Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Mediale Schieflage

Media­les umwirbt uns. Papie­ren für Mas­sen­ver­brei­tung Gefer­tig­tes chan­giert von knall­bunt bis affen­scheuß­lich im Irgend­wo: Wer­bung, Wer­bung, Wer­bung. Bil­dung als Ver­brei­tung von Wis­sen und Kul­tur? Ja, natür­lich. Gibt es. Lehr­haft für Unbe­darf­te. Poli­ti­sche Bil­dung? Histo­ri­sche Fak­ten ein­ge­färbt aufs Gegen­wär­ti­ge. Was nicht der Unter­hal­tung dient, bekommt kei­nen Unter­halt. Hoch­glanz­ga­zet­ten über­bie­ten sich, Men­schen in Kauf­lau­ne zu ver­set­zen. Wünsch dir was. Du bekommst es.

Print­me­di­en, ja, das ist das Gedruck­te. Das les­bar und anschau­lich Zube­rei­te­te. Die Fra­ge ist: Dient es der Wer­bung für Pro­duk­te oder der Her­ab­set­zung von Inhal­ten? Was wird wie ver­mit­telt? Beim Bil­der­ma­chen soll stets Wohl­ge­fal­len erzeugt wer­den. Mit Schmei­che­lei. Eine kri­ti­sche Lebens­hal­tung ist wenig ver­kaufs­för­dernd. Ein Men­schen­bild­nis, das leuch­tend wei­ßes Zäh­ne­blecken in voll­far­big blan­ken Gesich­tern sug­ge­riert, mar­kiert ein Sinn­bild: Eine zufrie­den gestell­te Kund­schaft muss nichts mehr aus­zu­set­zen haben. Als Gegen­pro­gramm wer­den Feind­bil­der zur Abschreckung frei Haus geliefert.

Mit Wor­ten oder Bil­dern wird aku­stisch oder optisch noch viel mehr ver­mit­telt. Jux und Tol­le­rei über­lap­pen Hor­ror­vi­sio­nen. Durch Sen­de­zei­ten ein­ge­grenzt, über­ge­ben Radio und Tele­vi­si­on Kom­pe­tenz dem unbe­grenz­ten Rie­sen­reich des Inter­nets. Ufer­los tobt da eine Info-Inva­si­on chao­ti­scher Dimen­si­on. Manisch fixiert auf Ein­schalt­quo­te, obsiegt quan­ti­ta­ti­ves Den­ken. Das Phä­no­men Mensch wird als Mas­se gese­hen. Also form­ba­res lenk­ba­res Mate­ri­al. Das ziel­ge­rich­tet ange­peil­te Publi­kum wird zu Kauf und Ver­kauf ani­miert. Kau­fe uns das ab! Oder: Ver­ste­he selbst dich gün­stig zu verkaufen!

Wer bei Wah­len kan­di­diert, steht in einem Span­nungs­feld, als ob es um einen Lot­to­ge­winn gin­ge. Mehr­hei­ten gewin­nen wird zum Glücks­spiel. Da ist die unun­ter­bro­che­ne Anwe­sen­heit von Wer­bung in den Kern­be­reich der Demo­kra­tie vor­ge­drun­gen. Wo die Wäh­ler­stim­me mit sach­li­chen Infos genährt gehört, pas­sen die Medi­en. Erst lob­hu­deln­de Anprei­sun­gen, dann feind­se­li­ge Unter­stel­lun­gen. Posi­ti­ves Ide­al und nega­ti­ves Gegen­bild agie­ren gegen­ein­an­der. Das DDR-Erbe wird negiert. Han­deln­de ins Zwie­licht gestellt. Zur Auf­ga­be genötigt.

Licht­fi­gu­ren der frei­en Markt­wirt­schaft tri­um­phie­ren. Sie hal­ten die Kom­man­do­hö­hen der Medi­en­bran­che besetzt. Im Gebiet der nur für sie »neu­en Bun­des­län­der« geben sie aus eige­nem Ermes­sen die media­le Rich­tung vor: Flä­chen­deckend alle DDR-Relik­te besei­ti­gen. Dum­mer­wei­se trat der Neben­ef­fekt ein, auf der Hit­ler­zeit­er­fah­rung beru­hen­de Erin­ne­run­gen zu reak­ti­vie­ren. Was hat­ten wir denn zuletzt gemein­sam? Wir führ­ten die­sen mör­de­ri­schen Krieg. Gegen wen? So kön­nen auf ideo­lo­gisch gerei­nig­ter Schol­le Neo­na­zis Fuß fas­sen. Die Hand­rei­chung zum Platz­neh­men in Par­la­men­ten ist medi­al abge­seg­net. Dass Ost­so­zia­li­sier­te zeit­le­bens so von Dik­ta­tur­er­fah­rung geprägt sei­en, dass sie davon gar nicht mehr las­sen kön­nen – die­se from­me Legen­de wabert dazu durch die Medien.

Genau dies dür­fen Herr Gauck und Frau Birth­ler als pro­mi­nen­te­ste Kron­zeu­gen nun glau­ben machen. Ihro Hei­lig­kei­ten waren ja dar­auf spe­zia­li­siert, die Sta­si auf eine lebens­be­droh­li­che All­ge­wal­tig­keit hoch­zu­pu­sten. Dabei hat der alles über­wu­chern­de Absi­che­rungs­be­darf die­ses Staa­tes eine Armee her­vor­ge­bracht, wel­che die ange­streb­te Wehr­haf­tig­keit einer gan­zen Jugend in die Total­ver­wei­ge­rung des vor­ge­schrie­be­nen Feind­bil­des trieb. Woher kam denn die Sen­sa­ti­on einer so kom­plett fried­li­chen Revo­lu­ti­on? Was mit der Waf­fe abge­wehrt wer­den soll­te, blieb unan­ge­ta­stet. Spe­zi­ell der jun­ge Teil die­ses Vol­kes lehn­te erfolg­reich jeg­li­che Hass­pro­jek­ti­on ab. Frie­den blieb kei­ne lee­re Floskel.

Dann schoss bei der Abrech­nung mit dem DDR-Erbe Pau­schal­ver­ur­tei­lung von gera­de­zu aben­teu­er­li­chem Ver­all­ge­mei­ne­rungs­grad ins Kraut. Die kras­sen Stim­men, die vom Rechts­po­pu­lis­mus zum Rechts­ex­tre­mis­mus eska­lie­ren, haben da ihren extrem radi­ka­len Ursprung. Dif­fe­ren­zie­ren ist Man­gel­wa­re. Man muss sich ent­schei­den: Ent­we­der man bil­ligt der Bevöl­ke­rung zu, die Dik­ta­tur satt zu haben und demo­kra­ti­sche Selbst­be­stim­mung zu suchen. Oder man lässt sie wie­der­um vor nun­mehr impor­tier­ter Deu­tungs­ho­heit kuschen. Wer da auf ein­mal von »Rück­ho­len des eige­nen Lan­des« schwa­felt, fin­det dann sogar offe­ne Ohren.

Gan­ze Kam­pa­gnen der Umwer­tung sor­gen für Begriffs­ver­wir­rung. Genau da liegt der Hase im Pfef­fer, der uns allen jetzt um die Ohren fliegt. Bei­spiels­wei­se Frem­den­feind­lich­keit. Eine neue media­le Fehl­dia­gno­se sagt, die einst als gast­freund­lich gel­ten­den Ost­völ­ker sei­en von ihr beherrscht. Doch die geprie­se­ne Will­kom­mens­kul­tur des Westens galt immer dem Zuzug nutz­brin­gen­der Fach­kräf­te. Ero­tisch attrak­ti­ve Weib­lich­keit und kuli­na­ri­sche Attrak­ti­vi­tät gar­nie­ren das aufs fein­ste. Das Minus des Ver­lu­stes im Osten war das Plus des Gewinns im Westen. Uni­so­no auf Gleich­klang gestimm­te Medi­en las­sen immer wie­der die­sel­ben Hel­den hoch­le­ben und die­sel­ben Wider­sa­cher abstürzen.

Wäh­rend der im Kal­ten Krieg so attrak­ti­ven schein­ba­ren Objek­ti­vi­tät war Ver­trau­en in die öffent­lich-recht­li­chen Medi­en gewach­sen. Sie wirk­ten zuver­läs­sig in Bericht­erstat­tung und Mei­nungs­bil­dung. Der Bonus ist inzwi­schen ver­spielt. Was ein­mal als West­fern­se­hen wahr­ge­nom­men wur­de, blieb West­fern­se­hen. Welch hoher Grad an eige­ner Selbst­be­stim­mung hohe Lei­stun­gen gebracht hat­te, zähl­te nicht mehr. Wenn Ost-The­men nur noch hämisch kom­men­tiert wer­den, geht das betrof­fe­ne Publi­kum auf Distanz. Die Extra-Sor­tie­rung eines gan­zen Volks­stam­mes nach drei­ßig Jah­ren Gemein­sam­keit rächt sich.

Sein einst so star­kes Selbst­be­wusst­sein aller­dings ist vie­ler­orts bereits so geschrumpft – da blieb oft genug nur noch Lar­moy­anz übrig. Eine gefähr­li­che, weil völ­lig unbe­re­chen­ba­re Mix­tur aggres­si­ver Anwand­lun­gen geht dann neu­en ost­wärts her­ge­lau­fe­nen Schar­la­ta­nen auf den Leim. Wenn die mutig­sten Ein­zel­gän­ger auf­ge­klär­ter Medi­en tät­lich ange­grif­fen wer­den, geht das Licht ver­nünf­ti­gen Umgangs mit­ein­an­der end­gül­tig aus. Selbst sprach­lich herrscht der modisch fri­sier­te, aber kor­rekt auf­tre­ten­de Main­stream. West­li­cher Kom­man­do­ton macht kei­ne gute Musik. Ohne jede Dis­kus­si­on weiß er, was als anti­se­mi­tisch, grund­ge­setz­wid­rig oder ras­si­stisch zu wer­ten ist. Nach unqua­li­fi­zier­ten Vor­wür­fen soll­te man sich über eben­sol­che Ant­wor­ten nicht wundern.