Skip to content
Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu

Womacka wieder auf einer Marke

Fast jede und jeder im Osten kann­te die­ses Bild von Wal­ter Womacka (1925-2010). Es war schließ­lich das am häu­fig­sten repro­du­zier­te DDR-Gemäl­de und hing an unge­zähl­ten Wohn­zim­mer­wän­den, es wur­de als Post­kar­te und Poster drei Mil­lio­nen Mal gedruckt und zu gro­ßen Tei­len auch in die USA, nach Groß­bri­tan­ni­en und nach Bel­gi­en ver­kauft. Das Gemäl­de wur­de in in- und aus­län­di­schen Schul­bü­chern ver­öf­fent­licht und von Schü­lern in Auf­sät­zen inter­pre­tiert. 1968 konn­te man es auch als 10-Pfen­nig-Brief­mar­ke auf eine Kar­te kle­ben und ver­schicken – zwölf Mil­lio­nen Mal geschah das.

Das Ori­gi­nal »Am Strand« wur­de vom SED-Polit­bü­ro erwor­ben und dem Staats- und Par­tei­chef Wal­ter Ulb­richt zu des­sen 70. Geburts­tag 1963 ver­macht. Der reich­te es sogleich als Dau­er­leih­ga­be an die Dresd­ner Gale­rie Neue Mei­ster wei­ter, wo es sich noch heu­te befindet.

Womacka fer­tig­te damals eine unsi­gnier­te Kopie, die sich im Besitz sei­ner seit den sieb­zi­ger Jah­ren auf Zypern leben­den Toch­ter Uta befin­det – sie hat­te schließ­lich ihrem Vater dafür Modell geses­sen. (Der Mann neben ihr auf dem Bild war Womack­as Bru­der Rüdi­ger, der als NVA-Sol­dat gera­de auf Urlaub in Ber­lin weilte.)

Und es gab noch ein drit­tes – signier­tes – Exem­plar, das eben­falls 1962 ent­stan­den ist, von des­sen Exi­stenz aber nie­mand wuss­te. Das erwarb drei­ßig Jah­re spä­ter ein chi­ne­si­scher Geschäfts­mann und Mäzen namens Chew. Der hat­te Womacka und sei­ne Frau auf Ver­mitt­lung eines ehe­ma­li­gen DDR-Außen­händ­lers Anfang der neun­zi­ger Jah­re zu sich ein­ge­la­den. 1992 kam Chew selbst nach Ber­lin und wähl­te hun­dert Bil­der für eine Aus­stel­lung im Städ­ti­schen Kunst­mu­se­um von Tai­peh aus. Die Expo­si­ti­on stieß dort auf gro­ßes Inter­es­se – wäh­rend Womacka und ande­re bedeu­ten­de Maler in ihrer Hei­mat als »Staats­künst­ler« geschmäht und ihre Wer­ke in die Depots ver­bannt wur­den. Die mei­sten Wo-macka-Gemäl­de, die im Tai­pei Fine Arts Muse­um (TFAM) gezeigt wor­den waren, kehr­ten nicht wie­der nach Deutsch­land zurück, sie wur­den dort ver­kauft und sicher­ten Womack­as Exi­stenz für gerau­me Zeit. Chew selbst erwarb eini­ge Bil­der, dar­un­ter »Am Strand III«. Jahr um Jahr kam er in der Fol­ge­zeit nach Deutsch­land und besuch­te Womacka auch in des­sen Som­mer­quar­tier Lod­din auf der Insel Use­dom. Chews Sohn Chung-Chiang Chin nahm ein Stu­di­um an der Ber­li­ner Musik­hoch­schu­le auf, Toch­ter Chun-i Chiu schrieb sich in Mün­chen bei den Kunst­wis­sen­schaf­ten ein.

2007 grün­de­te sich ein Freun­des­kreis Wal­ter Womacka, der inzwi­schen sei­nen Sitz in Köl­pin­see auf der Insel Use­dom hat. Im Hotel See­ro­se, unweit von Womack­as Anwe­sen in Lod­din, gibt es eine Dau­er­aus­stel­lung mit sei­nen Wer­ken – dar­un­ter »Am Strand III«, das Herr Chew zunächst als Leih­ga­be dem Freun­des­kreis über­las­sen hat­te. Im Vor­jahr mach­te er das 90 mal 110 cm gro­ße Bild dem Ver­ein zum Geschenk.

Und die­ser Freun­des­kreis nahm das berühm­te Gemäl­de als Vor­la­ge, um damit auf den bevor­ste­hen­den 15. Geburts­tag des Ver­eins hin­zu­wei­sen: mit einer Brief­mar­ke zum Nomi­nal­wert von 85 Cent. Damit kann man einen Brief bekle­ben und ver­sen­den oder ein gutes Werk tun, denn die Mar­ke gibt es für eine klei­ne Spen­de – im Hotel, und eben nur dort. Mit dem Obo­lus will der Freun­des­kreis wei­ter­hin Womack­as Erbe hier­zu­lan­de pfle­gen und dafür sor­gen, dass der Name nicht ver­ges­sen wird, auch wenn noch etli­che sei­ner Kunst­wer­ke im öffent­li­chen Raum ins­be­son­de­re in der Haupt­stadt zu sehen sind. Im ein­sti­gen Staats­rats­ge­bäu­de, inzwi­schen eine pri­va­te Schu­le, erin­nern die bun­ten Glas­fen­ster an ihn, auf dem Alex­an­der­platz der Brun­nen der Freund­schaft, die Bauch­bin­de am Haus des Leh­rers und das Kup­fer­re­li­ef am ehe­ma­li­gen Haus des Rei­sens. Und das neun­zig Qua­drat­me­ter gro­ße Wand­bild »Der Mensch, das Maß aller Din­ge«, wel­ches ursprüng­lich an der Fas­sa­de des abge­ris­se­nen DDR-Bau­mi­ni­ste­ri­ums in der Brei­ten Stra­ße hing. Eine kom­mu­na­le Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft hat die 360 email­lier­ten Kup­fer­plat­ten geret­tet und 2013 an einem Wohn­haus in der Fried­richs­gracht wie­der anbrin­gen lassen.

Nicht zu ver­ges­sen die drei Blei­glas­fen­ster in der Ein­gangs­hal­le zum Muse­um der Natio­na­len Mahn- und Gedenk­stät­te Sach­sen­hau­sen, die im Janu­ar erst­mals von einem Bun­des­prä­si­den­ten besucht wor­den ist. Womacka hat es nach mehr als sechs Jahr­zehn­ten also mal wie­der auf eine Brief­mar­ke geschafft. Ohne insti­tu­tio­nel­len Bei­stand, nur mit bür­ger­schaft­li­chem Enga­ge­ment. Das soll­te doch mal gesagt sein.