war: Lan­des­bi­schof der Lan­des­kir­che Han­no­vers von 1947 bis 1971, stell­ver­tre­ten­der Rats­vor­sit­zen­der der EKD in den Jah­ren 1949 bis 1967, Prä­si­dent des Luthe­ri­schen Welt­bun­des von 1952 bis 1957 sowie seit 1968 Mit­glied des Prä­si­di­ums des Welt­ra­tes der Kir­chen und in wei­te­ren Spit­zen­äm­tern der Kir­che. Als Gene­ral­se­kre­tär des Luthe­ri­schen Welt­kon­ven­tes an der Sei­te des Prä­si­den­ten Marah­rens in den Jah­ren 1935 bis 1945 trat er nach des­sen ras­si­sti­schen und kriegs­trei­be­ri­schen Erklä­run­gen nicht von sei­nem Amt zurück, er trug sie also still­schwei­gend mit. Wäh­rend des Krie­ges äußer­te er sich selbst kriegs­ver­herr­li­chend, so in sei­nen »Muster­kriegs­pre­dig­ten« und dann in sei­ner Schrift, die in einer Mas­sen­auf­la­ge von 10.000 Exem­pla­ren im Jahr des Über­falls auf die Sowjet­uni­on, 1941, mit dem Titel »Der Krieg als gei­sti­ge Lei­stung« her­aus­kam. »Dar­in stellt er Gott in den Dienst natio­na­ler deut­scher Belan­ge« (Spie­gel online, 19.7.2004). Lil­je schreibt: »Es muß nicht nur auf den Kop­pel­schlös­sern der Sol­da­ten, son­dern in Herz und Gewis­sen ste­hen: Mit Gott! Nur im Namen Got­tes kann man dies Opfer legi­ti­mie­ren.« Die­se Kriegs­schrift gefiel den NS-Macht­ha­bern so gut, dass er nach eige­nen spä­te­ren Aus­sa­gen »amt­lich geför­dert wer­den soll­te«. Lil­je war also »ein ver­läss­li­cher Par­tei­gän­ger für sie, bis er, sehr zufäl­lig, selbst in das Räder­werk ihrer bru­ta­len Unrechts­ord­nung kam«, »wegen seel­sor­ger­li­chen Kon­tak­ten zu Mit­glie­dern des Kreis­au­er Krei­ses«. Weil er vom Volks­ge­richts­hof 1945 zu vier Jah­ren Haft ver­ur­teilt wor­den war, wur­de er nach 1945 »in einem Atem­zug mit den Wider­stands­kämp­fern genannt – eine evan­ge­li­sche Legen­de«, wie es Alex­an­der Schwa­be 2004 im Spie­gel formulierte.

Lil­jes Tätig­keit als Lan­des­bi­schof galt der »Wie­der­her­stel­lung alter Ver­hält­nis­se« und der »Wie­der­ein­stel­lung aller Figu­ren in ihre Ämter« – so den üblen NS-Bischof in Meck­len­burg, Wal­ter Schultz, den er als Pfarr­hel­fer und dann wie­der als Pfar­rer in »sei­ne« Lan­des­kir­che auf­nahm. Poli­tisch for­der­te er schon vier Jah­re nach den Nazi-Gräu­eln, einen »Schluss­strich zu zie­hen«, und damit »eine »Liqui­da­ti­on der Ver­gan­gen­heit«. Dem ent­sprach, dass er sich für die ver­ur­teil­ten NS-Täter Paul Blo­bel und Franz Six ein­setz­te und – beson­ders skan­da­lös! – den Juri­sten Wal­ter Ler­che, der wäh­rend der NS-Zeit etli­che Todes­ur­tei­le gefällt und es nach 1945 zum Zwei­ten Prä­si­den­ten der Gene­ral­syn­ode der Ver­ei­nig­ten Evan­ge­lisch-luthe­ri­schen Kir­che Deutsch­lands gebracht hat­te, in sei­nem Nach­ruf so cha­rak­te­ri­sier­te: »Ein treu­er Mann wird viel gesegnet.«

Vor allem aber muss auf Lil­jes Enga­ge­ment an der Sei­te sei­nes Freun­des Dibe­li­us im Kampf um die »Remi­li­ta­ri­sie­rung« hin­ge­wie­sen wer­den. Es war des­halb kein Zufall, dass die han­no­ver­sche Syn­ode den Haupt­geg­ner der Wie­der­be­waff­nung, Mar­tin Niem­öl­ler, 1950 ver­ur­teil­te, und der Bischof einen füh­ren­den Pan­zer­kom­man­deur beim Über­fall auf die Sowjet­uni­on, den Gene­ral Adolf Fried­rich Kunt­zen, von 1948 bis 1955 wegen »des­sen Per­so­nal­kennt­nis bei Neu­be­set­zun­gen« in sei­ne Kanz­lei auf­nahm – sicher­lich auch, um beim Kampf für die Remi­li­ta­ri­sie­rung sach­kun­di­ge Hil­fe zu haben. Jeden­falls wur­de der kennt­nis­rei­che Ex-Gene­ral nach sei­ner Tätig­keit beim Bischof stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der des Per­so­nal­gut­ach­ter­aus­schus­ses beim Auf­bau der Bun­des­wehr 1955.

Nicht uner­wähnt soll­te blei­ben, dass Lil­je noch 1968 den Viet­nam­krieg der USA mit dem Argu­ment ver­tei­dig­te, dass durch das Blei­ben der Ame­ri­ka­ner eine gewis­se Garan­tie für das poli­ti­sche Gleich­ge­wicht im fer­nen Osten gege­ben sei (vgl. Zeit­wen­de – die neue Fur­che 1/​1968). Der Kampf gegen jenen bar­ba­ri­schen Krieg war durch sol­che Bemer­kun­gen des Bischofs in sei­ner Kir­che schwer mög­lich, wie ich aus eige­ner Erfah­rung weiß, in Zei­ten der »strot­zen­den Restau­ra­ti­on« (Karl Barth).

In der letz­ten Zeit sind nun erfreu­li­cher­wei­se Bemü­hun­gen stark gewor­den, den Per­so­nen, die in der Ver­gan­gen­heit durch Kolo­nia­lis­mus, Frem­den­feind­lich­keit, Anti­se­mi­tis­mus, Mili­ta­ris­mus und Natio­na­lis­mus her­vor­ge­tre­ten sind, ihre Ehrung mit Denk­mä­lern, Ehren­bür­ger­schaf­ten, mit Stra­ßen- und Insti­tu­ti­ons­na­men zu ent­zie­hen. In den Kir­chen sind die­se Bemü­hun­gen bezüg­lich ihrer Spit­zen­ver­tre­ter noch nicht auf­ge­nom­men wor­den. Höch­ste Zeit, dass das, auch von Außen­ste­hen­den her, geschieht! Ein Hin­weis dazu: Otto Dibe­li­us wur­de 1958 die Ber­li­ner Ehren­bür­ger­schaft verliehen.

 

Die Über­schrift nimmt die Zusa­ge des »Stutt­gar­ter Schuld­be­kennt­nis­ses« vom Okto­ber 1945 auf, in der evan­ge­li­schen Kir­che sol­le ein »neu­er Anfang« gemacht wer­den; statt­des­sen griff bald, wie Karl Barth schon 1946 an Mar­tin Niem­öl­ler schrieb, eine »strot­zen­de Restau­ra­ti­on« um sich.