Skip to content
Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

Menu
Ossietzky-Signet
Menu

Wort-Geschichten: Polizei

Manch schö­nes Fremd­wort ver­dan­ken wir der Polis, dem grie­chi­schen Stadt­staat. Von ihm kom­men bekann­te Wör­ter wie Metro­po­le, Poli­tik, Poli­kli­nik – und Poli­zei. In der alten Kul­tur­wie­ge Hel­las war der Stadt­staat die pólis, der Stadt­bür­ger der polí­tes und die Stadt­ord­nung die poli­teía. Die poli­teía wur­de, als ein Lehn­wort, im Früh­ita­lie­ni­schen zu poli­zia im Sin­ne von öffent­li­cher Ord­nung und Ver­wal­tung. Nach die­sem Vor­bild ent­stan­den dann im deut­schen Raum die mit­tel­al­ter­li­chen Poli­zey-Ord­nun­gen.

Das Wort Poli­zist für den Ord­nungs­hü­ter gab es noch nicht. Für die Gefah­ren­ab­wehr aber – gegen Feu­er, Hoch­was­ser, Die­be und Räu­ber – hat­ten vie­le Städ­te einen Wacht­mei­ster, der die Wachen und ins­be­son­de­re die Nacht­wäch­ter zum Dienst ein­teil­te. Lei­der war der Beruf der Letz­te­ren trotz ihrer Wich­tig­keit nicht hoch ange­se­hen. Ihre Tätig­keit ent­sprach der eines Strei­fen-Poli­zi­sten, sie tru­gen jedoch Horn und Hel­le­bar­de statt Tril­ler­pfei­fe und Pistole.

Eine erste Poli­zei-Ein­heit wur­de 1791, mit­ten in der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on auf­ge­stellt. Sie erhielt den ein­fa­chen Namen gens d‘armes (bewaff­ne­te Män­ner). Das Wort und die Sache kamen mit den napo­leo­ni­schen Krie­gen in deut­sche Lan­de. Ins­be­son­de­re der länd­li­che Poli­zist hieß nun Gen­darm und heißt in Öster­reich bis heu­te so. Die Gen­dar­me­rie ist sei­ne Dienst­stel­le. Die Poli­zei als beson­de­res Organ von Schutz­leu­ten ist also erst gut 200 Jah­re alt. Zuvor gab es zwar Wach­män­ner, Stadt­büt­tel und Gerichts­die­ner; aber als inne­rer Ord­nungs­fak­tor dien­ten bis­lang vor allem die (könig­li­chen) Trup­pen von Gar­de, Gar­ni­son und Heer.

Das wei­te Feld der öffent­li­chen Sicher­heit und Gefah­ren­ab­wehr führ­te seit dem 19. Jahr­hun­dert zu aller­hand spe­zi­el­len Poli­zei­en: Bau­po­li­zei (ab 1945 dann Bau­auf­sicht genannt), Gewer­be-, Trans­port-, Berg­po­li­zei usw. Die Poli­zei­stun­de bestimm­te den Zeit­punkt, an dem die Gäste die öffent­li­chen Schank- und Ver­gnü­gungs­stät­ten räu­men muss­ten. Von feu­er­po­li­zei­li­chen Vor­schrif­ten liest man gele­gent­lich noch in Theatern.

Um das­sel­be Grund­wort, dem unse­re Poli­zei ent­stammt, rankt sich die gro­ße Grup­pe des Poli­ti­schen. Im 17. Jahr­hun­dert kam aus Frank­reich die Voka­bel poli­tique = Staats- und Regie­rungs­kunst. Die Süd­deut­schen spre­chen die letz­te Sil­be kurz: Pol­li­tick, wäh­rend die nord­deut­schen Mund­ar­ten hier deh­nen: Poli­tiek. Die Fül­le der Zusam­men­set­zun­gen ist groß. Innen- und Außen-, Lohn- und Preis­po­li­tik erklä­ren sich selbst. Erklä­rungs­be­dürf­tig ist aber die Geo- oder Welt­po­li­tik. Mit letz­te­rem Wort bezeich­ne­ten die expan­si­ons­freu­di­gen Krei­se Deutsch­lands seit 1890 ihr Bestre­ben, zur Welt­macht zu wer­den. In Abkehr von einer kriegs­ver­mei­den­den Real­po­li­tik der Bis­marck­zeit war die Welt­po­li­tik ver­bun­den mit Flot­ten­rü­stung, Aus­lands­ein­sät­zen und jah­re­lan­ger Poli­tik am Ran­de des Krie­ges (bis es 1914 zur viel­zi­tier­ten und blu­ti­gen »Fort­set­zung der Poli­tik mit ande­ren Mit­teln« kam).

Ja, Poli­tik und Ver­bre­chen lie­gen zuwei­len dicht bei­ein­an­der. Doch unter poli­ti­schen Ver­bre­chen ver­steht man von alters her etwas ande­res, näm­lich Maje­stäts­ver­bre­chen: also Taten, die ent­we­der die Maje­stät des Mon­ar­chen belei­di­gen, die her­ge­brach­te Ord­nung stür­zen (Hoch­ver­rat) oder die äuße­re Sicher­heit gefähr­den (Lan­des­ver­rat). Als vor­sorg­li­ches Mit­tel dage­gen ent­stand vie­ler­orts eine gehei­me poli­ti­sche Poli­zei. Joseph Fou­ché, Napo­le­ons euro­pa­weit täti­ger Poli­zei­mi­ni­ster, gilt als deren Begrün­der; aber er hat­te sei­ne Vor­läu­fer, z.B. den durch die »Drei Mus­ke­tie­re« bekann­ten Kar­di­nal Riche­lieu. In Preu­ßen-Deutsch­land war es ein Klas­sen­ka­me­rad Bis­marcks, Wil­helm Stie­ber (gest. 1882), der nach erfolg­rei­cher Detek­tiv­ar­beit eine gehei­me Staats­po­li­zei auf­bau­en durfte.

Und jetzt eine Über­ra­schung. Die Poli­ce, in jedem Haus­halt zu fin­den, hat mit unse­rer Wort­sip­pe nichts zu tun. Obwohl in Klang und Schrift so dicht bei Poli­zei und Poli­tik – der Ver­si­che­rungs­schein hat einen ande­ren Weg zurück­ge­legt, näm­lich vom Grie­chi­schen über ita­lie­nisch poliz­za (Schein, Quit­tung) zu Fran­zö­sisch poli­ce. Apro­pos fran­zö­sisch: Ein hüb­sches Wort mit radi­ka­ler Bedeu­tungs­än­de­rung ist die Poli­tes­se. Vor hun­dert Jah­ren mein­te Poli­tes­se nichts ande­res als Höf­lich­keit und fei­nes Ver­hal­ten, von fran­zö­sisch poli = artig, höf­lich. Die­se Bedeu­tung ist nun fast ver­ges­sen. Heu­te ver­steht man dar­un­ter die mehr oder weni­ger belieb­te Park­raum-Über­wa­che­rin, im eng­li­schen Sprach­raum auch meter-maid genannt, Park­uhr-Mäd­chen. Die Beat­les setz­ten ihr 1967 ein musi­ka­li­sches Denk­mal mit den Zei­len: »Lovely Rita, meter-maid! Whe­re would I be without you.« Aus Poli­zist und Hostess form­te man im Deut­schen das Kunst­wort Poli­tes­se, ein neu­es Wort für eine neue Auf­ga­be der Stadt­ver­wal­tung. Womit wir wie­der bei der Polis mit ihrer poli­teía wären.