Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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So kulinarisch ward Cäsar nie gemeuchelt

Ist es die Wip­pe, auf die das Volk zur Belu­sti­gung stei­gen soll, oder Mes­sers Schnei­de – eine rosti­ge Klin­ge? Es ist das Büh­nen­bild zu »Rom«, nach Wil­liam Shake­speare. Die drei Stücke »Corio­lan«, »Juli­us Cäsar« und »Anto­ni­us und Cleo­pa­tra« zu einem ver­eint, von John von Düf­fel. Regie führ­te Ste­fan Bach­mann im Ham­bur­ger Tha­lia Thea­ter. Schon die­se, alles beherr­schen­de, Büh­nen­in­stal­la­ti­on (Olaf Alt­mann) zeigt pla­stisch, wer die Spit­ze erreicht hat und wer am Boden liegt. Nur je sie­ben Schau­spie­ler über­neh­men alle Rol­len – auch die weib­li­chen – in den drei Tei­len: »Ver­ach­tung«, »Ver­rat« und »Ver­nich­tung«. Die kapi­to­li­ni­sche Wöl­fin, die an ihren vie­len Zit­zen Romu­lus und Remus sau­gen lässt, ist auch die Mut­ter Volum­nia (Nicki von Tem­pel­hoff) die, nicht selbst­los näh­rend, ihren Sohn Cajus Mar­ci­us, spä­ter Corio­lan genannt (Tho­mas Nie­haus), in Krie­ge hetzt. Sie freut sich über sei­ne Wun­den, die sie, jede ein­zel­ne, zählt, doku­men­tiert. Er muss sie zei­gen, dem Volk prä­sen­tie­ren, wenn er Con­sul von Rom wer­den will. Im zwei­ten Stück ist er Juli­us Cäsar, im drit­ten Okta­vi­us Cäsar, der Stief­sohn des alten Cäsar. Alle sie­ben Schau­spie­ler beherr­schen die­ses Wech­sel­spiel der Rol­len so per­fekt, dass kei­ne wei­te­ren Namen genannt wer­den müs­sen. Die Ensem­ble­lei­stung: bewundernswert.

Sprech­ge­sang der bei­den Volks­tri­bu­nen über die »sat­ten Her­ren im Senat«, es gibt Korn, »die Spei­cher sind voll« – die bei­den in Fell gehüll­ten, sie ste­hen unten. Cajus Mar­ci­us, der Feld­herr, Gene­ral, er ist ein Feind des Staa­tes, sagen die Tri­bu­nen. Er will »kei­ne Almo­sen ver­tei­len«, auch kei­ne Geset­ze gegen Wucher? Aber er will Con­sul wer­den und braucht die Stim­me des Vol­kes. Erst ein­mal Krieg, vom letz­ten hat er nur fünf­und­zwan­zig Wun­den. Auf­fi­di­us, der Anfüh­rer der Volsker, der Geg­ner, rückt vor. Ein Ruf: »Werft euch in die Schlacht!« – hier kämp­fen nur zwei, geschmückt mit Kriegs­hel­men, wie zwei Häh­ne, die sich begackern und fet­zen. Eine wun­der­ba­re Pan­to­mi­me zu auf­peit­schen­der Musik (Sven Kai­ser) – ein Tanz? Kei­ne Waf­fen. Ein Sich-Umschlin­gen, Küs­sen sogar. Ach, wenn Krieg so wäre! Cajus Mar­ci­us sinkt zu Boden, Auf­fi­di­us fällt nach hin­ten über. Volum­nia ist begei­stert über die Ver­let­zun­gen ihres Soh­nes: »Ich dan­ke den Göt­tern dafür«, Wun­den wer­den gezählt. Sind es genug? Wun­den – die Glücks­ge­füh­le einer Mut­ter, die ihren Sohn auf­stei­gen sehen will. Es gab und gibt Müt­ter, die so den­ken. War­um darf heu­te kei­ne Frau ein sol­ches Weib spielen?

Der Kriegs­held Cajus Mar­ci­us soll nun end­lich sei­ne Nar­ben zei­gen und sich in ein ein­fa­ches Gewand hül­len – so wie es Brauch ist. Er aber will sich nicht »halb­nackt« prä­sen­tie­ren und nicht »bit­te, bit­te« sagen. Dann erscheint er doch dort unten im wei­ßen Schafs­fell, mit zyni­schem Lächeln zur Lyra sin­gend. Zuruf von oben: »Du musst sie umstim­men« – das unsicht­ba­re Instru­ment oder das Volk? »Gegen ein klei­nes Almo­sen tre­te ich an«, singt er mit Krei­de­stim­me und wirft Küss­chen ins Publi­kum – das Volk? Die Tri­bu­nen ver­su­chen, das Volk auf­zu­rüt­teln, spürt es denn nicht, dass es zum Esel gemacht wird? Die Schif­fe mit Korn sind ein­ge­trof­fen, doch nicht für Flick­schu­ster, Ple­be­jer. Corio­lan kann nur ver­spot­ten: »Ihr seid das Volk – ja?« dröhnt es, »ein Schwarm von Qual­len« ohne Hirn. Alle ver­su­chen, ihn zu beru­hi­gen, nun auch Volum­nia. Er war doch auf Stim­men­fang für das Con­sul-Amt – hat er das ver­ges­sen? »Ihr sollt ver­recken« schreit er. Ein Volk, das sich immer mehr Macht anmaßt, nach »Mit­be­stim­mung« ruft. Nun: »Jagt die Tri­bu­nen aus der Stadt und reißt in Stücke die Ver­fas­sung« schäumt der mit dem Ehren­na­men Corio­lan Aus­ge­zeich­ne­te. Schluss des ersten Teils, der rat­los macht. »Reißt ihn in Stücke«, schrei­en die Bür­ger, dann: »Er töte­te mei­nen Sohn, mei­ne Toch­ter, er töte­te mei­nen Vet­ter, mei­nen Vater« – er, nicht die Ver­fas­sung wird durch­bohrt bei Shakespeare.

Das Dra­ma um »Juli­us Cäsar« schließt sich bruch­los an den »Corio­lan« an. Die Ver­schwö­rer tra­gen Mas­ken und chan­gie­ren­de Anzü­ge, agie­ren auf der Schrä­ge. Unten ringt Bru­tus mit sich im nächt­li­chen Dun­kel – soll er oder nicht? Sei­ne Frau Por­tia (hier ein Mann) will ihn ins Bett locken. Doch auch Bru­tus betritt die steil nach oben füh­ren­de Klin­ge, die strau­cheln macht. Oben steht Cäsar mit Fell-Toga und Lor­beer­kranz, lässt sich hul­di­gen. Wer spricht, das deu­ten nur die Gesten an, Mas­ken decken zu, schlucken die Wor­te. Pan­to­mi­men wie im Stumm­film – oder eine klei­ne Oper ohne Gesang, phan­ta­stisch. Die Fas­zi­na­ti­on der Dar­stel­lung, das Arti­fi­zi­el­le, Iro­ni­sche nimmt so gefan­gen, dass der Inhalt dabei oft ver­lo­ren geht. Ich kann – sicht­be­dingt – Cäsar nicht sehen, er hoch oben links. Erst die Ermor­dung erschließt sich mir lang­sam, wenn er auf der abstei­gen­den Linie mit den ima­gi­nä­ren Dol­chen der Ver­schwö­rer im Leib hin­stürzt, Bru­tus sticht als Letz­ter zu. Dann doch Gesang: »Frei­heit, das Volk hat gesiegt – lasst uns die Hän­de tau­chen in sein Blut.« Als Mar­cus Anto­ni­us befiehlt: »Schafft die Lei­che weg«, geht sie von selbst.

Die­se Scherz­chen set­zen sich fort im drit­ten Teil »Anto­ni­us und Cleo­pa­tra« oder »Ver­nich­tung«. Vor dem roten Vor­hang tritt Okta­vi­us auf, einer der drei Tri­um­virn, die Rom regie­ren. Im bun­ten Hemd­chen, bedruckt mit Bot­ti­cel­lis »Geburt der Venus«, singt er mit Fistel­stim­me über Anto­ni­us, den »Herr­scher des Welt­reichs«, der sich Orgi­en hin­gibt. Immer wie­der­holt er den Vers wie einen Schla­ger: »Wo ist Anto­ni­us, wenn man ihn braucht?« Er liegt bei Cleo­pa­tra, die ihn bezirzt, gibt sich der Wol­lust hin und dem Dro­gen­rausch. Viel Dampf um Cleo­pa­tra sug­ge­riert: das Laster. Alles, was noch geschieht, führt zum Unter­gang und Tod. Der Bote lockert mit geziel­ten Slap­stick-Ein­la­gen und Akro­ba­tik die düste­re Stim­mung auf. Lepi­dus, ein ande­rer der Tri­um­virn, sitzt nur da, erschöpft oder trun­ken. Alle dege­ne­riert? Ach, bes­ser ein trun­ke­ner als ein kamp­fes­lü­ster­ner Gene­ral. Auch Anto­ni­us ist kriegs­mü­de. Und war­um ist Cleo­pa­tra ein Mann? Im Inter­view mit dem Ham­bur­ger Abend­blatt sagt dazu der Regis­seur Bach­mann, damit stel­le sich das Pro­blem »Ste­reo­ty­pi­scher Frau­en­zeich­nung« nicht. Und so spricht Cleo­pa­tra – bevor sie stirbt – zu Okta­vi­us, der sie als Beu­te nach Rom mit­neh­men will: »Du willst mich als Püpp­chen.« Und »Bän­kel­sän­ger« wer­den Lied­chen sin­gen. »Ich soll mit anse­hen, wie irgend­ein Kna­be mei­ne Grö­ße ver­spot­tet als Cleopat.« Schluss.