Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Meldung eines Täters

Waren die Depor­ta­ti­ons­zü­ge in Ausch­witz ein­ge­trof­fen, dann fiel eine erste Ent­schei­dung über Leben und Tod. Einer der selek­tie­ren­den Täter an der Ram­pe war Arbeits­ein­satz­füh­rer Hein­rich Schwarz.

Am 5. März 1943 mahn­te der SS-Haupt­sturm­füh­rer nach einem kurz zuvor ein­ge­trof­fe­nen Trans­port beim SS-Wirt­schafts- und -Ver­wal­tungs­haupt­amt an: »Wenn die Trans­por­te aus Ber­lin wei­ter mit so viel Frau­en u. Kin­dern nebst alten Juden anrol­len, ver­spre­che ich mir im Punkt Ein­satz nicht viel. Buna braucht vor allen Din­gen jün­ge­re bzw. kräf­ti­ge Gestal­ten.« (Zitiert nach Ernst Klee: »Ausch­witz. Täter, Gehil­fen und Opfer und was aus ihnen wur­de. Ein Per­so­nen­le­xi­kon«, Frank­furt am Main 2013, S. 371)

Weni­ge Tage spä­ter, am 15. März, berich­te­te er unter dem Betreff »Juden­trans­por­te aus Ber­lin« per Fern­spruch: »K.L.-Auschwitz mel­det Juden­trans­port aus Ber­lin. Ein­gang am 13.3.43. Gesamt­stär­ke 964 Juden. Zum Arbeits­ein­satz kamen 218 Män­ner u. 147 Frau­en. Die Män­ner wur­den nach Buna über­stellt. Geson­dert wur­den 126 Män­ner u. 473 Frau­en u. Kin­der untergebracht.«

»Geson­dert unter­ge­bracht«? Das bedeu­te­te nicht arbeits­fä­hig und Tod im Gas.

Nach der Eva­ku­ie­rung des KZ Ausch­witz war Schwarz Lager­kom­man­dant des KZ Natz­wei­ler im okku­pier­ten Elsass. Ein fran­zö­si­sches Mili­tär­ge­richt ver­ur­teil­te ihn nach damals gül­ti­gem Recht als Kriegs­ver­bre­cher zum Tode, allein wegen sei­ner in Natz­wei­ler began­ge­nen Taten. In Sandwei­er, heu­te ein Stadt­teil von Baden-Baden, wur­de er am 20. März 1947 hingerichtet.

Schwarz fand sei­ne Rich­ter und sei­ne Stra­fe. Eben­so wie Rudolf Höß, von 1940 bis Novem­ber 1943 KZ-Kom­man­dant von Ausch­witz. Er wur­de 1947 vom Ober­sten Tri­bu­nal Polens als Kriegs­ver­bre­cher zum Tode durch den Strang ver­ur­teilt und im ehe­ma­li­gen Stamm­la­ger gehängt.

Doch was geschah, bevor die Depor­ta­ti­ons­zü­ge in Ausch­witz ein­tra­fen? Wer wur­de und war mitschuldig?

Die ersten Täter saßen in Ämtern und Poli­zei­be­hör­den. Sie taten „nur ihren Dienst«. Sie stell­ten die Listen mit unzäh­li­gen Namen zusam­men. Sie erfass­ten »nur« die Ver­mö­gens­wer­te im Finanz­amt Moa­bit-West. Wer, wenn nicht sie, schrieb sie dem Deut­schen Reich gut?

Es waren Ste­no­ty­pi­stin­nen, die die Listen mit den ver­ord­ne­ten zwei­ten Vor­na­men Sara und Isra­el tipp­ten. Es waren Stra­ßen­bah­ner, die die zusam­men­ge­trie­be­nen Men­schen zu den Bahn­hö­fen fuh­ren. Die Loks der Züge in die KZ bedien­ten Lok­füh­rer und Hei­zer in gro­ßer Zahl. Wuss­ten sie nicht, wen sie wohin brach­ten? Die Eisen­bah­ner auf den Bahn­hö­fen und Stell­wer­ken gaben die Fahr­ten frei. Sie stell­ten die Signa­le auf Grün, garan­tier­ten die schnel­le Durchfahrt.

Die Auf­zäh­lung wür­de lang und län­ger. Kurz: Es waren Frau Jeder­mann und Herr Tau­send­fach. Nach 1945 woll­ten urplötz­lich alle nie etwas gewusst haben.

Bern­hard Krü­ger, dem das Fälscher­kom­man­do im KZ Sach­sen­hau­sen und spä­ter im KZ Eben­see bis zur Befrei­ung am 6. Mai 1945 unter­stand, gehör­te zu denen, die unge­straft davon­ka­men (vgl. Char­lot­te Krü­ger: »Mein Groß­va­ter, der Fäl­scher – Eine Spu­ren­su­che in der NS-Zeit«, Deut­sche Ver­lags­an­stalt, 2015). Im »BRAUNBUCH« der DDR, das am 2. Juli 1965 auf einer inter­na­tio­na­len Pres­se­kon­fe­renz von Albert Nor­den, Sohn eines Rab­bi­ners und Mit­glied des Polit­bü­ros der SED, der Öffent­lich­keit über­ge­ben wor­den war, ist Krü­ger ver­zeich­net (Sei­te 95, Son­der­aus­ga­be edi­ti­on Bero­li­na, 3. Auf­la­ge). Es wird erwähnt, dass erst im März 1954 gegen ihn als Chef der Fäl­scher­zen­tra­le F im Amt VI des Reichs­si­cher­heits­haupt­am­tes ein Ermitt­lungs­ver­fah­ren ein­ge­lei­tet wur­de. Juri­stisch wur­de er aber nie belangt.

Simon Wie­sen­thal kämpf­te uner­müd­lich gegen die Gleich­gül­tig­keit gegen­über den Ver­bre­chen des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Seit sei­ner Befrei­ung aus dem KZ Maut­hau­sen sah er es als sei­ne Lebens­auf­ga­be, NS-Ver­bre­che­rin­nen und -Ver­bre­cher wie Adolf Eich­mann auf­zu­spü­ren und vor Gericht zu brin­gen: Recht, nicht Rache war sein Cre­do: »Ich habe mich manch­mal gefragt, ob ich bei mei­nen Vor­trä­gen Wor­te suchen soll­te, die mei­ne Zuhö­rer zu Trä­nen bewe­gen. […] Das, was ich her­vor­brin­gen will, ist Wis­sen um das Grau­en und Wis­sen um die Gefahr. Ich möch­te, dass mei­ne Zuhö­rer nicht so sehr hier und heu­te betrof­fen sind als viel­mehr, dass die­se Betrof­fen­heit ihr gan­zes Leben hin­durch in ihnen wach­ge­ru­fen wer­den kann. So erzäh­le ich ihnen also nicht nur, dass vie­le Städ­te Euro­pas bei Kriegs­en­de dem Erd­bo­den gleich und mit Lei­chen über­sät waren, son­dern ich erzäh­le ihnen auch, dass sie wie­der auf­ge­baut wur­den und dass das Leben dort wei­ter­geht. Aber sie sol­len, wenn sie Coven­try und Dres­den, wenn sie Nürn­berg oder Frank­furt auf­su­chen, wis­sen, dass die­se neu­en Häu­ser auf dem Schutt von gestern ste­hen. Sie sol­len, wenn sie auf einem Bahn­hof war­ten und sich auf eine Rei­se in den Osten freu­en, hin und wie­der dar­an den­ken, dass durch den­sel­ben Bahn­hof Züge mit Hun­dert­tau­sen­den Tod­ge­weih­ten nach Osten roll­ten. In Wirk­lich­keit wäre es ange­mes­sen, an jedem die­ser Bahn­hö­fe ein Schild anzu­brin­gen, auf dem es heißt: ›Hier sind zwi­schen 1942 und 1945 Tag für Tag Züge durch­ge­fah­ren, die nur die eine Auf­ga­be hat­ten, Men­schen der Ver­nich­tung zuzu­füh­ren.‹ Man kann die­se Tafeln nicht über­all anbrin­gen – aber man kann sie im Kopf behal­ten.« (Quel­le: https://www.vwi.ac.at)

Im Juli 2020 wur­de von der Lud­wigs­bur­ger Zen­tral­stel­le zur Auf­klä­rung von Nazi­ver­bre­chen bestä­tigt, dass Staats­an­walt­schaf­ten in der Bun­des­re­pu­blik 14 Ermitt­lungs­ver­fah­ren wegen Ver­bre­chen in den deut­schen Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern füh­ren. Der 8. Mai 1945 ist lan­ge her. In der alten Bun­des­re­pu­blik tick­ten die Uhren anders. Die Ödnis­se von Lidi­ce oder Ora­dour mah­nen wie eh und je. Die Rui­ne der Frau­en­kir­che in Dres­den war ein Erin­ne­rungs­ort. Heu­te schönt schein­bar alte Pracht ein düste­res Kapi­tel. Stein­ge­wor­de­nes Nicht-mehr-wissen-Wollen.