Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Walter Kaufmanns Lektüre

Gegen Ende von Regi­na Scheers sehr ande­rem, sehr bemer­kens­wer­tem Ber­lin-Roman, einem durch­kom­po­nier­ten, in sorg­fäl­ti­gem Deutsch geschrie­be­nen, flüs­sig zu lesen­den Buch, fin­det sich eine Ana­lo­gie, die einen nicht los­lässt: Eine Hor­de jun­ger Ker­le stei­nigt in einem Hin­ter­hof eine schwan­ge­re Kat­ze, bricht ihr ein Bein, dass sie nicht ent­kom­men kann, die Kat­ze kau­ert im Staub, und im Staub gebärt sie ein Jun­ges. Einer der Ker­le packt die Kat­ze am Schwanz und schwingt sie im Kreis, und wie er sie da schwingt, gebärt sie wei­te­re Kätz­chen. Der Kerl wirft die Kat­ze zu ihren Kätz­chen, sie kriecht unter den Füßen ihrer Pei­ni­ger weg und bringt ihre Schütz­lin­ge in Sicher­heit. »Wie zäh sie sind, die­se Zigeu­ner«, joh­len die Ker­le, »sie haben sie­ben Leben!« Wer dem Roman bis hier­her gefolgt ist, braucht kei­ne wei­te­re Schil­de­rung des Vor­falls – längst ist sein Mit­ge­fühl für die Geschun­de­nen die­ser Welt geweckt, für Sin­ti und Roma, für Juden unter Hit­ler, lesend hat er vom Schick­sal zwei­er jun­ger Juden erfah­ren, die einst unterm Dach die­ses Hau­ses im Ber­li­ner Wed­ding der Ver­schlep­pung durch die Nazis zu ent­rin­nen such­ten; und auch vom Schick­sal der Roma weiß er, die hier und heu­te just in die­sem Wed­din­ger Haus Zuflucht suchen und zeit­wei­lig fin­den. Ver­dich­tung! Regi­na Scheer beherrscht die Kunst der Ver­dich­tung: ein altes Haus im Wed­ding, ver­spreng­te Roma im Wed­din­ger Haus und, hier­her zurück­ge­kehrt, ein altern­der Jude aus Isra­el – zurück­ge­kehrt, wo er sich einst bei einer deut­schen Frau ver­steckt hat­te … Nur weni­ge Per­so­nen sind es, kaum mehr als zwölf, um die es im Wesent­li­chen in dem vier­hun­dert Sei­ten star­ken Roman geht – und doch: Eine Welt tut sich auf, eine Welt der Roma, eine Welt der Juden und eine deut­sche, sehr genau geschil­der­te Ber­li­ner Welt. Regi­na Scheer ist ein bedeu­ten­der, aus Ver­gan­ge­nem schöp­fen­der Gegen­warts­ro­man gelun­gen und – so sei zu hof­fen! – ein Roman, der in eine hel­le­re Zukunft weist.

Regi­na Scheer: »Gott wohnt im Wed­ding«, Roman, Pen­gu­in Ver­lag, 415 Sei­ten, 24 €