Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Walter Kaufmanns Lektüre

Das sehr Beson­de­re an Gün­ther Wei­sen­borns »Memo­ri­al« ist der Wech­sel zwi­schen geleb­tem Leben und dem bedräng­ten Leben in der Ker­ker­zel­le: ein Buch von gro­ßer Leucht­kraft und blei­ben­der Gül­tig­keit, das heu­te so auf­regt wie es im acht­und­vier­zi­ger Jahr, als es in acht­zehn Spra­chen um die Welt ging, auf­ge­regt haben muss: argen­ti­ni­sche Land­schaf­ten und die Tür­me von Man­hat­tan, Paris im Früh­ling und das Licht von Rom, Wan­de­run­gen in schnee­igen Ber­gen und durch üppi­ge Wäl­der, Lie­be unter schat­ti­gen Bäu­men und bun­te Thea­ter­bäl­le, inni­ge Küs­se und rasan­te Tou­ren im Cabrio­let mit dem Wind im Haar … Hier zeich­net sich das Leben eines jun­gen Dra­ma­ti­kers in den Anfangs­jah­ren sei­ner Erfol­ge ab, eines Man­nes, dem die Welt offen steht, und der eben die­se von ihm erober­te Welt ver­lässt, um nach Deutsch­land zurück­zu­keh­ren und dort Wider­stand zu lei­sten. Hit­ler, das ist der Krieg! Wie es das Schick­sal will, Gün­ther Wei­sen­born gerät in die Fän­ge der Gesta­po, gleich all den ande­ren um Har­ro Schul­ze-Boy­sen. Am Ende trennt ihn unmit­tel­bar vor Kriegs­en­de nur ein Tag vom Tod am Strang, als die Gesta­po-Leu­te noch drei­zehn sei­ner Genos­sen zur Hin­rich­tung abfüh­ren: »Der Rest ist mor­gen dran«, ver­kün­den sie. Gün­ther Wei­sen­born wird zu den neun Wider­ständ­lern gehö­ren, die die Rot­ar­mi­sten bei der Befrei­ung von Luckau den Hen­kern ent­rei­ßen. Er über­lebt und schreibt »Memo­ri­al«, ein Buch, auf des­sen Sei­ten sich die Schil­de­rung sei­ner Ker­ker­ta­ge gegen die Schil­de­rung schön­ster Jugend­zeit abhebt wie Koh­le­stri­che auf wei­ßer Wand. Wir erle­ben einen Mann, der sei­ne Ver­zweif­lung besiegt, einen Stand­haf­ten, der sei­ne Stand­haf­tig­keit nie benennt, auch sei­nen Mut und sei­ne Tat­kraft nicht, und der noch in fin­ster­ster Nacht auf ein bes­se­res Deutsch­land hofft. Möge der Ver­bre­cher Ver­lag eine Renais­sance von »Memo­ri­al« bewir­ken – das wäre zu begrüßen!

Gün­ther Wei­sen­born: »Memo­ri­al«, Ver­bre­cher Ver­lag, 242 Sei­ten, 19 €