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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Wort-Geschichten: Versteher

Laut Duden bedeu­tet »ver­ste­hen«, etwas zu begrei­fen oder sei­nen Sinn zu erfas­sen. Es bedeu­tet auch, sich in die Lage eines ande­ren hin­ein­ver­set­zen zu kön­nen und des­halb Ver­ständ­nis für ihn zu haben. Und nicht zuletzt bedeu­tet »ver­ste­hen«: die Ver­hal­tens­wei­se, die Reak­ti­on eines ande­ren Men­schen oder einer Insti­tu­ti­on (aus deren Blick­win­kel betrach­tet) für natür­lich, für kon­se­quent, für rich­tig oder nor­mal zu hal­ten. Das Wort »ver­ste­hen« ist also ein Verb, das immer im Zusam­men­hang mit gelun­ge­ner Kom­mu­ni­ka­ti­on benutzt wird.

Ganz anders ver­hält es sich, wenn aus dem Verb ein Sub­stan­tiv wird, wenn der Ver­ständ­nis­vol­le als »Ver­ste­her« ent­larvt wird. Der »Frau­en­ver­ste­her« zum Bei­spiel, mit dem Män­ner ande­re Män­ner ver­ächt­lich oder spöt­tisch als unmänn­lich und ver­weich­licht ver­höh­nen. Ein »Frau­en­ver­ste­her« ist eben ein »Weich­ei«, ein »Warm­du­scher«, ein »Wasch­lap­pen«. Auch »Hun­de-« oder »Pfer­de­ver­ste­her« wer­den nicht wirk­lich ernst genom­men. »Ver­ste­her« bezeich­net in Ver­bin­dung mit Sub­stan­ti­ven oder Namen jeman­den, der – mit dem Ziel, sich anzu­bie­dern – für eine Per­son oder Sache über­trie­ben viel Ver­ständ­nis hat. Der Frau­en­ver­ste­her will sich bei den Frau­en ein­schmei­cheln, der Hun­de- oder Pfer­de­ver­ste­her will in der inter­es­sier­ten Öffent­lich­keit als außer­ge­wöhn­lich gefühl­vol­ler Tier­ex­per­te mit gera­de­zu magi­schen Kräf­ten wahr­ge­nom­men werden.

Nie wird das Wort »Ver­ste­her« als Selbst­be­zeich­nung benutzt, schließ­lich ist es immer iro­nisch oder abfäl­lig gemeint. Wer als »Ver­ste­her« beschimpft wird, dem wird kein ech­tes Ver­ständ­nis unter­stellt, son­dern er muss ganz ande­re Inter­es­sen haben. Er ist ein Schleim­schei­ßer, ver­blen­det, auf der fal­schen Sei­te, nicht zurech­nungs­fä­hig. Wie die bösen »Putin- oder Russ­land­ver­ste­her«, die der­zeit wie­der häu­fig in den Schlag­zei­len auf­tau­chen. Wer also ver­sucht, die Posi­ti­on oder die Psy­cho­lo­gie des von der Nato umzin­gel­ten Russ­land zu erklä­ren, wird sofort als nost­al­gi­scher Sta­li­nist, als Fah­nen­flüch­ti­ger und Über­läu­fer, als gei­stig ver­wirr­ter Ver­ste­her ent­larvt. Als ein Abtrün­ni­ger, der den frei­en Westen und die US-ame­ri­ka­ni­sche Demo­kra­tie ablehnt.

USA-Ver­ste­her oder Nato-Ver­ste­her sind in der ver­öf­fent­lich­ten Mei­nung natür­lich nicht zu fin­den. Denn wer hier und heu­te auf der Sei­te der USA, der Nato und deren Kriegs­trei­be­rei steht, befin­det sich selbst­ver­ständ­li­chen auf der ein­zig rich­ti­gen Seite.

Wie heißt es doch: Das erste Opfer des Krie­ges ist die Wahrheit.

 Anmer­kung der Redak­ti­on: Aus »Wort-Geschich­ten« wol­len wir eine unre­gel­mä­ßig erschei­nen­de Rubrik machen (nicht mehr als 3.000 Zei­chen): ver­brann­te, tabui­sier­te Wor­te, »Unwor­te«, ver­ges­se­ne Wor­te, neue Wor­te, sich wan­deln­de Wort­be­deu­tun­gen, Lieblingsworte …

Wir freu­en uns auf Ihre Ideen!