Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Walter Kaufmanns Lektüre

Heim­kehr – ins Haus der Kind­heit, zu den Hügel­ket­ten der ihm von jeher ver­trau­ten Land­schaft, zu den Wäl­dern, die Wolf­gang Büscher zusam­men mit den ande­ren Jun­gen durch­streif­te, bis hin­ein ins Holz, wo es früh dun­kel­te und früh die Nacht fiel. Und immer wird der För­ster die Hüt­te ent­decken, die sie für kom­men­de Näch­te gebaut hat­ten, und immer wird er sie abrei­ßen las­sen: Der För­ster war ihr Feind, Feind sei­ner Kind­heit – nicht aber die­ser ande­re För­ster, der im Jetzt und Heu­te, der ließ ihn in der Wald­hüt­te leben, die der Sohn des Für­sten Wolf­gang Büscher über­las­sen hat­te – eine Blei­be ohne Was­ser, ohne Licht, ver­bor­gen im tief­sten Wald. Es wur­de eine Rei­se sehr ande­rer Art für Büscher, den Viel­ge­rei­sten in wei­ten Wel­ten, ein Vor­stoß ins Inner­ste sei­nes Wesens wur­de es, einer zu sich selbst. Mona­te lang harr­te Büscher in der Hüt­te aus, vom blü­hen­den Früh­ling an bis in den Herbst, wenn das Laub sich ver­färb­te, und es kühl wur­de im Wald, feucht-kühl, und es hieß, sich im Mor­gen­ne­bel zurecht­zu­fin­den, Holz zu sam­meln für die Näch­te, Holz zu hacken, einen Schei­ter­hau­fen zu bau­en für ein Feu­er, das noch wär­men wür­de, wenn es nur noch glimm­te und es an der Zeit war, in der Hüt­te ins Bett unter die Decken zu krie­chen. Ein Ein­sied­ler-Dasein! Robin­son Cru­soe im hes­si­schen Wald. Die Ein­sam­keit lehr­te Büscher viel, der Wald lehr­te ihn viel, er durch­leb­te den Kampf der Bäu­me gegen das Ster­ben, gegen die Stür­me, die Trocken­heit, die töd­li­chen Käfer. Am Gesang der Vögel lern­te er ihre Art zu deu­ten, und er beob­ach­te­te, wie hell­wach die Rehe Gefah­ren wit­ter­ten. Der För­ster, die­ser För­ster lehr­te ihn viel, trotz sei­ner Jugend war er erfah­ren, er kann­te die Wäl­der, lieb­te das Stück Wald, das der Sohn des Für­sten ihm anver­traut hat­te. Und für Büscher war es ein Glück, dass der Mann sich immer wie­der in der Wald­hüt­te ein­fand: Eine Män­ner­freund­schaft ent­stand, ein Erfah­rungs­aus­tausch zwi­schen zwei Män­nern. Wolf­gang Büscher hat Blei­ben­des dar­aus gemacht. Sei­ne Per­so­nen­be­schrei­bun­gen ver­gisst man nicht, man sieht den För­ster, hört ihn, und man bewun­dert sei­ne Mühen um den Wald, sei­nen Ein­satz, die Lie­be zum Beruf. In Büschers kla­rer Pro­sa wird der Mann deut­lich, auch der Sohn des Für­sten. Büschers altern­de Mut­ter wird auf eine gera­de­zu rüh­ren­de Wei­se deut­lich: das Por­trait einer Mut­ter, die sich ein Leben lang um den Sohn sorgt. Wor­über er auch schreibt – die Hilf­lo­sig­keit eines Reh­kit­zes zum Bei­spiel, das ver­las­sen und ver­lo­ren in einer Mul­de kau­ert, – alles wird durch die­se Pro­sa zu einem Stück schö­ner Lite­ra­tur. In der Wald­ein­sam­keit bleibt die Rei­se zum Inner­sten sei­nes Wesens grenzenlos.

Wolf­gang Büscher: »Heim­kehr«, Rowohlt Ber­lin, 294 Sei­ten, 22 €