Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Absetzbewegung vom gleichen Wahlrecht

Der bizar­re Wahl­kampf um das Amt des US-Prä­si­den­ten neigt sich lang­sam dem Ende zu. Zum Redak­ti­ons­schluss zeich­net sich ein Amts­wech­sel von Donald Trump zu Joe Biden ab. Im Ärmel hat Trump aller­dings noch eine Kar­te oder, um in den Bil­dern kit­schi­ger Western zu blei­ben, ein Mes­ser im Stie­fel. Am 23. Sep­tem­ber hat­te der Amts­in­ha­ber auf einer Pres­se­kon­fe­renz im Wei­ßen Haus die Garan­tie ver­wei­gert, das Amt zwi­schen dem 3. Novem­ber – dem Tag der Wah­len – und dem 20. Janu­ar, also dem tra­di­tio­nel­len Tag der Über­tra­gung der Prä­si­den­ten­wür­de, an Biden zu übergeben.

Klar ist schon län­ger: Trump kämpft nicht um eine Mehr­heit der Stim­men – die hat­te er schon beim ersten Mal nicht. Trump kämpft – mit den Erfolgs­re­zep­ten sei­nes Sie­ges über Hil­la­ry Clin­ton – nur um die Mehr­heit der Wahl­män­ner am Abend des 3. Novem­ber. Er spe­ku­liert zum einen dar­auf, dass durch die tra­di­tio­nel­len Hür­den des US-Wahl­sy­stems und die all­ge­mei­ne Resi­gna­ti­on vie­le far­bi­ge und sozi­al deklas­sier­te Ame­ri­ka­ner den Wahl­ur­nen fern­blei­ben, und zum ande­ren dar­auf, dass dank Coro­na mehr Wäh­ler der Demo­kra­ten die Brief­wahl bevor­zu­gen als Wäh­ler der Repu­bli­ka­ner. Also greift Trump schon län­ger die Brief­wahl als Teil des Wahl­rechts an: Kei­ne Brief­wahl, kei­ne Nie­der­la­ge, kein Aus­zug aus dem Wei­ßen Haus.

Abge­si­chert wird die­se Linie gegen­wär­tig dadurch, dass die ange­streb­te Ernen­nung der erz­kon­ser­va­ti­ven Amy Coney Bar­rett zur neu­en Ver­fas­sungs­rich­te­rin noch vor dem 3. Novem­ber eine Mehr­heit die­ses Gre­mi­ums sicher­stel­len soll, das im Zwei­fels­fall den Aus­schlag über die Aner­ken­nung des Wahl­er­geb­nis­ses gibt.

Das könn­te als Folk­lo­re abge­tan wer­den, aber da pas­siert mehr. Das all­ge­mei­ne Wahl­recht war und ist der herr­schen­den Klas­se immer nur so lan­ge hei­lig, wie es ihre Macht sichert. Dar­an konn­te sich jeder, wenn er denn woll­te, im Sep­tem­ber erin­nern, als sich die Amts­über­nah­me von Sal­va­dor Allen­de zum fünf­zig­sten Male jähr­te, die bekannt­lich drei Jah­re spä­ter im Blut­bad eines faschi­sti­schen Put­sches endete.

Eine Aner­ken­nung der Ver­schie­bung der Macht­ver­hält­nis­se weg von dem seit 1792 gewähr­lei­ste­ten Zugriff der wei­ßen christ­li­chen Män­ner auf die Schalt­he­bel des Staats­ap­pa­ra­tes hin zum Aben­teu­er einer bun­ten Mehr­heit von »Nig­gern«, Lati­nos und ungläu­bi­gen Frau­en ist dabei nicht vor­ge­se­hen. Droht eine sol­che Ver­schie­bung, wird die herr­schen­de Klas­se eher das all­ge­mei­ne Wahl­recht schlei­fen als sich auf die­ses Aben­teu­er einlassen.

Zu erwar­ten ist daher für die näch­sten Jah­re ein hef­ti­ger Ideen­wett­be­werb, wie das all­ge­mei­ne Wahl­recht so zurecht­ge­stutzt wer­den kann, dass es die Macht­aus­übung der herr­schen­den Klas­se mög­lichst wenig behin­dert. Da kommt alles an die Brain­stor­ming-Pinn­wand: Drei­klas­sen­wahl­recht, Hür­den der Wahl­re­gi­strie­rung nach Bil­dung und sozia­ler Lage der Wahl­be­zir­ke, Zuschnitt der Wahl­be­zir­ke, plan­mä­ßi­ges Hin­ein­trei­ben der Deklas­sier­ten in die poli­ti­sche Dau­er-Resi­gna­ti­on und das Hoch­lo­ben der anti­ken Demo­kra­tie mit ihrer wie selbst­ver­ständ­lich zele­brier­ten Aus­gren­zung der Skla­ven (Skla­vin­nen sowieso).

Die Prä­si­dent­schafts­wah­len in den USA blei­ben also span­nend – auch über den 3. Novem­ber hinaus.