Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ramstein und die Staatsräson

Immer wenn es um die Staats­rä­son ging, haben die höch­sten deut­schen Gerich­te im Sin­ne der Staats­rä­son ent­schie­den. Das war so, als im Zuge der deut­schen Wie­der­be­waff­nung die Wehr­pflicht wie­der ein­ge­führt wer­den soll­te, das war so, als im Zuge der Ost-West-Ent­span­nung Wil­ly Brandts neue Ost­po­li­tik recht­lich abge­seg­net wer­den soll­te, und das war auch so, als im Zuge der von Justiz­mi­ni­ster Klaus Kin­kel gefor­der­ten Dele­gi­ti­mie­rung der DDR und der Abrech­nung mit deren Rich­tern alles über Bord gewor­fen wur­de, was sich die höch­sten Gerich­te der Bun­des­re­pu­blik bis dahin hat­ten ein­fal­len las­sen, um die Die­ner der Nazi­ju­stiz unge­scho­ren zu lassen.

Und jetzt Ram­stein. Die Bereit­stel­lung deut­schen Hoheits­ge­bie­tes für den schmut­zi­gen Droh­nen­krieg der USA, bei dem immer wie­der unschul­di­ge Zivi­li­sten getö­tet wer­den, ist poli­tisch gewollt und von der Staats­rä­son gedeckt. Das hat­ten die Rich­ter des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­rich­tes wohl im Hin­ter­kopf, als sie am 25. Novem­ber die Kla­ge drei­er Män­ner aus dem Jemen abwie­sen, die zwei Ange­hö­ri­ge bei einem ame­ri­ka­ni­schen Droh­nen­an­griff ver­lo­ren hat­ten, bei­de ihren Anga­ben zufol­ge unschul­di­ge Zivi­li­sten. Die Klä­ger woll­ten errei­chen, dass Deutsch­land die Benut­zung Ram­steins als Relais­sta­ti­on für die Steue­rung bewaff­ne­ter Droh­nen, die wegen der Erd­krüm­mung nicht von Ame­ri­ka aus erfol­gen kann, unterbindet.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Mün­ster hat­te ihnen teil­wei­se Recht gege­ben. Sei­ner Mei­nung nach tut die Bun­des­re­pu­blik zu wenig, um sicher­zu­stel­len, dass das Völ­ker­recht nicht ver­letzt wird. Die deut­sche Regie­rung müs­se sich ver­ge­wis­sern, dass die Droh­nen­ein­sät­ze feind­li­che Kämp­fer zum Ziel haben und mög­lichst kei­ne zivi­len Opfer for­dern. Die blo­ße Zusi­che­rung der USA, die Akti­vi­tä­ten in Ram­stein ent­sprä­chen die­sen Vor­aus­set­zun­gen, genü­ge nicht.

Dem wider­sprach das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt unter Ver­weis auf regel­mä­ßi­ge Kon­sul­ta­tio­nen mit den USA. Ihre Rechts­auf­fas­sung brau­che die Bun­des­re­gie­rung nicht zu ver­öf­fent­li­chen. Dass Ram­stein für das US-Droh­nen­pro­gramm tech­nisch von Bedeu­tung sei, rei­che nicht aus, jeman­den des­we­gen zu belan­gen. (BVerwG 6 C7.19)

Den Klä­gern steht jetzt noch der Weg zum Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt und zum Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te offen. Das huma­ni­tä­re Völ­ker­recht erlaubt nie­man­dem, Men­schen welt­weit nach Gut­dün­ken zu töten. Genau das neh­men sich die USA aber her­aus. Mit mora­li­schen Skru­peln hat die Revi­si­on des Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ste­ri­ums gegen das Urteil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Mün­ster nichts zu tun. Aus­schlag­ge­bend waren die dro­hen­den finan­zi­el­len Fol­gen. Bekä­men die drei Män­ner aus dem Jemen Recht, hät­ten Aber­tau­sen­de zivi­le Opfer eben­falls Anspruch auf finan­zi­el­le Entschädigung.

Ram­stein ist kein Ein­zel­fall. Die Justiz hat der Poli­tik bereits wie­der­holt aus der Pat­sche gehol­fen. Dazu muss­te jedes Mal der Grund­ge­setz­ar­ti­kel 34, der die Haf­tung bei Amts­pflicht­ver­let­zun­gen regelt, umschifft wer­den. »Ver­letzt jemand in Aus­übung eines ihm anver­trau­ten öffent­li­chen Amtes die ihm einem Drit­ten gegen­über oblie­gen­de Amts­pflicht«, heißt es dort, »so trifft die Ver­ant­wort­lich­keit grund­sätz­lich den Staat oder die Kör­per­schaft, in deren Dienst er steht.« Gleich­wohl schei­ter­ten zum Bei­spiel die Hin­ter­blie­be­nen von Opfern des NATO-Luft­an­grif­fes auf eine Brücke nahe der ser­bi­schen Stadt Var­va­rin mit ihrem Ent­schä­di­gungs­an­spruch vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Es nahm ihre Kla­ge man­gels Erfolgs­aus­sicht nicht zur Ent­schei­dung an. Begrün­dung: »Es gibt kei­ne all­ge­mei­ne Regel des Völ­ker­rechts, nach der dem Ein­zel­nen bei Ver­stö­ßen gegen das huma­ni­tä­re Völ­ker­recht ein Anspruch auf Scha­den­er­satz oder Ent­schä­di­gung gegen den ver­ant­wort­li­chen Staat zusteht.« Bei dem Luft­an­griff waren 1999 zehn Zivil­per­so­nen ums Leben gekom­men und wei­te­re 30 zum Teil schwer ver­letzt worden.

Ver­hee­rend waren auch die Fol­gen der Fehl­ent­schei­dung eines Bun­des­wehr­ober­sten in Afgha­ni­stan mit etwa ein­hun­dert Toten, dar­un­ter vie­le Kin­der. Er hat­te 2009 die Bom­bar­die­rung zwei­er ent­führ­ter Tank­last­wa­gen durch US-Kampf­flug­zeu­ge ver­an­lasst. Zum Zeit­punkt des Angriffs in der Nähe von Kun­dus umla­ger­ten Bewoh­ner umlie­gen­der Orte die hava­rier­ten Fahr­zeu­ge, um Ben­zin abzu­zap­fen. Der Vater zwei­er getö­te­ter Kin­der erstat­te­te ver­geb­lich Straf­an­zei­ge gegen den ver­ant­wort­li­chen deut­schen Offi­zier. Der Bun­des­ge­richts­hof ent­schied 2016: »Das Amts­haf­tungs­recht ist auf mili­tä­ri­sche Hand­lun­gen der Bun­des­wehr im Rah­men von Aus­lands­ein­sät­zen nicht anwend­bar.« Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt erklär­te die Ein­stel­lung des Ermitt­lungs­ver­fah­rens gegen den hoch­ran­gi­gen Offi­zier für ver­fas­sungs­kon­form. Die Unter­stüt­zer des glo­ba­len Droh­nen­krie­ges der USA von Ram­stein aus kön­nen künf­ti­gem Rechts­streit also beru­higt ent­ge­gen­se­hen. Wie sag­te doch der ehe­ma­li­ge Ver­fas­sungs­rich­ter Mar­tin Hirsch? »Juri­sten sind zu allem fähig.« (Der Spie­gel, 25.5.1981)