Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Der vorausgesagte Krieg

Sowohl in Gedich­ten von Kurt Tuchol­sky als auch von Frank Wede­kind wur­den wäh­rend und unmit­tel­bar nach dem Ersten Welt­krieg – fast hell­se­he­risch – ein wei­te­rer Krieg und der deut­sche Faschis­mus in den kom­men­den Jahr­zehn­ten vor­aus­ge­sagt. Im Gedicht »Diplo­ma­ten«, das Wede­kind im August 1916 schrieb, wird gefragt: »Wie lang umd­röhnt uns noch der Lärm der Kriegs­fan­fa­re? Drei­ßig Jah­re! Men­schen gibt’s dann nir­gends mehr, über­all nur Mili­tär!« Und in Tuchol­skys Gedicht »Krieg dem Krie­ge« aus dem Jah­re 1919 heißt es: »Die Impe­ria­li­sten, die da drü­ben bei jenen nisten, schen­ken uns wie­der Natio­na­li­sten. Und nach aber­mals zwan­zig Jah­ren kom­men neue Kano­nen gefahren.«

Den Nähr­bo­den des auf­kom­men­den Faschis­mus füh­lend, sah Tuchol­sky in sei­nem Gedicht »Deut­sche Rich­ter­ge­nera­ti­on 1940« den »furcht­ba­ren Juri­sten« der Hit­ler­zeit vor­aus. Ihr Woher und ihr Wofür, ihre sozia­len Wur­zeln, ihre Herr­schafts­ideo­lo­gie und ihren Klas­sen­auf­trag lie­ßen sie – trotz huma­ni­sti­scher Bil­dung und des Stu­di­ums der Rech­te – nahe­zu ohne Aus­nah­men bruch­los die Staats­an­wäl­te und Rich­ter des Volks­ge­richts­hofs, der Son­der-, Mili­tär- und Kriegs­ge­rich­te und der ande­ren gleich­ge­schal­te­ten Gerich­te wer­den. Tuchol­sky, selbst Jurist, kann­te sei­ne Pap­pen­hei­mer und wuss­te, wozu sie fähig und unfä­hig waren: »Ihr wählt euch eure Zeu­gen! Ihr sichert den Bestand! Wo sich euch Rech­te beu­gen, ist euer Vaterland.«

Nun stellt sich die Fra­ge, wie konn­ten Wede­kind und Tuchol­sky 1916/​1921 so rea­li­stisch, zugleich aber auch pes­si­mi­stisch, in die Zukunft blicken? Was befä­hig­te sie dazu? Gab es auch ande­re, die die­se sehe­ri­sche Gabe hat­ten, oder war es gar kei­ne sehe­ri­sche Gabe, son­dern (nur) das Wis­sen um Klas­sen­in­ter­es­sen und um inter­na­tio­na­le Macht- und Ver­tei­lungs­kämp­fe impe­ria­li­sti­scher Staa­ten untereinander?

Ob Wede­kind und Tuchol­sky für ihre pro­gno­sti­schen Zeit­be­stim­mun­gen irgend­wo kon­kre­te Anlei­hen auf­ge­nom­men haben, oder ob es ihre eige­nen Zeit­be­rech­nun­gen waren, wäre gege­be­nen­falls noch wei­ter auf­zu­hel­len, kann wohl aber ver­nach­läs­sigt wer­den. Denn sicher ist, wo der bear­bei­te­te, ver­dich­te­te Stoff zu fin­den war, der bei­den die Vor­aus­sa­gen ermöglichte:

Es waren die Schrif­ten und Wer­ke der revo­lu­tio­nä­ren Sozi­al­de­mo­kra­ten, die dem Mar­xis­mus die Treue hiel­ten, die sich bemüh­ten, den Mar­xis­mus als Theo­rie und Metho­de auf die impe­ria­li­sti­sche Wirk­lich­keit anzu­wen­den. Dass Tuchol­sky mit die­ser Mate­rie sehr ver­traut war, ist bekannt. Wer will, kann das in sei­nen Gedich­ten, deren wie­der­hol­te Lek­tü­re wärm­stens emp­foh­len wird, nach­le­sen. Dass er sich für die Sozi­al­de­mo­kra­tie, die lan­ge nicht mehr sei­ne Sozi­al­de­mo­kra­tie war, schäm­te, ver­är­gert vie­le bis heute.

Weni­ger bekannt ist, dass Frank Wede­kind bereits am 4. August 1914, als die gesam­te SPD-Frak­ti­on die Kriegs­kre­di­te bewil­lig­te, begann, sich durch umfang­rei­che Quel­len­lek­tü­re auf ein Bis­marck-Dra­ma vor­zu­be­rei­ten. Sein erster Griff galt dem Werk Wil­helm Lieb­knechts »Die Emser Depe­sche oder wie Krie­ge gemacht wer­den« (vgl. Hart­mut Vin­çon, »Frank Wede­kind und der Erste Welt­krieg«). Die Lek­tü­re die­ser Schrift hat Wede­kind die Augen geöff­net. Sie wür­de sie auch manch heu­ti­gem Lin­ken öff­nen, der glaubt, den Frie­den durch Zuge­ständ­nis­se an impe­ria­li­sti­sche Räu­ber­staa­ten, ihre Mili­tär­bünd­nis­se und ihre Macht­par­tei­en, zu der auch unwi­der­ruf­lich SPD und Grü­ne gehö­ren, irgend­wie siche­rer zu machen.

Für Wede­kind und Tuchol­sky war klar, dass die bestehen­den Herr­schafts­ver­hält­nis­se in den impe­ria­li­sti­schen Haupt­län­dern Deutsch­land, Frank­reich, Eng­land und USA wie­der Krie­ge pro­vo­zie­ren wür­den, wenn nicht grund­le­gend neue Macht­ver­hält­nis­se geschaf­fen wer­den, die neue Krie­ge nicht »natur­ge­setz­mä­ßig« ent­ste­hen lassen.

Wen­de­kind hat­te zwar zual­ler­erst die Her­ren Diplo­ma­ten als Kriegs­trei­ber im Auge, die die Völ­ker in die Bajo­net­te stürz­ten, aber auch die Krupps mit ihrer »dicken Ber­ta« und die von den Herr­schen­den betrie­be­ne Kriegs­pro­pa­gan­da gegen ande­re Natio­nen, ins­be­son­de­re gegen die Sla­wen. Der Mord­ruf: »Alle Ser­ben müs­sen ster­ben! So hat’s zu ihrem Sün­den­sold der lie­be Gott gewollt«, hät­te auch 1999 aus dem Mun­de des deut­schen Chef­di­plo­ma­ten Josch­ka Fischer kom­men kön­nen, als er sei­ne einst pazi­fi­sti­sche Par­tei auf den Jugo­sla­wi­en­krieg ein­schwor. Die­ser bel­li­zi­sti­sche Fischer ist nicht zu ver­wech­seln mit Außen­mi­ni­ster Oskar Fischer, dem Chef­di­plo­ma­ten des deut­schen Frie­dens­staa­tes DDR, aus des­sen Mun­de man Kriegs­ge­schrei nie ver­nom­men hat. Auch das zur Mah­nung an die lin­ken Außen­po­li­ti­ker, die mei­nen, eine posi­ti­ve Bezug­nah­me auf die DDR könn­te Heu­ti­ge ver­schrecken und Wäh­ler­stim­men kosten.

Den Arbei­tern, den Vätern, Müt­tern, Söh­nen sag­te Tuchol­sky, wer sie in die Krie­ge presst: »In die Grä­ben schick­ten euch die Jun­ker, Staats­wahn und der Fabrik­an­tenneid« (Der Gra­ben 1926). Bis 1914 war die­se Erkennt­nis in der Sozi­al­de­mo­kra­tie fast noch mehr­heits­fä­hig, und zwar nicht nur an der Basis.

Dass das die Herr­schen­den und die dama­li­gen wie auch die heu­ti­gen »Regie­rungs­so­zia­li­sten« in der Weltbühne, im heu­ti­gen Ossietzky, nicht hören woll­ten und wol­len, ist son­nen­klar. Des­halb gin­gen auch nach zwei Welt­krie­gen mit Mil­lio­nen Toten Histo­ri­ker und Poli­to­lo­gen der alten Bun­des­re­pu­blik »sehr ungnä­dig« mit dem Objekt Weltbühne um, wie Heri­bert Prantl beschö­ni­gend im Vor­wort sei­nes Buches »Aus Teutsch­land Deutsch­land machen – Ein poli­ti­sches Lese­buch zur Weltbühne« schrieb.

Weil die Wahr­hei­ten der Tuchol­skys, der Wede­kinds, der Müh­sams, der Lieb­knechts und Luxem­burgs nicht mehr­heits­fä­hig wer­den dür­fen, geht man mit ihnen nicht nur »ungnä­dig« um, son­dern hasst sie aus tief­stem (kal­tem) Her­zen. Wir soll­ten des­halb nicht nach­las­sen, dar­über auf­zu­klä­ren, wes­sen Vor­aus­sa­gen zu Krie­gen die zutref­fend­sten waren, also mit der gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit über­ein­stimm­ten. Viel­leicht regt sich bei dem einen oder ande­ren Genos­sen »Regie­rungs­so­zia­li­sten« etwas, wenn Tuchol­skys Wor­te »Genos­se, schämst du dich nicht?« an sein Ohr dringen.