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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Aufklärerische Lyrik

Rudolph Bau­er schreibt »agi­ta­to­risch-pro­gram­ma­tisch oder kri­tisch sati­risch«. So for­mu­liert es der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Tho­mas Met­scher zu Beginn sei­nes Essays zur Wür­di­gung von Bau­ers Gedich­ten im neu­en Band »Aus gege­be­nem Anlass«. Die­se Lyrik sei, so Met­scher, »auf Aktua­li­tät ver­pflich­tet, hat also auch einen doku­men­ta­ri­schen Wert – was die Lei­stung, doch auch die Gren­ze sol­cher Lite­ra­tur markiert«.

Der Autor will mit sei­nen Gedich­ten ankla­gen, auf­rüt­teln, ent­lar­ven. Er deckt die mit Wor­ten und in Reden oft ver­schlei­er­te kapi­tal-, impe­ri­al- und mili­tä­risch-krie­ge­risch ori­en­tier­te Poli­tik auf. Er macht das oft in »ätzen­der« Wei­se. Ähn­lich wie die Säu­re bei der Her­stel­lung einer Radie­rung, so geht er der uns umge­ben­den, geheu­chel­ten oder ver­klä­ren­den Poli­tik auf den Grund. Sei­ne Lyrik legt offen, wor­um es in Wirk­lich­keit geht. Sie ist aufklärerisch.

In sei­nen Tex­ten lässt Rudolph Bau­er auch ande­re zu Wort kom­men, kur­siv kennt­lich gemacht im nega­ti­ven wie posi­ti­ven Sinn. So bei­spiels­wei­se in dem Gedicht »Rede des Gene­rals«. Das Gedicht zitiert Wor­te von Lettow-Vor­beck, die er bei der Ein­wei­hung des Reichs­ko­lo­ni­al­denk­mals in Bre­men 1932 gehal­ten hat. Bei Bau­er heißt es unter anderem:

»ein gro­ßes volk

sag­te er

muss kolo­nien haben

um leben zu können …

nicht nur um kultur

sag­te er

zu ver­brei­ten

nicht eine wertmission

ist die haupstache …

ohne kolo­nien

sag­te er

muss ein blühendes

volk ersticken …«

Die­se Reden­pas­sa­gen legen nicht nur bloß, wie eis­kalt die Kolo­ni­al­po­li­tik gehan­delt hat, son­dern sie ver­set­zen durch das Wort »wert­mis­si­on« den Leser und Hörer in unse­re Gegen­wart, in der mit dem Hin­weis auf »west­li­che Wer­te« Kriegs­ein­sät­ze, zum Bei­spiel in Afgha­ni­stan und Mali, gerecht­fer­tigt wer­den. Genau­so auf­deckend sind auch Hai­kus wie der fol­gen­de mit dem Titel »Fran­zis­kus«: »der papst nennt lager /​ für syri­sche flüch­ten­de /​ auf les­bos k. z.« Oder auch der Hai­ku »Wirt­schafts­po­li­tik«: »es rollt der rubel /​ der höchst sau­er ver­dien­te /​ immer nach oben«. In einem der »Frontberichte«-Haikus heißt es: »befeh­le zum krieg /​ die­nen dem einen zweck nur /​ märk­te erobern«.

Auch durch Wort­spie­le dringt Bau­er vor zum Kern der Sache, so im Gedicht »Ver­fas­sungs­schuttslam«. Durch das Anein­an­der­rei­hen von Wör­tern wie »ver­fas­sungs­schutz«, »ver­fas­sungs­schutt«, »fas­sungs­los«, »ver­fas­sungs­müll­los«, »atom­müll­schutz­los­ver­fas­sung« wird deut­lich, wie unzu­rei­chend die Ver­fas­sung, wie ent­behr­lich der Ver­fas­sungs­schutz, wie gefähr­lich schutz­los der Atom­müll gela­gert wird. Ähn­lich auch das Gedicht »Vom Schüt­zen­schüt­zen der Verfassung«.

Eines der Gedich­te ist eine Hom­mage auf Jan­nis Rit­sos, den hier­zu­lan­de weit­hin unbe­kannt geblie­be­nen grie­chi­schen Dich­ter. Er hat ein Leben lang unter den Tor­tu­ren der Herr­schen­den lei­den müs­sen, hat aber nie auf­ge­ge­ben. Das Gedicht endet mit den Ver­sen: »der tod bedeu­tet ihm /​ weni­ger als frei­heit /​/​ erst kommt die frei­heit /​ schrieb er /​ dann der tod.«

Die Ver­lo­gen­heit der poli­ti­schen Öffent­lich­keit macht Rudolph Bau­ers Gedicht »Weih­nachts­kam­pa­gne« deut­lich. Er nimmt sar­ka­stisch die 2007 gestar­te­te »Social-Mar­ke­ting-Kam­pa­gne« von 25 Medi­en­un­ter­neh­men aufs Korn, die mit »Du bist Deutsch­land« auf ein posi­ti­ves Den­ken, ver­bun­den mit einem neu­en deut­schen Natio­nal­ge­fühl, abziel­te. Der »Du bist …«-Spruch greift dabei beden­ken­los auf eine frü­he­re, auf Hit­ler gemünz­te Nazi-Paro­le zurück.

Das kur­ze Gedicht »Die Ler­che« schil­dert sehr lyrisch die Sehn­sucht nach fried­lich-schö­nem Leben, das lei­der in Gän­ze nicht zu haben ist und des­we­gen mit den Wor­ten endet: »wir schlür­fen ver­zwei­felt gie­rig das leben«.

Über das »ätzen­de« Auf­decken hin­aus bringt sol­che Lyrik aber noch etwas ande­res, das nicht zu unter­schät­zen ist: die Stär­kung der weni­gen, die im Kampf für Frie­den und Gerech­tig­keit nicht nach­las­sen. Bau­ers Lyrik führt die zum Teil sehr ver­ein­zelt für die gerech­te Sache Den­ken­den und Han­deln­den zusam­men, bekräf­tigt ihre soli­da­ri­sche Gemein­schaft, gibt ihnen das Bewusst­sein und Gefühl, dass sie nicht allein sind. Das gibt ihnen Ansporn und Ermutigung.

Rudolph Bau­ers Gedicht­band steht in der Tra­di­ti­on von Schrift­stel­lern, die – wie Inge­borg Bach­mann, Erich Fried, Ernst Jandl, Vol­ker Braun, Gün­ter Grass, Hil­de Domin, Doro­thee Söl­le, Tho­mas Bern­hard, Wolf­diet­rich Schnur­re und Fried­rich Dür­ren­matt – mit Blick auf die poli­ti­schen Ver­hält­nis­se in den 1960er Jah­ren sehr sen­si­bel reagier­ten. Von sol­cher Sen­si­bi­li­tät zeu­gen auch die Zita­te Klaus Manns, die Bau­er über die mei­sten Kapi­tel sei­nes Gedicht­ban­des gesetzt hat, etwa: »Ein Schrift­stel­ler, der poli­ti­sche Gegen­stän­de in sein künst­le­ri­sches Schaf­fen ein­be­zie­hen will, muss an der Poli­tik gelit­ten haben, eben­so tief und bit­ter, wie er an der Lie­be gelit­ten haben muss, um über sie zu schrei­ben. Dies ist der Preis, bil­li­ger kommt er nicht weg.«

Das Lei­den an der Poli­tik und ihr Ein­be­zie­hen in sein lite­ra­ri­sches Schaf­fen ist der wesent­li­che Beweg­grund für die Ent­ste­hung von Rudolph Bau­ers Gedicht­samm­lung. Sie ver­dient es, nicht zuletzt auch von poli­tisch inter­es­sier­ten Zeit­ge­nos­sin­nen und -genos­sen gele­sen und in der Öffent­lich­keit vor­ge­tra­gen zu werden.

Rudolph Bauer/​Thomas Met­scher: »Aus gege­be­nem Anlass. Gedich­te und Essay«. tre­di­ti­on, 194 Sei­ten, 18,90 €