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Herausgegeben von Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner,
Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Von Sensenmännern

Ach, wie soll ich nur anfan­gen, ohne vom Hun­dert­sten ins Tau­send­ste zu kom­men? Es gäbe so viel zu erzäh­len, in Neben­we­ge hin­ein, aus Ver­äste­lun­gen her­aus, bis wir end­lich in den Herbst 2020 gelang­ten und nach Inni­chen kämen in Süd­ti­rol, womit wir dann beim eigent­li­chen The­ma wären.

Ich pro­bie­re es mal so, in Etappen:

Etap­pe 1: 1810 war es, zu Man­tua, einer Stadt in der nord­ita­lie­ni­schen Lom­bar­dei, in deren Nähe der römi­sche Dich­ter Ver­gil gebo­ren wur­de, der Ort, wohin Shake­speare sei­nen Romeo in die Ver­ban­nung schick­te und in dem Ver­di sei­nen »Rigo­let­to« spie­len ließ. Die­se kul­tu­rel­len Impli­ka­tio­nen wur­den mir aller­dings erst nach und nach bekannt. Von Jugend an, viel­leicht gar von Kind­heit an, wuss­te ich dage­gen von einem ande­ren geschicht­li­chen Ereig­nis aus dem erwähn­ten Jahr 1810. Das Haus­buch mit deut­scher Dich­tung hat­te es mir nahegebracht:

»Zu Man­tua in Ban­den /​ der treue Hofer war. /​ In Man­tua zum Tode /​ führt ihn der Fein­de Schar. /​ Es blu­te­te der Brü­der Herz, /​ ganz Deutsch­land, ach in Schmach und Schmerz, /​ mit ihm das Land Tirol.«

Der im Vogt­land gebo­re­ne Dich­ter Juli­us Mosen (1803–1867) hat­te 1832 mit die­ser Bal­la­de dem von den Trup­pen Napo­le­on Bona­par­tes gefan­gen­ge­nom­me­nen und 1810 in einer Zita­del­le zu Man­tua auf des­sen Anwei­sung erschos­se­nen Füh­rer des im Jahr zuvor begon­ne­nen Tiro­ler Auf­stan­des, Andre­as Hofer, ein lite­ra­ri­sches Denk­mal gesetzt. Und sich gleich mit, denn viel mehr ist heu­te von ihm nicht mehr bekannt. Das Andre­as-Hofer-Lied – histo­ri­sches Stich­wort: Koali­ti­ons­krie­ge – ist seit 1948 offi­zi­el­le Hym­ne des öster­rei­chi­schen Lan­des Tirol.

Nach sei­ner Melo­die wer­den übri­gens noch ande­re Lie­der gesun­gen, Ossietzky-Lese­rin­nen und -Leser wer­den ein Lied beson­ders kennen:

»Dem Mor­gen­rot ent­ge­gen, /​ Ihr Kampf­ge­nos­sen all! /​ Bald siegt ihr aller­we­gen, /​ Bald weicht der Fein­de Wall! /​ Mit Macht her­an und hal­tet Schritt! /​ Arbei­ter­ju­gend? Will sie mit? /​ Wir sind die jun­ge Gar­de /​ Des Proletariats!«

Der Süd­ti­ro­ler Land­tag spiel­te zwar eben­falls mit dem Gedan­ken, das Hofer-Lied zur Lan­des­hym­ne zu erhe­ben, hielt es aber in Anbe­tracht des ita­lie­ni­schen Bevöl­ke­rungs­an­teils bei der Abstim­mung im Jahr 2004 doch lie­ber mit dem seli­gen Karl Valen­tin: »Mögen hätt ich schon wol­len, aber dür­fen hab ich mich nicht getraut!« Gesun­gen wird das Lied den­noch auch heu­te noch bei offi­zi­el­len Anläs­sen, und dann mit gro­ßer Inbrunst. Aber genug der Um- und Nebenwege.

Etap­pe 2: Franz von Defreg­ger (1835–1921) war ein Ost­ti­ro­ler Bau­ern­sohn und wur­de als öster­rei­chisch-baye­ri­scher Gen­re- und Histo­ri­en­ma­ler bekannt. 1874 mal­te er in Öl auf Lein­wand, 53,4 cm x 70,2 cm hoch und breit, sein Histo­rien­bild »Das letz­te Auf­ge­bot«, heu­te in der Alten Pina­ko­thek in Mün­chen zu besich­ti­gen. Sein The­ma: die Kämp­fe der Tiro­le­rin­nen und Tiro­ler gegen Napo­le­on im Jahr 1809. Schon der Titel bezeugt: Der Kampf ist in sei­ne End­pha­se getre­ten. Die Alten aus den Berg­dör­fern und von den Almen, knor­ri­ge, bär­ti­ge Gestal­ten mit Mor­gen­ster­nen, Sen­sen, Heu­ga­beln und Arm­brü­sten machen sich auf in den Kampf. Ban­ge Blicke von Frau­en und Kin­dern beglei­ten sie.

Ich gestat­te mir noch ein­mal eine klei­ne Abschwei­fung: Unser Maler Defreg­ger ist der Groß­va­ter von Mat­thi­as Defreg­ger (1915–1995), Weih­bi­schof von Mün­chen und Frei­sing. Eben die­ser Defreg­ger ließ im Zwei­ten Welt­krieg als Kom­man­deur der Nach­rich­ten­ab­tei­lung einer Jäger­di­vi­si­on auf Befehl des Divi­si­ons­kom­man­deurs zur Ver­gel­tung für einen Par­ti­sa­nen­an­griff am Gran Sas­so in den Abruz­zen 17 Ein­woh­ner zwi­schen 17 und 69 Jah­ren erschie­ßen und das Dorf nie­der­bren­nen. Zur Beloh­nung wur­de er zum Major beför­dert. Nach Kriegs­en­de ver­schwieg Defreg­ger die Tat. Ende der 60er Jah­re kam es zwar zu Gerichts­ver­fah­ren, die jedoch wegen Ver­jäh­rung ein­ge­stellt wur­den. Nach­dem Der Spie­gel 1969 dar­über berich­tet hat­te, kam es erneut zu einem Ver­fah­ren, das 1970 end­gül­tig ein­ge­stellt wur­de. Defreg­ger habe den »ver­bre­che­ri­schen Cha­rak­ter« des Befehls und sei­nes Vor­ge­hens nicht erken­nen kön­nen. Nach sei­nem Tod wur­de der Weih­bi­schof auf eige­nen Wunsch in Ost­ti­rol unweit von Lienz bei­gesetzt, nur 40 Kilo­me­ter ent­fernt von dem jen­seits der Staats­gren­ze gele­ge­nen Inni­chen. Womit wir end­lich im Puster­tal ange­kom­men sind, dem Ziel unse­rer histo­ri­schen Rei­se, und somit in der Gegen­wart des Coro­na-Herb­stes 2020.

Etap­pe 3: Hotels mit dem Namen »Wei­ßes Rössl« gibt es vie­le. Unser Hotel war frü­her mal ein Bau­ern­haus und liegt im Zen­trum von Inni­chen im Puster­tal. Da Süd­ti­rol zwei­spra­chig ist, nennt es sich auch »Caval­li­no Bian­co«. Das Hotel kon­fron­tiert die Pas­san­ten mit einer Breit­sei­te. An der Haus­front prangt eine rie­si­ge Repro­duk­ti­on von Defreg­gers Bild »Das letz­te Auf­ge­bot« mit all den Alten aus den Dör­fern und von den Almen, mit Mor­gen­ster­nen, Heu­ga­beln, Sen­sen und so wei­ter – sie­he oben. Quer über das Ban­ner zieht sich in leuch­ten­dem Gelb die Botschaft:

PFIATE »CORONA SCHWINDEL«

LEITLANES ISCH ZEIT!!

WEHR MO INS!! FIR INSRE KINDER!!

Tschüss »Coro­na Schwin­del«. Leu­te, es ist Zeit. Weh­ren wir uns. Für unse­re Kinder.

Ich sit­ze neben­an in der nach Sicher­heits­re­geln auf­ge­stell­ten Außen­ga­stro­no­mie des tra­di­ti­ons­rei­chen 4-Ster­ne-Hotels »Grau­er Bär«, auf Ita­lie­nisch »Orso Gri­gio«, trin­ke Tee und fra­ge mich mit Brecht, was für eine Käl­te über die Leu­te gekom­men sein muss, wel­che Exi­stenz­angst, wer da so auf sie ein­schlug, was über sie her­ein­brach, dass sie jetzt so durch und durch erkal­tet sind. Dass sie solch ein man­geln­des Gespür dafür haben, dass Gäste nur kom­men, wenn sie gro­ßes Ver­trau­en in die Ver­läss­lich­keit der Gast­ge­ber haben.

Aber es gibt auch die gegen­tei­li­ge Ansicht, denn schon ent­decke ich die ersten Unter­stüt­zer in der Online-Rubrik »Rezen­sio­nen« des Hotels. Einer, der lei­der auch »Klaus« heißt, postet: »Mei­ne 5 Ster­ne bekommt ihr für euren Ban­ner auf der Haus­fas­sa­de zum aktu­el­len Top The­ma, das fast jedem schon zum Hal­se raus­hängt! Dan­ke für euren Mut!« (Ein rotes Herz­chen folgt.) Und »Ade­lin­de« sekun­diert: »Ich war erstaunt, dass eine Hote­liers­fa­mi­lie den Mut hat, zudem einen gesun­den Haus­ver­stand sich getraut hat … etwas für den Coro­na Schwin­del zu unter­neh­men. Hut ab … ich dan­ke euch« (jeweils Originalschreibweise).

Tee­trin­kend zäh­le ich in der Fuß­gän­ger­zo­ne die Vor­bei­fla­nie­ren­den ohne Gesichts­mas­ke. In kur­zer Zeit habe ich die Zahl 50 erreicht. Obwohl aus allen Rich­tun­gen am Anfang der Fuß­gän­ger­zo­ne dar­auf hin­ge­wie­sen wird, dass das Tra­gen von Mund-/Na­sen­schutz Pflicht ist. Ich fra­ge mich, ob sich die Hotel­be­sit­zer und die Mas­ken­ver­wei­ge­rer oder Mas­kenigno­rie­rer nicht mehr an Ber­ga­mo erin­nern, an den nord­öst­lich von Mai­land gele­ge­nen Ort, kaum vier Auto­stun­den ent­fernt, wo seit Beginn der Pan­de­mie fast jeder einen Ver­wand­ten oder einen Freund ver­lo­ren hat, wo schließ­lich vor noch nicht mal einem hal­ben Jahr die Sär­ge in der Kir­che gesta­pelt wer­den muss­ten, weil das ört­li­che Kre­ma­to­ri­um über­füllt war, bis sie in schier end­lo­ser Kolon­ne von Mili­tär-Last­wa­gen abtrans­por­tiert wur­den. Apo­ka­lyp­ti­sche Bil­der von der Ver­gäng­lich­keit des Men­schen, die eigent­lich jedem zei­gen müss­ten, dass sich das Virus und sein »Schnit­ter, der heißt Tod« (aus »Des Kna­ben Wun­der­horn«) weder von Ban­nern noch von Auf­ru­fen zur Unbot­mä­ßig­keit noch von Sen­sen­män­nern aus den Ber­gen auf­hal­ten lässt.

Die Angst vor einem neu­er­li­chen Shut­down oder vor einer inter­na­tio­na­len Ein­stu­fung als Risi­ko­ge­biet mit allen ver­hee­ren­den Fol­gen für die Men­schen und den Wirt­schafts­zweig Tou­ris­mus, jetzt auch in Hin­blick auf die bevor­ste­hen­de Win­ter­sai­son, sitzt den Behör­den Süd­ti­rols und dem Sani­täts­be­trieb im Nacken. Peni­bel wer­den alle 24 Stun­den die Sta­ti­sti­ken über Abstri­che, Neu­in­fek­tio­nen, Gesamt­zahl der Abstri­che und Infi­zier­ten und die Zah­len der Per­so­nen in Qua­ran­tä­ne, der posi­tiv Gete­ste­ten, Geheil­ten und Ver­stor­be­nen ver­öf­fent­licht. Trans­pa­renz und rasches Han­deln sind ober­ste Gebote.

Wäh­rend ich dies schrei­be, mel­den die Süd­ti­rol News, dass vier Mit­glie­der des Gemein­de­rats von Sex­ten und der Bür­ger­mei­ster posi­tiv gete­stet wor­den sind. Weni­ge Tage spä­ter kommt die Nach­richt, dass wegen der Häu­fung von Coro­na-Infek­tio­nen alle Ein­hei­mi­schen, alle Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter in den Hotel­be­trie­ben, über­haupt alle im Ort Beschäf­tig­ten sowie alle Gäste gete­stet wer­den, um eine lücken­lo­se Nach­ver­fol­gung und effi­zi­en­te Iso­lie­rung neu­er Fäl­le zu ermög­li­chen. Sex­ten ist nur sechs Kilo­me­ter von Inni­chen entfernt.

Zwei Wochen spä­ter, am 22. Okto­ber, stuft das Robert-Koch-Insti­tut Süd­ti­rol als Risi­ko­ge­biet ein.

»Der Zau­ber Süd­ti­rols, im Herbst ent­fal­tet er sich beson­ders schön«, lese ich in einer Zeit­schrift über Rei­sen in die Dolo­mi­ten, das UNESCO-Welt­kul­tur­er­be. Das stimmt. Aber um so man­ches Ziel mache ich einen Bogen. Mag da das Rössl auch noch so mun­ter springen.