Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Beckmanns Ursuppe

Das Bild ken­ne ich seit 57 Jah­ren – da hing es als bil­li­ge Repro­duk­ti­on in der Stu­den­ten­bu­de mei­nes Freun­des Otto, mit dem ich bis heu­te lebe. Es ist das Gemäl­de »Odys­seus und Kalyp­so«, wäh­rend des Krie­ges 1943 in der Emi­gra­ti­on in Amster­dam gemalt. Es schmückt heu­te als Titel den Kata­log zur Aus­stel­lung: »Max Beck­mann – weib­lich – männ­lich« (bis zum 24. Janu­ar 2021 in der Ham­bur­ger Kunst­hal­le; Kata­log: Pre­stel Ver­lag, 240 Sei­ten, 29 Euro).

Beck­mann woll­te der berühm­te­ste deut­sche Maler wer­den – so die Kura­to­rin Karin Schick –, und er wird es auch. Als Künst­ler »mit kla­ren Kar­rie­re­zie­len«, infor­miert der Wand­text, bau­te er »schon früh ein Netz­werk an männ­li­chen und weib­li­chen För­de­rern auf«. Und er mal­te sie. Oft im schma­len Hoch­for­mat, das die Ele­ganz der Damen her­vor­hob. So Käthe von Pora­da, sei­ne lang­jäh­ri­ge Mäze­nin, die Beck­mann 1924 im roten Kleid por­trä­tier­te. Ihr Kopf vor einem Spie­gel, des­sen gol­de­ner Rah­men ihr einen Hei­li­gen­schein ver­passt. Zu Recht. Die Jour­na­li­stin mit gro­ßem Bekann­ten­kreis war wohl die Frau, die am mei­sten für ihn tat. Sie orga­ni­sier­te und finan­zier­te Aus­stel­lun­gen des Malers, such­te eine Woh­nung in Paris, chauf­fier­te ihn und fun­gier­te als Sekre­tä­rin. 1939 war das vor­bei, als ihr, der mit einem Polen ver­hei­ra­te­ten Jüdin, der pol­ni­sche Pass auch nicht mehr half, der ihr Rei­sen durch Euro­pa ermög­licht hatte.

1937, als in Mün­chen die Schand­aus­stel­lung »Ent­ar­te­te Kunst« gezeigt wur­de – auch zehn Gemäl­de und zwölf Gra­fi­ken von Beck­mann dar­un­ter –, ver­lie­ßen Max und Mat­hil­de (Quap­pi) Deutsch­land, emi­grier­ten nach Amster­dam. 1933 war Beck­mann als Pro­fes­sor an der Stä­del­schu­le in Frank­furt am Main ent­las­sen wor­den. Das Paar zog nach Ber­lin. Klaus Mann warf im Vor­wort zu sei­nem Buch »Escape to life« dem Maler vor, Deutsch­land erst dann den Rücken gekehrt zu haben, als es ihm wirt­schaft­lich schlech­ter ging – er war Mit­glied der Reichs­kunst­kam­mer und genoss Vergünstigungen.

An die­ser Stel­le muss die ande­re gro­ße Gön­ne­rin genannt wer­den, die Beck­mann schon früh ken­nen­ge­lernt hat­te, Lil­ly von Schnitz­ler, Ehe­frau von Georg, dem Vor­stands­mit­glied der IG-Far­ben – in Nürn­berg als Kriegs­ver­bre­cher aner­kannt und ver­ur­teilt. Auch Beck­mann und sei­ne Frau »ver­kehr­ten mit Mit­glie­dern der geho­be­nen Naz­i­k­rei­se«, schreibt Bar­ba­ra Cope­land Bue­n­ger im Kata­log. Die Beck­manns hat­ten immer wie­der mit den Hanf­sta­engls zu tun, der Kunst­ver­le­ger­fa­mi­lie aus Mün­chen, deren drit­ter Sohn Ernst (Put­zi) Hanf­sta­engl bis 1937 einer der eng­sten Ver­trau­ten Hit­lers war.

Lil­ly von Schnitz­ler unter­hielt »roman­ti­sche Lieb­schaf­ten« mit dem kle­ri­kal­fa­schi­sti­schen Jour­na­li­sten Karl Anton Rohan, mit Mies [van der Rohe], Beck­mann und ande­ren. Sie spiel­te eine »wich­ti­ge Rol­le für Beck­manns Kunst, sei­ne Lauf­bahn und sein Pri­vat­le­ben«, resü­miert Cope­land Bue­n­ger. Lei­der ist von Lil­ly kein Gemäl­de in der Aus­stel­lung, nur eine Blei­stift-Zeich­nung (etwa 1940) mit erho­be­nem rech­tem Zei­ge­fin­ger, der Rät­sel auf­gibt. Beck­mann leg­te Wert auf die Spra­che der Hän­de in sei­nen Bildern.

Auf einem gro­ßen Gemäl­de von 1935 – nicht in Ham­burg – sind alle fünf für Beck­mann wich­ti­gen Frau­en ver­sam­melt, auch Lil­ly im gel­ben Abend­kleid mit Her­me­lin-Sto­la. Und Käthe von Pora­da, die düster von hin­ten her­vor­sieht. In der Mit­te Mat­hil­de (Quap­pi) mit Fächer, die zwei­te Ehe­frau von Max und 20 Jah­re jün­ger als er. Sie war die jüng­ste Toch­ter des berühm­ten Münch­ner Malers Fried­rich August von Kaul­bach. Mat­hil­de hat­te Musik stu­diert. Sie hei­ra­te­te Max 1925. Vor­her muss­te er sich von sei­ner ersten Frau Min­na Tube schei­den las­sen, die er auf der Kunst­schu­le ken­nen­ge­lernt hat­te. Min­na ist vorn auf dem Frau­en­bild, auf einem Kis­sen kniend zu sehen, im blau­en Kleid, mit einem Spie­gel in der Hand, der viel­leicht den Sohn Peter zeigt. Rechts hin­ten Beck­manns Gelieb­te, die Wirt­schafts­wis­sen­schaft­le­rin Hil­de­gard Schmidt-Melms, Naï­la genannt, in einen Pelz gehüllt. Ihre schwarz-behand­schuh­te Hand weist weg aus dem Bild, als wol­le sie alle ande­ren her­aus­kom­pli­men­tie­ren. Sie dien­te dem Maler oft als Modell. Wer das Pastell­krei­de-Por­trät (um 1928) von ihr sieht, ver­steht die Anzie­hungs­kraft, die von ihr ausging.

Das Motiv »Sie­sta« lässt einen Ver­gleich zu, ein­mal als Kalt­na­del­ra­die­rung (1923), dann als Gemäl­de (1931). Auf der Radie­rung liegt Min­na mit über­ein­an­der­ge­schla­ge­nen Bei­nen vor dem Betrach­ter Max. Auf dem Gemäl­de ist aus Min­na Quap­pi gewor­den, das Gesicht über­malt. Sie wird wie auf dem Tablett ser­viert, mit gut sicht­ba­ren Brust­spit­zen – ein klei­ner Hund als Beigabe.

Das The­ma der Aus­stel­lung: »Weib­lich – männ­lich« soll ein neu­es Bild auf den Maler wer­fen: Mir zeig­te er sich männ­lich-selbst­be­zo­gen, kraft­strot­zend – so wie er sich sehen woll­te auf den über 100 Selbst­por­träts – meist mit Ziga­ret­te. Eini­ge in der Aus­stel­lung. Sein berühm­tes Bild im Smo­king (1927) konn­te, coro­nabe­dingt, nicht nach Ham­burg kom­men. »Selbst­bild­nis in Schwarz«, im Amster­da­mer Exil 1944 gemalt, sein Gesicht fast im Dunkel.

Eine nur halb zu lesen­de Schrift der SPD-Zei­tung Vor­wärts im Gemäl­de »Frau­en­bad« führt zurück zum Jahr 1919. Ein Bild nur mit Frau­en, die Män­ner sind im Krieg umge­kom­men. Ein klei­nes nack­tes Kind auf dem Arm der Mut­ter böse grei­nend, auf sei­nem Kopf ein Zei­tungs­hut. Es kann noch nicht lesen. Aus der frü­hen Zeit sind Gra­fi­ken ver­schie­de­ner Seri­en aus­ge­stellt: aus »Die Höl­le«, Blatt vier, die Litho­gra­fie »Das Mar­ty­ri­um« (1919). Im Mit­tel­punkt Rosa Luxem­burg, ihre Arme wie ans Kreuz geschla­gen. Umge­ben von einer Hor­de grin­sen­der Män­ner, ele­gant oder in Uni­form, das Gewehr schwin­gend, ihr die Bei­ne aus­ein­an­der­rei­ßend. Ein poli­ti­scher Maler war Beck­mann nicht. Der Kata­log stellt die Fra­ge, ob der Kör­per Luxem­burgs nur »reli­gi­ös über­höht« wird oder auch »als Pro­jek­ti­ons­flä­che für männ­li­che Gewalt­fan­ta­sien dient«.

War­um drücken Beck­manns Bil­der, die er 1947 mal­te, alle Schrecken aus? Der Krieg war vor­bei, die Emi­gra­ti­on in Amster­dam auch. Er hat­te neue Bezie­hun­gen in die USA geknüpft – Ende August rei­sten Max und Mat­hil­de mit dem Schiff dort­hin, vol­ler Hoff­nung – oder befürch­te­ten sie einen Alp­traum? Im Aqua­rell »Die Hun­de wer­den grö­ßer« bedrän­gen sie ein weib­li­ches Wesen. Im »Dream«, einer Feder­zeich­nung, ist es das Weib, das auf dem wehr­los dalie­gen­den Mann hockt, um ihn aus­zu­sau­gen. Ein brau­ner Kna­be mit schwar­zen Flü­geln kniet auf einem wei­ßen Weib, das sicht­lich genießt. Die­ser »Vam­pir« in Öl ist männ­lich. Das gro­ße Gemäl­de »Die Erschrocke­ne« gibt Rät­sel auf. Sieht sie in die Zukunft oder auf das Zurück­lie­gen­de? Alles 1947.

Die gro­ßen Tri­pty­chen sind in Ham­burg nicht zu sehen, aber ande­re mytho­lo­gi­sche Bil­der. »Mars und Venus« (1939): Der Kriegs­gott hat sie gepackt, die auf­rei­zend sinn­lich das Bild aus­füllt. Vom Mars ist nur die Hand zu sehen, das Gesicht wird ver­deckt vom her­un­ter­ge­zo­ge­nen Visier. »Raub der Euro­pa« (1933): Sie hängt kopf­un­ter über dem Rücken des Stie­res – wäh­rend »Pro­me­theus (Der Hän­gen­ge­blie­be­ne)« von gleich zwei angeb­lich »papa­gei­en­ähn­li­chen Vögeln« ange­pickt wird (1942). Pro­me­theus, in der Pose von Jesus am Kreuz – hier wohl in einer Höh­le. Unter ihm ein Gela­ge im Was­ser. Die »Mes­sing­stadt« (1944) – das sind Tür­me, vom Halb­mond gekrönt. Vorn im Bild ein nack­tes Paar, neben­ein­an­der­lie­gend wie nach dem Geschlechts­akt. Dolch und Pfei­le gren­zen alles zum Betrach­ter – zur Welt – hin ab. Was ent­stand noch im Amster­da­mer Exil? »Odys­seus und Kalyp­so« im Jahr 1943. Der Krie­ger, nackt, aber mit Helm und Schien­bein­schüt­zern wird von Kalyp­so bezirzt. Die Schlan­ge, ein kat­zen­ähn­li­ches Tier und ein Kaka­du – in Indi­en ein ero­ti­sches Sym­bol – ergän­zen die Bedrän­gung. Beck­mann sah sich selbst als Odys­seus – laut sei­nem Tagebuch.

Schon 1925 hat sich Beck­mann mit gno­sti­schen alt­in­di­schen und theo­so­phi­schen Leh­ren beschäf­tigt. Sie­ben­mal las er die über 2000 Sei­ten der »Geheim­leh­re« von Hele­na Bla­va­t­z­ky – wie er in sei­nen Tage­bü­chern ver­merk­te – zwi­schen 1934 und 1950, sei­nem Todes­jahr. Die­se eso­te­ri­schen Ideen fin­den sich in sei­nen Wer­ken wie­der. Und schlim­mer noch, sei­ne inten­si­ve Lek­tü­re der frau­en­feind­li­chen und anti­se­mi­ti­schen Schrif­ten von Otto Wei­nin­ger wie »Geschlecht und Charakter«.

Beck­manns Bron­ze »Mann im Dun­keln« (1934) ist wohl auch sei­nem eso­te­ri­schen Suchen geschul­det, viel­leicht sogar die »Krie­chen­de Frau« (1935). Der Stein­guss »Adam und Eva« (1936) ist irri­tie­rend. Die Eva hält er wie ein win­zi­ges Kind auf der Hand, an sei­ne Brust gedrückt. Die Schlan­ge – sie könn­te auch sei­ne Nabel­schnur sein – umspielt sei­ne Schen­kel und sieht hin­ter der Schul­ter her­vor. Adam – ein andro­gy­nes Wesen? Das ent­spricht Beck­manns Welt­bild über die Ent­ste­hung des Männ­li­chen und Weib­li­chen als Andro­gy­nem aus der Eiform. Eini­ge Zeich­nun­gen und das Aqua­rell »Frü­he Men­schen – Urland­schaft« (1939, über­ar­bei­tet 1947/​48) zeu­gen davon. Dazu die merk­wür­di­ge Tusch­zeich­nung »Mir­ror«, auch »Cham­pa­gne Fan­ta­sy« genannt (1945). Die Kura­to­rin sieht dar­in kei­nen Spie­gel, son­dern eine Lupe. »Was zunächst wie prickeln­der Schaum­wein anmu­tet, ist in Wahr­heit eine Ursup­pe aus Embryo­nen und Gestalt­frag­men­ten, eine vor­mensch­li­che Welt.«

Hin­weis des Muse­ums: Besu­cher haben die Mög­lich­keit, die Ursup­pe zu pro­bie­ren in Semi­na­ren zur »Ver­ko­stung von Cham­pa­gner, dem Lieb­lings­ge­tränk Beckmanns«.