Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die Gewinner der Tafelrunde

Das Wort TAFEL klingt ein­la­dend. Es sug­ge­riert, irgend­wo könn­te ein fest­lich gedeck­ter Tisch ste­hen, an dem gut­ge­laun­te Men­schen Platz neh­men, essen und sich unter­hal­ten. Aber bei DENTAFELN ste­hen irgend­wo ver­steckt in einer Neben­stra­ße Leu­te mit gro­ßen Taschen und Beu­teln in der Hand. Sie treibt vor der Öff­nungs­zeit die begrün­de­te oder unbe­grün­de­te Angst dort­hin, nicht genug von dem begrenz­ten Ange­bot an har­tem Brot, an Kon­ser­ven, wel­kem Obst, Gemü­se und ande­rem zu bekommen.

Der Name TAFEL ist gut gemeint, aber er passt nicht zu dem Pro­jekt, das dahin­ter »ver­steckt« wird. Men­schen bemü­hen sich hier um einen sozia­len Aus­gleich. Was die einen zu wenig haben, Lebens­mit­tel vor allem, haben die ande­ren zu viel, und die­se bei­den Sei­ten brin­gen hier ehren­amt­li­che Hel­fer zusam­men. Nur, das Wort TAFEL täuscht uns alle. »Restetisch[e] für Arme« nennt Bet­ti­na Ken­ter-Göt­te sie in ihrem Buch »Heart´s Fear: Hartz IV«.

Elf Mil­lio­nen Ton­nen Lebensmittel-»Abfälle« wer­den pro Jahr in Deutsch­land »pro­du­ziert«, von der Indu­strie, von der Land­wirt­schaft, von Han­del, Gastro­no­mie und von Pri­vat­haus­hal­ten. Seit die The­men Über­an­ge­bot, Ver­schwen­dung sowie die »Ret­tung« von schrum­pe­li­gen Kar­tof­feln, Gur­ken, Brot vom Vor­tag in fast aller Mun­de sind, wer­den wir immer wie­der mit sol­chen Infor­ma­tio­nen auf­ge­schreckt. Der Dach­ver­band der TAFELN trumpft dann wie­der­um mit die­sen Zah­len auf: 60.000 Ehren­amt­li­che ret­te­ten aus mehr als 30.000 Märk­ten und Geschäf­ten 264.000 Ton­nen Lebens­mit­tel und ver­sorg­ten damit in über 940 TAFELN 1,5 Mil­lio­nen Bedürf­ti­ge. Der Dach­ver­band ver­si­chert auch, die Mit­glie­der wür­den gern noch mehr »ret­ten«, und sie könn­ten es auch, wenn der Staat sie bei ihrer Arbeit bes­ser unter­stüt­zen wür­de. Neben Lebens­mit­tel- und Waren­spen­den benö­tig­ten die TAFELN auf Bun­des- und Lan­des­ebe­ne mehr Geld, um Logi­stik, regio­na­le Ver­tei­lung, Lager- und Kühl­ka­pa­zi­tä­ten aus­zu­bau­en und auch haupt­amt­lich zu koor­di­nie­ren. Vor Ort müss­ten lau­fen­de Kosten für Mie­te, Fahr­zeu­ge, Repa­ra­tu­ren und Ver­wal­tungs­in­fra­struk­tur gedeckt wer­den« (Pres­se­mit­tei­lung vom 26. April 2019).

Sel­ten erfah­ren wir aber, wie sich die Men­schen füh­len, die bei den TAFELN »ein­kau­fen«. Ich hät­te mir des­halb gern selbst ein­mal in der TAFEL mei­nes Hei­mat­or­tes, der TAFEL Ecken­tal, ein Bild gemacht. Aber mir wur­de der Zugang ver­wehrt. Man wol­le, man müs­se die Men­schen in ihrer Scham vor neu­gie­ri­gen Blicken schüt­zen, sag­te man mir. (Es wur­de mir aber ange­bo­ten mit­zu­ar­bei­ten!) Ich akzep­tier­te das, obwohl ich der Mei­nung bin, dass sich nie­mand mit sei­ner Armut ver­stecken soll­te. Nie­mand ist schuld dar­an, wenn er ins Abseits gescho­ben wird. Unse­re Gesell­schaft lässt das zu, und wir soll­ten ihr durch­aus immer wie­der die­sen Spie­gel vorhalten.

Mit den TAFELN las­se unse­re Gesell­schaft zu, dass Men­schen, die schon an den Rand gescho­ben wur­den, in ihrem Elend auch noch gede­mü­tigt wer­den, das ist einer der Vor­wür­fe, den Kri­ti­ker gegen die Ein­rich­tung erhe­ben. Ein ande­rer: Man mache die Leu­te zwar satt, aber damit ände­re sich nichts an ihrer Lage. Es fin­de auch kein gesell­schaft­li­cher Aus­gleich zwi­schen Arm und Reich statt, ist wie­der ein ande­rer Ein­wand, son­dern hier zie­he sich der Staat aus der sozia­len Ver­ant­wor­tung und schie­be sie in pri­va­te Hän­de. Mit die­sem sozia­len Enga­ge­ment wür­den letzt­end­lich die gerin­gen Sät­ze bei Hartz IV legi­ti­miert. Wie­der ande­re ver­wei­sen dar­auf, dass die gro­ßen Han­dels­kon­zer­ne wie Aldi, Lidl, Net­to auf die­se Wei­se an der Armut ver­dien­ten. Sie spar­ten Ent­sor­gungs­ko­sten, die in die Lebens­mit­tel­prei­se eben­so ein­ge­rech­net wer­den wie die Kosten für das Über­an­ge­bot an Waren in den Super­märk­ten. Wir haben das, was den TAFELN über­las­sen wird, mit unse­ren Ein­käu­fen also schon bezahlt.

Kei­ner der Kon­zer­ne lässt sich in die Kar­ten schau­en. So wis­sen wir nicht, wie viel sie mit Hil­fe der TAFELN verdienen.

Alle Unter­neh­men, die den TAFELN Waren über­las­sen, pro­fi­tie­ren aller­dings auch noch vom guten Ruf, den sie damit in unse­rer Gesell­schaft erwor­ben haben. Seht, die tun was für die All­ge­mein­heit, so insze­nie­ren sie sich als »Gut-Fir­men«. Das erleich­tert es ihnen, noch per­fi­der vor­zu­ge­hen. Lidl konn­te zum Bei­spiel seit 2008 mit der Akti­on »Gute Tat am Automat[en]« vie­le sei­ner Kun­den dazu ani­mie­ren, am Pfandau­to­ma­ten über einen Spen­den­knopf die Pfand­sum­me oder einen Teil­be­trag für die TAFELN zu spen­den. 17 Mil­lio­nen Euro sol­len bis­her zusam­men­ge­kom­men sein. Sie wur­den bei den TAFELN unter ande­rem zur Ver­bes­se­rung der Infra­struk­tur eingesetzt.

Aber das, was wir in den Super­märk­ten ste­hen las­sen, ist nicht immer das, was die TAFEL-Kun­den brau­chen oder wün­schen. Die TAFEL in Aschaf­fen­burg hat des­halb im Jahr 2014 die Akti­on »Eins für Gren­zen­los« gestar­tet. In eini­gen Ede­ka-Märk­ten der Stadt kön­nen Kun­den an der Kas­se bestimm­te Waren kau­fen, die dann als Spen­de an die TAFEL gehen. 3500 Arti­kel in guter Qua­li­tät sei­en es pro Woche. »Es ist eigent­lich eine Win-Win-Situa­ti­on für Märk­te und für die Bedürf­ti­gen«, schwärm­te der Lei­ter des Sozi­al­kauf­hau­ses Har­ry Kim­mich ein­mal im Deutsch­land­funk. »Der Markt hat ein ganz ande­res Sozi­al-Image in der Regi­on, und die Bedürf­ti­gen pro­fi­tie­ren ein­fach von den tol­len Lebens­mit­teln.« Er träumt davon, das Bei­spiel wür­de im gan­zen Land vie­le Nach­ah­mer finden.

Mitt­ler­wei­le betrei­ben TAFEL-Lan­des­ver­bän­de Lager­häu­ser, in denen sie gro­ße Men­gen von Lebens­mit­teln oder Waren des täg­li­chen Bedarfs, die sie von Her­stel­lern oder Groß­händ­lern bekom­men, lagern kön­nen. Sie brau­chen nun grö­ße­re Fahr­zeu­ge, sie brau­chen ein funk­tio­nie­ren­des Lie­fer­sy­stem, um die gela­ger­ten Waren ver­tei­len zu kön­nen. Ist die Arbeit noch mit Ehren­amt­li­chen zu bewäl­ti­gen? Immer wie­der wer­den Stim­men laut, der Staat müs­se sich hier stär­ker enga­gie­ren, ohne Geld aus der Staats­kas­se gehe nichts. Man brau­che es für Schu­lun­gen der Ehren­amt­li­chen, für fest­an­ge­stell­te Mit­ar­bei­ter und auch für den Auf­bau von Logi­stik­zen­tren. Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker zei­gen sich offen dafür und ver­spre­chen Hil­fe. Sie befür­wor­ten damit ein System, das spä­te­stens jetzt abge­schafft wer­den soll­te. Denn die TAFELN sind auf dem Weg zu einer neu­en Super­markt­ket­te, einer Super­markt­ket­te für Arme (viel­leicht mit dem Namen TAFEL e. V.?). Das kann aber nicht im Inter­es­se unse­rer Gesell­schaft sein. Zum »Raus« aus dem Arbeits­pro­zess und dem damit ver­bun­de­nen »Raus« aus dem gesell­schaft­li­chen, dem kul­tu­rel­len Leben käme dann noch das Raus aus den Super­märk­ten. Sie sind einer der letz­ten Orte, in denen Arme – wenn auch nicht in vol­lem Umfang – am öffent­li­chen Leben teil­neh­men kön­nen. Ihr Leben fän­de dann nur noch in ihrer Woh­nung statt, in Ämtern und bei den TAFELN, eben unter ihres­glei­chen. Sie wären ganz und gar abge­scho­ben, leb­ten in einem Ghet­to der beson­de­ren Art.

Für die­sen Aus­schluss nut­zen die TAFELN das Enga­ge­ment vie­ler tau­send Ehren­amt­li­cher, die davon über­zeugt sind, Gutes zu tun. Sie freu­en sich über dank­ba­re Kun­den, über ein Lächeln. Aber treibt es sie nicht um, dass die Zahl der Bedürf­ti­gen steigt, das Ange­bot an Lebens­mit­teln oft nicht mehr für alle reicht? Wis­sen sie, dass sie mit ihrer oft schwe­ren Arbeit vor allem den Lebens­mit­tel­kon­zer­nen hel­fen, Geld, Ent­sor­gungs­ge­büh­ren und Wer­bungs­ko­sten zu spa­ren, oder anders gesagt, dass sie Kon­zer­nen dabei hel­fen, mit dem Elend Ande­rer Geld zu ver­die­nen. Die TAFELN hel­fen aber auch Poli­ti­kern, sich als Vor­rei­ter im Kampf gegen Armut und gleich­zei­tig als Lob­by­isten zu pro­fi­lie­ren. Kaum einer ver­wen­det einen Gedan­ken dar­auf, wie man die TAFELN über­flüs­sig machen könn­te. Statt­des­sen höre ich immer wie­der, wie sie die­se als gute Wer­ke loben und prei­sen und – im Namen der Bedürf­ti­gen – steu­er­li­che Erleich­te­run­gen für Super­markt­ket­ten for­dern, die »Reste« abge­ben (und so doch indi­rekt zu mehr Ver­schwen­dung auf­ru­fen). Kann eine Gesell­schaft sich denn noch gedan­ken­lo­ser und zyni­scher gegen­über ihren Armen zei­gen als mit den TAFELN?

Der Text ist ein stark gekürz­ter Aus­zug aus dem Kapi­tel »ARMMACHTREICH« des neu­en Buches von Ire­ne Teich­mann: »Der hal­be Man­tel. Vom Tei­len«. Es erscheint Anfang 2020 im Selbst­ver­lag (spitz kohl verlag).