Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Sinti und Roma: Die Kirchen und der Genozid

Zum zwei­ten Mal wur­de am 8. und 13. März in Mün­chen mit einem öku­me­ni­schen Got­tes­dienst bezie­hungs­wei­se mit einer offi­zi­el­len Gedenk­stun­de mit Namens­le­sung und Kranz­nie­der­le­gung am Platz der Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus und einer abend­li­chen Gedenk­ver­an­stal­tung im NS-Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum der depor­tier­ten Münch­ner Sin­ti und Roma gedacht. Den Abtrans­port aller noch im Reich ver­blie­be­nen Ange­hö­ri­gen der Min­der­heit nach Ausch­witz hat­te Hein­rich Himm­ler, »Reichs­füh­rer SS und Chef der Deut­schen Poli­zei« sowie »Reichs­kom­mis­sar für die Festi­gung des deut­schen Volks­tums«, am 16. Dezem­ber 1942 befoh­len; in Mün­chen began­nen die Ver­haf­tun­gen am 8. März 1943. Fünf Tage spä­ter star­te­te der erste Depor­ta­ti­ons­zug vom Güter­bahn­hof an der Hacker­brücke. Min­de­stens 141 Men­schen – Män­ner, Frau­en und Kin­der – waren in den Vieh­wag­gons zusam­men­ge­pfercht. Nur weni­ge von ihnen überlebten.

Reli­gi­ös begrün­de­ter Antiziganismus

Auf Beschluss der Vor­be­rei­tungs­grup­pe für die Gedenk­ver­an­stal­tun­gen zum 76. Jah­res­tag der Depor­ta­ti­on lau­tet das Haupt­the­ma der Abend­ver­an­stal­tung im NS-Doku­zen­trum »Die Kir­chen und der Geno­zid an Sin­ti und Roma«. Das Refe­rat zu die­sem The­ma hält der Histo­ri­ker Frank Reu­ter, wis­sen­schaft­li­cher Geschäfts­füh­rer des Hei­del­ber­ger Doku­men­ta­ti­ons- und Kul­tur­zen­trums Deut­scher Sin­ti und Roma. Der Völ­ker­mord an Sin­ti und Roma wäh­rend der NS-Zeit sei nicht vor­aus­set­zungs­los gewe­sen, beginnt er sei­ne Aus­füh­run­gen. Zur Vor­ge­schich­te gehö­re, dass die Kir­chen, vor allem die katho­li­sche (die mei­sten Sin­ti und Roma waren katho­lisch), im Lau­fe von Jahr­hun­der­ten ver­schie­den­ste anti­zi­ga­ni­sti­sche Ste­reo­ty­pe und Legen­den ver­brei­te­ten. So sei bei­spiels­wei­se die nicht sess­haf­te Lebens­wei­se der »Zigeu­ner« als auf­er­leg­te Buße für beson­ders schwe­re Ver­feh­lun­gen aus­ge­deu­tet wor­den. Weil die »Zigeu­ner« der Hei­li­gen Fami­lie auf ihrer Flucht nach Ägyp­ten das Nacht­quar­tier ver­wei­gert hät­ten oder – noch schlim­mer – weil sie die Nägel für das Kreuz Chri­sti geschmie­det hät­ten, sei­en sie zu ewi­gem Umher­zie­hen ver­dammt wor­den. In kirch­li­chen Chro­ni­ken und Trak­ta­ten sei­en die Begrif­fe »Zigeu­ner« und »Hei­den« syn­onym ver­wen­det wor­den; den Sin­ti und Roma habe man unter­stellt, sich nicht aus Über­zeu­gung zum Chri­sten­tum zu beken­nen, son­dern die­ses Bekennt­nis nur als Fas­sa­de zu benut­zen, um dahin­ter heid­ni­sches Brauch­tum und eine anti­christ­li­che Moral zu ver­stecken. Die dunk­le Haut- und Haar­far­be die­ser »Schein­chri­sten« sei als Zei­chen dafür inter­pre­tiert wor­den, dass sie mit dem Teu­fel im Bun­de stün­den. Über Jahr­hun­der­te habe so die Kir­che das nega­ti­ve Bild der »Zigeu­ner« mit­ge­prägt und sich auch dann nicht schüt­zend vor sie gestellt, als sie im 15. Jahr­hun­dert von meh­re­ren deut­schen Reichs­ta­gen der Spio­na­ge für die feind­li­chen Tür­ken bezich­tigt und für vogel­frei erklärt wur­den, so dass jeder­mann sie jeder­zeit straf­los töten konnte.

Unter­stüt­zung bei der ras­si­sti­schen Erfassung

Für die Nazis, fährt Reu­ter fort, hät­ten die reli­giö­sen Ste­reo­ty­pe und Legen­den kei­ne aus­schlag­ge­ben­de Rol­le gespielt. Sie hät­ten sich vor allem auf den pseu­do­wis­sen­schaft­li­chen bio­lo­gi­sti­schen Anti­zi­ga­nis­mus gestützt, der die Ange­hö­ri­gen der Min­der­heit als Men­schen einer min­der­wer­ti­gen »art­frem­den Ras­se« ein­ge­stuft, sie ver­mes­sen und mit ihren ver­wandt­schaft­li­chen Bezie­hun­gen mög­lichst kom­plett zu erfas­sen gesucht habe. Der 1936 gegrün­de­ten, von dem Ras­sen­theo­re­ti­ker Robert Rit­ter gelei­te­ten »Ras­sen­hy­gie­ni­schen und Bevöl­ke­rungs­bio­lo­gi­schen For­schungs­stel­le« hät­ten sowohl die katho­li­sche als auch die evan­ge­li­sche Kir­che bereit­wil­lig die für die Erfas­sung erfor­der­li­chen Unter­la­gen wie Kir­chen­bü­cher, Urkun­den et cete­ra zur Ver­fü­gung gestellt. Reu­ter zitiert meh­re­re ent­spre­chen­de offi­zi­el­le Anord­nun­gen der Kir­chen­obe­ren und stellt fest: »Auf der Basis der auch mit Unter­stüt­zung der Kir­chen gewon­ne­nen per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten erstell­te Rit­ters Insti­tut nahe­zu 24.000 Gut­ach­ten, die Men­schen per ›Ras­sen-Dia­gno­se‹ zu ›Zigeu­nern‹ oder ›Zigeu­ner-Misch­lin­gen‹ erklär­ten. Die­se Gut­ach­ten bil­de­ten eine wich­ti­ge Grund­la­ge für die Depor­ta­ti­on oder, in sel­te­ne­ren Fäl­len, die Zwangssterilisation.«

»… die Kir­che soll einschreiten«

Ein beson­de­res Kapi­tel sei­nes Vor­trags wid­met Frank Reu­ter dem Schick­sal der zahl­rei­chen Sin­ti- und Roma-Kin­der, die aus katho­li­schen Kin­der­hei­men nach Ausch­witz oder in ein ande­res Ver­nich­tungs­la­ger depor­tiert wur­den. Wäh­rend die offi­zi­el­len kirch­li­chen Stel­len schwie­gen, gab es auch Geist­li­che, die das nicht hin­neh­men woll­ten. Als Bei­spie­le nennt Reu­ter Kaplan Hein­rich Kott­mann in Neu­stre­litz, der unter Inkauf­nah­me erheb­li­cher Risi­ken heim­lich den Abtrans­port von Sin­ti-Kin­dern aus dem dor­ti­gen St. Eli­sa­beth-Kin­der­heim foto­gra­fier­te, sowie den Hil­des­hei­mer Bischof Machens, der am 6. März 1943 einen ein­dring­li­chen Appell an den Vor­sit­zen­den der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz, den Bres­lau­er Kar­di­nal Bert­ram, rich­te­te. Unter Hin­weis auf die Abho­lung von Sin­ti- und Roma-Kin­dern aus katho­li­schen Für­sor­ge­ein­rich­tun­gen stell­te Machens die Fra­ge: »Was kann gesche­hen, um unse­re Glau­bens­brü­der zu schüt­zen?« und for­der­te, die Bischö­fe müss­ten laut­stark pro­te­stie­ren, um das Leben der Ver­schlepp­ten zu ret­ten. Auch von außen wur­de die­se For­de­rung an die Kir­che her­an­ge­tra­gen, so von dem Sin­to Oskar Rose, dem spä­te­ren Mit­in­itia­tor der Bür­ger­rechts­be­we­gung und Vater des heu­ti­gen Zen­tral­rats­vor­sit­zen­den Roma­ni Rose. Rose hat­te sich durch Flucht der Depor­ta­ti­on ent­zie­hen kön­nen und leb­te unter fal­schem Namen in Mün­chen. Am 5. April 1943 unter­nahm er, trotz sei­ner per­sön­li­chen Gefähr­dung als Ille­ga­ler, den Ver­such, zu Kar­di­nal Faul­ha­ber in des­sen Münch­ner Resi­denz vor­zu­drin­gen, um die­sen über die neue Stu­fe der Ver­fol­gung der Sin­ti und Roma zu infor­mie­ren und ihn zu einer wirk­sa­men Inter­ven­ti­on zu ver­an­las­sen. Faul­ha­ber emp­fing Rose nicht, son­dern ließ ihn von sei­nem Sekre­tär abwim­meln. In sei­nem pri­va­ten Tage­buch ver­merk­te er: »Bei Sekre­tär ein Zigeu­ner, namens Adler, katho­lisch – Die 14.000 Zigeu­ner im Reichs­ge­biet sol­len in ein Lager gesam­melt und ste­ri­li­siert wer­den, die Kir­che soll ein­schrei­ten. Will durch­aus zu mir. – Nein, kann kei­ne Hil­fe in Aus­sicht stellen.«

Es ist mucks­mäus­chen­still im Saal, wäh­rend die Zuhö­rer Reu­ters Bericht über wei­te­re schockie­ren­de Bele­ge für den kras­sen Anti­zi­ga­nis­mus des Kar­di­nals lau­schen, nach dem bis heu­te eine Stra­ße im Zen­trum Mün­chens benannt ist. Aber nicht nur Faul­ha­ber ver­wei­ger­te sich der Bit­te um Hil­fe. Auch der Appell von Bischof Machens an Kar­di­nal Bert­ram führ­te, wie Reu­ter wei­ter berich­tet, nicht zu dem gefor­der­ten öffent­li­chen Pro­test, son­dern nur zu einem all­ge­mein for­mu­lier­ten, zahn­lo­sen Hir­ten­brief, dem man das ursprüng­li­che Anlie­gen nicht mehr ent­neh­men konn­te – und auch dies erst nach einem hal­ben Jahr. Dabei konn­te, so Reu­ter, im Früh­jahr 1943 »inner­halb der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz kaum mehr ein Zwei­fel am geno­zi­da­len Cha­rak­ter der gegen die Sin­ti und Roma gerich­te­ten staat­li­chen Maß­nah­men bestehen«. Den Bischö­fen lag näm­lich »ein wei­te­res wich­ti­ges Doku­ment« vor: ein vom Ber­li­ner Bischof und Cari­tas-Direk­tor Hein­rich Wien­ken in Auf­trag gege­be­ner Bericht mit dem Titel »Zur Lage der Zigeu­ner«. Die­ser Bericht war allen Mit­glie­dern der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz zuge­lei­tet worden.

»Ob sich das Schick­sal der depor­tier­ten Sin­ti-Kin­der hät­te abwen­den las­sen, hät­ten sich die deut­schen Bischö­fe, unge­ach­tet der damit ver­bun­de­nen Gefahr für sich selbst und für die Kir­che als Gan­zes, zu einem öffent­li­chen Pro­test durch­rin­gen kön­nen, ver­mag nie­mand zu sagen«, stellt Reu­ter gegen Ende sei­nes Vor­trags fest. Den dama­li­gen Ent­schei­dungs­trä­gern hält er zugu­te, dass sie »ohne Zwei­fel vor einer exi­sten­zi­el­len Her­aus­for­de­rung« gestan­den hät­ten, »wes­halb wir uns vor vor­schnel­len mora­li­schen Urtei­len hüten sollten«.

Selbst­kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung steht noch aus

Mehr Mut als das Füh­rungs­per­so­nal bewie­sen in bei­den Amts­kir­chen ein­zel­ne Ver­tre­ter auf der unte­ren Ebe­ne. Reu­ter führt eini­ge Bei­spie­le dafür an, dass man­che Seel­sor­ger den ver­folg­ten Sin­ti und Roma bei­stan­den. Die kri­ti­sche Wür­di­gung des Ver­hal­tens der Kir­chen ange­sichts des Völ­ker­mords an Sin­ti und Roma wäh­rend der NS-Zeit ist nicht als Aus­druck einer Abwen­dung von der Reli­gi­on zu ver­ste­hen. Im Gegen­teil: Für den Groß­teil der Sin­ti und Roma war und ist der Glau­be sehr wich­tig. Bei der Gestal­tung der Gedenk­ta­ge spie­len des­halb Geist­li­che ver­schie­de­ner Kon­fes­sio­nen eine nicht uner­heb­li­che Rol­le. Es ist daher nur fol­ge­rich­tig, dass die Orga­ni­sa­to­ren eine gründ­li­che selbst­kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung der Kir­chen mit ihrer ein­schlä­gi­gen Geschich­te ver­lan­gen. Eine sol­che Aus­ein­an­der­set­zung hat bis­lang nicht statt­ge­fun­den. Sie ist überfällig.

Der Vor­trag von Frank Reu­ter am 13. März im Münch­ner NS-Doku­zen­trum ist auf You­Tube unter https://www.youtube.com/watch?v=t0x69DA8l74 abrufbar.