Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Das Testament des Abbé Meslier

Wer war die­ser fran­zö­si­sche Geist­li­che, und was stand in sei­nem Testament?

Jean Mes­lier (1664–1729), Sohn eines Webers in Mazer­ny im Dépar­te­ment der Arden­nen, wur­de nach sei­ner Prie­ster­aus­bil­dung 1692 (nach Wiki­pe­dia: 1689) mit der Pfar­rei Etré­pi­gny, eben­falls in den Arden­nen gele­gen, betraut, die er dann bis zu sei­nem Tode ver­sah. Zu Beginn sei­ner Tätig­keit hat­te er die schlech­te Behand­lung der Bau­ern durch den adli­gen Grund­herrn öffent­lich ange­pran­gert, eine, wie ich mei­ne, urchrist­li­che Tugend im Sin­ne Jesu, die ihm den­noch zwei­mal Ver­war­nun­gen sei­nes vor­ge­setz­ten Erz­bi­schofs in Reims ein­brach­te. Seit­dem übte er kei­ne öffent­li­che Kri­tik mehr an den staat­li­chen und kirch­li­chen Gewal­ten, son­dern ver­rich­te­te mit Hin­ga­be an die Armen sei­nen prie­ster­li­chen Dienst, der ihm »die höch­ste Lie­be und Ver­eh­rung sei­ner Pfarr­kin­der ver­schaff­te«. Für sie schrieb er aber auch ins­ge­heim sein »Ver­mächt­nis der Gedan­ken und Ansich­ten von Jean Mes­lier …, damit es ihnen und ihres­glei­chen als Zeug­nis der Wahr­heit die­ne«, ein Manu­skript von mehr als tau­send Sei­ten, das er in drei hand­schrift­li­chen Exem­pla­ren der Nach­welt hin­ter­ließ, mit einer der­art schar­fen Reli­gi­ons-, Kir­chen- und Herr­schafts­kri­tik, wie sie bis­her wohl noch nie­mals for­mu­liert wor­den war, aus­ge­hend von der Grund­aus­sa­ge, die Reli­gio­nen sei­en »alle­samt nur mensch­li­che Erfin­dun­gen, nichts als Irr­tü­mer, Ein­bil­dung und Betrug«. Ein Bei­spiel für vie­le in sei­ner »ver­nich­ten­den Kri­tik an den christ­li­chen Dog­men«: »Das Gebet [gemeint: Bitt­ge­bet] zu Gott ist wider­sin­nig, da es dem­sel­ben zumu­thet, etwas zu thun oder zu las­sen, wor­über sei­ne höch­ste Weis­heit längst ent­schie­den hat.«

Erst Jahr­zehn­te spä­ter wur­den Aus­zü­ge aus Mes­liers Auf­zeich­nun­gen bekannt, zunächst durch den fran­zö­si­schen Auf­klä­rer Vol­taire, dann auch in der Zeit der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on um 1789, in der sogar ein Beschluss gefasst wur­de, zum Andenken an Jean Mes­lier eine Bild­säu­le zu errich­ten, wozu es aber nicht kam, weil selbst damals sein Testa­ment als eine zu »gefähr­li­che Schrift« ange­se­hen wur­de. Erst 1864 erschien in Hol­land der voll­stän­di­ge Text des Testa­ments und 1878 unter dem Titel »Glau­be und Ver­nunft« erst­mals auch in deut­scher Spra­che. Zu die­ser Aus­ga­be schrieb Lud­wig Büch­ner »Eine Bespre­chung über das Testa­ment des Pfar­rers Jean Mes­lier«. Lud­wig Büch­ner (1824–1899), jün­ge­rer Bru­der des Dich­ters Georg Büch­ner (1813–1837), Arzt, Natur­wis­sen­schaft­ler und wie sein Bru­der an reli­gi­ons­kri­ti­schen Fra­gen hoch inter­es­siert, hat­te dazu mit sei­ner Schrift »Kraft und Stoff« (1855) einen »für sei­ne Zeit unge­wöhn­lich erfolg­rei­chen Best­sel­ler« (Arti­kel »Lud­wig Büch­ner« bei Wiki­pe­dia) her­aus­ge­bracht und fand nun in »Mes­liers Mei­ster­werk« sei­ne eige­ne Reli­gi­ons­kri­tik mei­ster­lich aus­ge­drückt, die er mit sei­ner »Bespre­chung« »dem grö­ße­ren und ins­be­son­de­re dem deut­schen Publi­kum zugäng­lich machen« woll­te. Dazu kam es nicht.

Die Reli­gi­ons­kri­tik, die durch die »Auf­klä­rung« im 18. Jahr­hun­dert in Frank­reich und Eng­land und im 19. Jahr­hun­dert auch in Deutsch­land gro­ße Tei­le der Bevöl­ke­rung erreich­te, hat­te hier durch die Restau­ra­ti­on und die Ver­herr­li­chung von »Thron und Altar« am Ende des Jahr­hun­derts ihre Durch­schlags­kraft ver­lo­ren. Das gilt im Grun­de bis zum heu­ti­gen Tag.

Ange­sichts des viel­fäl­ti­gen Unheils, das im Namen der Reli­gio­nen, vor allem in ihrer krie­ge­ri­schen Gestalt, in der Ver­gan­gen­heit ange­rich­tet wur­de und in der Gegen­wart immer noch ange­rich­tet wird, ist es hoch an der Zeit, die Erkennt­nis­se der Auf­klä­rung wie­der leben­dig wer­den zu las­sen und damit auch die Gedan­ken des Jean Mes­lier. Sie sind nun in der erwähn­ten »Bespre­chung« von Lud­wig Büch­ner in einem schma­len Bänd­chen von Armin Geus, Pro­fes­sor in Marburg/​Lahn, leicht zugäng­lich gewor­den und eig­nen sich vor­züg­lich zur Ein­füh­rung in die Reli­gi­ons­kri­tik, wie sie in Schu­len und Volks­hoch­schu­len, bei Fort­bil­dungs­maß­nah­men und in Semi­na­ren an Uni­ver­si­tä­ten auf der Tages­ord­nung ste­hen müsste.

Neben der »Bespre­chung« des »Testa­men­tes« erfährt der Leser auch das Wich­tig­ste zum Leben des Prie­sters Mes­lier und zum Schick­sal sei­nes Werkes.

Sehr zu empfehlen!

Armin Geus: »Lud­wig Büch­ners Reli­gi­ons­kri­tik. Ein unbe­kann­tes Doku­ment«, Basi­lis­ken-Pres­se, 70 Sei­ten, 13,50 €. Der Arti­kel basiert auf den Aus­sa­gen des bespro­che­nen Buches, dem auch die Zita­te ent­nom­men sind, soweit nicht anders gekennzeichnet.