Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Antifaschismus »linksextremistisch«?

Ein Ber­li­ner Finanz­amt hat der Bun­des­ver­ei­ni­gung der Ver­folg­ten des Nazi­re­gimes – Bund der Anti­fa­schi­stin­nen und Anti­fa­schi­sten (VVN-BdA) die Gemein­nüt­zig­keit ent­zo­gen. Begrün­dung? Weil das baye­ri­sche Lan­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz (als ein­zi­ges bis heu­te) in sei­nen halb­jähr­lich erschei­nen­den Berich­ten die VVN-BdA als »links­ex­tre­mi­stisch beein­flusst« dif­fa­miert. Und weil das Ver­wal­tungs­ge­richt Mün­chen am 2. Okto­ber 2014 nicht genug Mumm hat­te, der Kla­ge der baye­ri­schen VVN-BdA statt­zu­ge­ben und das baye­ri­sche Innen­mi­ni­ste­ri­um zur Strei­chung der dif­fa­mie­ren­den Abschnit­te zu ver­don­nern (Beru­fung gegen das Urteil wur­de nicht zuge­las­sen). Und weil die Nen­nung im VS-Bericht eines ein­zi­gen Bun­des­lan­des seit der Novel­lie­rung der Bun­des­ab­ga­ben­ord­nung im Jah­re 2009 aus­reicht, um der betrof­fe­nen Orga­ni­sa­ti­on bun­des­weit die Gemein­nüt­zig­keit ent­zie­hen zu kön­nen (nicht zu müssen).

Von »ech­tem« und »unech­tem« Antifaschismus

Das Urteil des baye­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richts von 2014 umfasst 29 Sei­ten. Neun­und­zwan­zig Sei­ten, die Aus­kunft über die Urteils­fä­hig­keit der betei­lig­ten Juri­sten geben. Hier soll von den Sei­ten 24/​25 die Rede sein; dar­in geht es um den zen­tra­len Vor­wurf, die VVN-BdA prak­ti­zie­re eine »kom­mu­ni­stisch ori­en­tier­te« Form des Anti­fa­schis­mus, die »nicht nur der Bekämp­fung des Rechts­ex­tre­mis­mus [dient]; viel­mehr wer­den alle nicht-mar­xi­sti­schen Syste­me – also auch die par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie – als poten­ti­ell faschi­stisch, zumin­dest aber als eine Vor­stu­fe zum Faschis­mus betrach­tet, die es zu bekämp­fen gilt«. Jahr für Jahr wird die­ser Unsinn vom Ver­fas­sungs­schutz (VS) behaup­tet, Bele­ge dafür wer­den nicht gelie­fert, kön­nen nicht gelie­fert wer­den, weil es sie nicht gibt. Statt die­se Tat­sa­che anzu­er­ken­nen, kon­stru­iert das Gericht eine eige­ne Inter­pre­ta­ti­on. Es befin­det, schon die Fest­stel­lung, dass bür­ger­li­che Demo­kra­tie und Faschis­mus ver­schie­de­ne Aus­prä­gun­gen des Kapi­ta­lis­mus sind und ein Über­gang von erste­rer zur faschi­sti­schen Dik­ta­tur mög­lich ist, sei Kenn­zei­chen einer »kom­mu­ni­stisch ori­en­tier­ten« Faschis­mus-Theo­rie und mit der frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung nicht ver­ein­bar. »Fol­ge­rich­tig« führ­ten näm­lich »danach nur die Abschaf­fung des Kapi­ta­lis­mus und die damit ver­bun­de­ne Über­win­dung aller Klas­sen­ge­gen­sät­ze zur Abschaf­fung des Faschis­mus«. Ech­ter Anti­fa­schis­mus müs­se nach die­ser Theo­rie bei der kapi­ta­li­sti­schen Gesell­schafts­ord­nung anset­zen. Wohl­ge­merkt: Die­se Schluss­fol­ge­rung hat das Gericht gezo­gen. Die VVN-BdA unter­schei­det nicht zwi­schen ech­tem und unech­tem Anti­fa­schis­mus. Sie ach­tet jedes anti­fa­schi­sti­sche Engagement.

Der Kal­te Krieg noch immer nicht vorbei?

Als Kron­zeu­gen für die vom VS erkann­te, angeb­lich ein­zig mög­li­che Kon­se­quenz der unter­stell­ten Theo­rie führt das Gericht den 2016 ver­stor­be­nen Histo­ri­ker und Ossietzky-Autor Kurt Pät­zold an, der beim Bun­des­kon­gress 2011 der VVN-BdA in einem Refe­rat aus­ge­führt habe, die faschi­sti­sche Dik­ta­tur sei »eine der denk­ba­ren, mög­li­chen und ver­wirk­lich­ten Aus­prä­gun­gen bür­ger­li­cher Herr­schaft«. (Wer woll­te das bestrei­ten? Höch­stens Eri­ka Stein­bach, Che­fin der AfD-nahen Desi­de­ri­us-Eras­mus-Stif­tung, die die NSDAP schon mal als lin­ke Par­tei ver­kau­fen woll­te.) Pät­zold habe wei­ter gesagt: »Eine Aus­prä­gung neben ande­ren: der kon­sti­tu­tio­nel­len Mon­ar­chie, der par­la­men­ta­ri­schen Repu­blik oder auch die­ser oder jener Form auto­kra­ti­scher Herr­schaft. In wel­cher Form die bür­ger­li­che Gesell­schaft ihren staat­li­chen Rah­men fin­det, hängt nicht in erster Linie von Über­zeu­gun­gen ab, wie­wohl die beim Han­deln der Men­schen immer im Spie­le sind, son­dern davon, wel­che von ihnen den in der Gesell­schaft domi­nie­ren­den Inter­es­sen und deren Ver­fech­tern dient, sie för­dert und sie womög­lich auch sichert.« War­um die Bekämp­fung aller For­men der bür­ger­li­chen Herr­schaft (ein­schließ­lich der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie) die ein­zig mög­li­che Kon­se­quenz aus die­ser Ana­ly­se sein soll, ist nicht nach­voll­zieh­bar. Das Gericht aber fühlt sich durch die­ses »spe­zi­fi­sche Ver­ständ­nis« von »›Anti­fa­schis­mus‹ der DKP und in der VVN« an den »›Anti­fa­schis­mus‹ als Staats­dok­trin der ehe­ma­li­gen DDR« erin­nert, wonach alle nicht-mar­xi­sti­schen Staa­ten, also auch die BRD, »faschi­stisch« gewe­sen sei­en. In den Köp­fen der Rich­ter ist, so muss man schlie­ßen, der Kal­te Krieg noch immer nicht vor­bei – oder er fängt gera­de wie­der an … Auf kei­nen Fall aner­ken­nen will das Gericht jeden­falls, dass die VVN-BdA eine über­par­tei­li­che, über­kon­fes­sio­nel­le Orga­ni­sa­ti­on ist, in der Men­schen mit ver­schie­de­nen Auf­fas­sun­gen und Welt­an­schau­un­gen ihren Platz haben. Dass Kom­mu­ni­sten dabei sind, ergibt sich schon aus der Rol­le, die sie im Wider­stand wäh­rend der NS-Zeit gespielt haben.

Eine hane­bü­che­ne Diffamierung

Für die VVN-BdA eben­so wie für ande­re anti­fa­schi­sti­sche Orga­ni­sa­tio­nen mit angeb­lich dem­sel­ben »spe­zi­fi­schen Ver­ständ­nis« sei, so befin­det das Gericht mit Blick auf das Enga­ge­ment vie­ler Tau­send Men­schen, »die Bekämp­fung des Rechts­ex­tre­mis­mus ledig­lich eine vor­der­grün­di­ge Akti­vi­tät«. Die Paro­le »Faschis­mus ist kei­ne Mei­nung, son­dern ein Ver­bre­chen!« erschei­ne in die­sem Zusam­men­hang in einem ande­ren Licht. Sie die­ne »schlicht der Bekämp­fung und Dis­kre­di­tie­rung miss­lie­bi­ger ande­rer Mei­nun­gen«. Dabei näh­men die genann­ten Grup­pen »die Deu­tungs­ho­heit dar­über, was unter ›Faschis­mus‹ zu ver­ste­hen ist, … für sich in Anspruch«. Das Gericht schließt sich der Auf­fas­sung des baye­ri­schen Innen­mi­ni­ste­ri­ums an, die Ver­wen­dung der Paro­le »Faschis­mus ist kei­ne Mei­nung, son­dern ein Ver­bre­chen« sei Aus­druck »fehlende[r] Ach­tung der im Grund­ge­setz kon­kre­ti­sier­ten Menschenrechte«.

Das ist so hane­bü­chen, dass man gegen eine Ent­schei­dung, die auf einem sol­chen VS-Bericht und einem sol­chen Urteil basiert, gar nicht laut genug pro­te­stie­ren kann.

Die Peti­ti­on »Die VVN-BdA muss gemein­nüt­zig blei­ben!« kann online unter­zeich­net wer­den. Seit dem 23. Novem­ber haben bereits 19.922 Per­so­nen die Peti­ti­on unter­schrie­ben (Stand 9.12.). https://www.openpetition.de/petition/online/die-vvn-bda-muss-gemeinnuetzig-bleiben.