Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Walter Kaufmanns Lektüre

Die Ant­wor­ten der Gysi-Geschwi­ster Gabrie­le und Gre­gor auf Fra­gen zu ihrem Vater las­sen das Bild einer eng ver­bun­de­nen Fami­lie erken­nen, in der sich die Geschwi­ster gebor­gen wuss­ten, abge­schirmt gegen die Wid­rig­kei­ten des All­tags und zugleich frei und unge­bun­den. Bei­de äußern sich lie­be­voll über ihren Vater, Klaus Gysi. Sie erin­nern sich bild­haft an ihn, und das oft­mals mit Humor, zuwei­len aber auch sanft-kri­tisch. Der Vater war kein Muster­va­ter, war viel unter­wegs und sel­ten greif­bar. Doch wenn er sich Zeit für sie nahm, dann mit Ver­ve, er ging auf ihre Eigen­wil­lig­kei­ten ein und ließ kon­trä­re Ansich­ten an sich her­an. Er hör­te zu, wäg­te ab, und nicht sel­ten reagier­te er auf ihre Fra­gen mit einer Gegen­fra­ge. Sohn und Toch­ter, erkann­ten sehr wohl, was für ein Filou er sein konn­te, ein Schlau­kopf, ein Schelm. Dabei erfüll­ten sie sei­ne Lei­stun­gen mit Stolz, die wür­den sie von nie­man­den schmä­lern las­sen: Sie wuss­ten, prä­gen­de Erfah­run­gen hat­ten den Vater zum Kom­mu­ni­sten gemacht – als Jun­ge muss­te er erle­ben, wie ein demon­strie­ren­der Arbei­ter von einem Poli­zi­sten ange­schos­sen wur­de und leb­los auf dem Pfla­ster lie­gen blieb –, und sie begrif­fen, war­um er die Idea­le sei­ner Jugend hoch­ge­hal­ten und sei­nen Über­zeu­gun­gen stets treu geblie­ben war, als Ille­ga­ler in Nazi­deutsch­land, im Wider­stand sei­nen Mann ste­hend, und spä­ter als Kul­tur­mi­ni­ster und Bot­schaf­ter der DDR und auf manch ande­ren Posten noch. Funk­tio­när und Fein­geist, Genos­se und Genie­ßer, so hat­ten ihn vie­le gese­hen, und so sahen ihn Gabrie­le und Gre­gor Gysi auch. Und das, just das, macht das Inter­view mit den Geschwi­stern so lesens­wert. Und betont sei letzt­lich, wie luzid Gre­gor Gysi sich gegen die Fra­ge ver­wehr­te, ob sein Vater der Funk­tio­när eines Unrechts­staats gewe­sen wäre. Das sei kei­ne Fra­ge, son­dern eine Unter­stel­lung, ent­geg­ne­te Gysi dem Fra­ge­stel­ler scharf. Sei es denn denk­bar, dass einer der gegen den Unrechts­staat der Nazis gekämpft hat­te, nach dem Sieg am Auf­bau eines gleich­ge­ar­te­ten Staa­tes teil­ha­ben würde?

Gabrie­le und Gre­gor Gysi: »Unser Vater«, ein Gespräch her­aus­ge­ge­ben von H. D. Schütt, Auf­bau Ver­lag, 152 Sei­ten, 16 €