Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der Unterschied

Eini­ge Zei­tun­gen gedach­ten jüngst Cato Bont­jes van Beek, einer muti­gen jun­gen Frau, die am 14. Novem­ber 100 Jah­re alt gewor­den wäre. Von den Nazis wur­de sie, noch nicht 23 Jah­re alt, zusam­men mit 16 wei­te­ren Men­schen im August 1943 in Ber­lin-Plöt­zen­see hin­ge­rich­tet. In einem Brief aus dem Gefäng­nis schrieb sie der Mut­ter: »In mir ist eine Lie­be zu Euch und zu allen übri­gen Men­schen. Ich bin völ­lig frei von Groll oder gar Hass.« Ihre Mut­ter war die Tän­ze­rin und Male­rin Olga Bont­jes van Beek, der Vater ein berühm­ter Kera­mi­ker, und der Groß­va­ter war Maler am Hofe des Bay­ern­kö­nigs Lud­wig II. gewe­sen. Cato Bont­jes van Beek wuchs in der Künst­ler­ko­lo­nie Fischer­hu­de bei Bre­men auf und schloss sich mit 18 Jah­ren der Wider­stands­grup­pe um den Ober­leut­nant Har­ro Schul­ze-Boy­sen, den Schrift­stel­ler Adam Kuck­hoff und den Ober­re­gie­rungs­rat im Reichs­wirt­schafts­mi­ni­ste­ri­um Arvid Har­nack an. Die Faschi­sten nann­ten die Grup­pe Rote Kapel­le. Sie ver­fass­te wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges regime­kri­ti­sche Flug­blät­ter, unter­stütz­te ver­folg­te Juden und gab die Unter­grund­zeit­schrift Die inne­re Front her­aus. In der DDR sei sie zu einer »fast aus­schließ­lich kom­mu­ni­sti­schen Wider­stands­grup­pe sti­li­siert« wor­den, schrieb die Freie Pres­se in Chem­nitz. Das Urteil ist über­zo­gen. Zwar bil­de­ten ille­ga­le kom­mu­ni­sti­sche Par­tei­or­ga­ni­sa­tio­nen den Kern, heißt es in »Mey­ers Neu­es Lexi­kon«, das 1964 in Leip­zig erschien. Es habe sich aber um eine »gro­ße, zen­tra­li­sier­te, anti­fa­schi­sti­sche Wider­stands­grup­pe« gehan­delt, »die sich aus zahl­rei­chen klei­ne­ren Grup­pen zusam­men­setz­te und alle Schich­ten der Bevöl­ke­rung umfass­te … kom­mu­ni­sti­sche, sozi­al­de­mo­kra­ti­sche, christ­li­che und par­tei­lo­se Arbei­ter, Ange­stell­te, Wis­sen­schaft­ler, Stu­den­ten und Künst­ler, oppo­si­tio­nel­le Beam­te des faschi­sti­schen Staa­tes, Sol­da­ten und Offi­zie­re«. Die DDR wür­dig­te die Rote Kapel­le, in der BRD wur­de sie als »sowje­ti­scher Agen­ten­ring« dif­fa­miert, was sie nie gewe­sen war. Es mag sein, dass die DDR-Histo­ri­ker den Wider­stand der Kom­mu­ni­sten gegen die Faschi­sten mit­un­ter über­höh­ten, in der BRD wur­de er tot­ge­schwie­gen oder diskreditiert.

Der Jour­na­list Her­mann Vin­ke schreibt in sei­nem Buch »Leben will ich, leben«, dass ihn an Cato Bont­jes van Beek »die Klar­heit der Hal­tung« beein­druckt habe. Sie war sich bewusst, »was auf dem Spiel steht«. Kurz vor ihrem Tod schrieb sie der Mut­ter: »Mei­ne Mama, es ist nun soweit, und ich wer­de nur noch ein paar Stun­den unter den Leben­den sein. Die Ruhe, die ich mir immer für die­se letz­ten Stun­den gewünscht habe, ist nun auch wirk­lich bei mir und sie gibt mir viel Kraft.« Catos Mut­ter Olga muss­te in der BRD jah­re­lang um Ent­schä­di­gung und Reha­bi­li­tie­rung ihrer Toch­ter kämp­fen. Gegen Ende 1949 ver­such­te sie, das gegen ihre Toch­ter ver­häng­te Todes­ur­teil nach­träg­lich auf­he­ben zu las­sen, um eine finan­zi­el­le Ent­schä­di­gung für Catos Haft und Hin­rich­tung zu erhal­ten. Im April 1952 wur­de ihr zwar eine Haft­ent­schä­di­gung in Höhe von 1650 DM zuge­spro­chen. Dage­gen leg­te aber der zustän­di­ge »Beauf­trag­te des öffent­li­chen Inter­es­ses« Beschwer­de ein. Als Begrün­dung gab er an, dass es kei­ne Bewei­se für eine »Über­zeu­gungs­tä­ter­schaft« Catos gäbe. In der Fol­ge setz­ten sich vie­le Ange­hö­ri­ge und Freun­de zugun­sten Catos ein, dar­un­ter der dama­li­ge Bre­mer Innen­se­na­tor Adolf Ehlers sowie der Schrift­stel­ler Gün­ther Wei­sen­born, der selbst aktiv Wider­stand gegen die NS-Herr­schaft gelei­stet hat­te. Im Novem­ber 1956 erhielt Olga einen ableh­nen­den Bescheid der zustän­di­gen Behör­de: Cato sei dem­nach in erster Linie wegen Spio­na­ge ver­ur­teilt wor­den. In der Begrün­dung ihrer Ent­schei­dung griff die Behör­de maß­geb­lich auf eine Zeu­gen­aus­sa­ge Man­fred Roe­ders zurück. Des­sel­ben Roe­ders, der auf­grund sei­nes Ehr­gei­zes als »Blut­hund Hit­lers« gegol­ten hat­te und den Her­mann Göring als Unter­su­chungs­füh­rer und Anklä­ger im Ver­fah­ren gegen die Wider­stands­grup­pe der Roten Kapel­le an das Reichs­kriegs­ge­richt kom­man­dier­te. Laut Wiki­pe­dia war Roe­der als Oberst­kriegs­ge­richts­rat mit­ver­ant­wort­lich für min­de­stens 45 Todes­ur­tei­le, die das Reichs­kriegs­ge­richt gegen die Mit­glie­der der Wider­stands­be­we­gung Rote Kapel­le verhängte.

Olga Bont­jes van Beeks Rechts­an­walt Die­ter Ahlers reich­te bei der Ent­schä­di­gungs­kam­mer des Regie­rungs­prä­si­den­ten Kla­ge gegen die Ableh­nung ein. 1959 wur­de sei­ner Man­dan­tin eine gerin­ge Ent­schä­di­gung zuge­stan­den und erst 1999 wur­de ihre Toch­ter Cato als Wider­stands­kämp­fe­rin gegen das NS-Regime reha­bi­li­tiert. Ihr Anklä­ger, der Mili­tär­rich­ter Man­fred Roe­der, indes setz­te sei­nen Ver­leum­dungs­feld­zug gegen die Mit­glie­der der Roten Kapel­le auch nach Ende des Krie­ges fort. Bereits 1948 hielt er öffent­li­che Vor­trä­ge über sie. 1951 trat er wäh­rend des Land­tags­wahl­kamp­fes in Nie­der­sach­sen für die rechts­ra­di­ka­le Sozia­li­sti­sche Reichs­par­tei (SRP) – die 1952 als Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­ti­on der NSDAP ver­bo­ten wur­de – und bei Ver­an­stal­tun­gen der rechts­ra­di­ka­len Deut­schen Reichs­par­tei (DRP) auf. In Zei­tungs­ar­ti­keln und in sei­nem Buch »Die Rote Kapel­le. Auf­zeich­nun­gen des Gene­ral­rich­ters Dr. M. Roe­der« (Ham­burg 1952) dif­fa­mier­te er die Mit­glie­der der Wider­stands­grup­pe als Lan­des­ver­rä­ter und Spio­ne. Er wur­de nie zur Rechen­schaft gezo­gen, betä­tig­te sich im hes­si­schen Glas­hüt­ten als Kom­mu­nal­po­li­ti­ker und bezog als Mili­tär­rich­ter eine statt­li­che Pen­si­on bis zu sei­nem Tod im Jah­re 1971.

Zu die­ser Geschich­te passt die einer ande­ren Frau, der im Jah­re 1974 zu ihrer nor­ma­len Wit­wen­ren­te ein Ren­ten­zu­schlag von 400 DM monat­lich zuge­spro­chen wur­de. Die­sen soge­nann­ten Berufs­scha­dens­aus­gleich erhielt sie bis zu ihrem Tode 1997. Ihr Ehe­mann war bei einem Bom­ben­an­griff auf Ber­lin umge­kom­men und hät­te, so die Begrün­dung, auf­grund sei­ner fach­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on im Erle­bens­fall nach dem Krieg ver­mut­lich als Rechts­an­walt oder Beam­ter des höhe­ren Dien­stes ein grö­ße­res Ein­kom­men erzielt. Sein Name: Roland Freisler, Prä­si­dent des berüch­tig­ten »Volks­ge­richts­ho­fes« und als Teil­neh­mer an der Wann­see­kon­fe­renz einer der maß­geb­li­chen Ver­ant­wort­li­chen für die Orga­ni­sa­ti­on des Holo­caust. Er hat­te erbar­mungs­los Tau­sen­de zum Tode ver­ur­teilt, dar­un­ter vie­le Wider­stands­kämp­fer, aber auch Men­schen, die nur »Feind­sen­der« gehört, am »End­sieg« gezwei­felt oder sich abwer­tend über den »Füh­rer« geäu­ßert hatten.

Die Art, wie die BRD mit anti­fa­schi­sti­schen Wider­stands­kämp­fern und ihren Ange­hö­ri­gen umging, ist »kein Ruh­mes­blatt«, schreibt Her­mann Vin­ke. Der Umgang mit den faschi­sti­schen Mör­dern war es auch nicht.

 

Lese­emp­feh­lung: Hart­wig Hohns­bein »Catos Flug­blät­ter« in Ossietzky 13/​2010