Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Rosa Luxemburg: die Wahr-Sprecherin

Rosa Luxem­burg, vor 150 Jah­ren, am 5. März 1871 gebo­ren, ist als Poli­ti­ke­rin immer wie­der geschei­tert. Die sozia­li­sti­sche Bewe­gung in Polen ging mehr­heit­lich den Weg des Natio­na­lis­mus. Die SPD dien­te sich im Krieg dem Kai­ser­reich an. Die KPD wur­de nach ihrem Tode sta­li­ni­siert. Sie hat auch kei­ne wis­sen­schaft­li­che Revo­lu­ti­on voll­zo­gen wie Karl Marx, sie hat kei­nen Staat gegrün­det wie Wla­di­mir Iljitsch Lenin oder Mao Zedong.
Misst man Luxem­burg an dem, was ihr Werk unmit­tel­bar bewirkt hat, ver­fehlt man jedoch ihre Bedeu­tung. Das Genie Luxem­burgs, das sie weit über ande­re erhebt, drück­te sich in ihrem Leben aus. Es war zugleich hoch­po­li­tisch und hoch­per­sön­lich, mit exi­sten­zi­el­ler Kon­se­quenz prak­tisch ein­grei­fend und theo­re­tisch reflek­tie­rend, den Mas­sen zuge­wandt als begna­de­te Jour­na­li­stin und Red­ne­rin und sich ganz auf sich selbst, die Male­rei, Musik, Pflan­zen und Tie­re zurückziehend.
Im Novem­ber 1918, gera­de aus dem Gefäng­nis ent­las­sen, trat sie in einem Arti­kel für die sofor­ti­ge Abschaf­fung der Todes­stra­fe ein. Dabei hat sie einen dop­pel­ten Anspruch an Sozia­lis­mus for­mu­liert, der bis heu­te nach­hallt: Über den Sozia­lis­mus schrei­bend, schrieb sie zugleich über sich. Ihr Sozia­lis­mus ist unein­ge­schränkt radi­kal und radi­kal mensch­lich: »Blut ist in den vier Jah­ren des impe­ria­li­sti­schen Völ­ker­mor­des in Strö­men, in Bächen geflos­sen. Jetzt muss jeder Trop­fen des kost­ba­ren Saf­tes mit Ehr­furcht in kri­stal­le­nen Scha­len gehü­tet wer­den. Rück­sichts­lo­se­ste revo­lu­tio­nä­re Tat­kraft und weit­her­zig­ste Mensch­lich­keit – dies allein ist der wah­re Odem des Sozialismus.«
Wer Luxem­burgs Wei­se ver­ste­hen will, den Wider­spruch zwi­schen revo­lu­tio­nä­rer Tat­kraft und weit­her­zig­ster Mensch­lich­keit in Bewe­gung zu set­zen, der muss ihre Schrift »Die rus­si­sche Revo­lu­ti­on« lesen. Dar­in for­mu­lier­te sie jene Sät­ze, mit denen 70 Jah­re spä­ter, im Janu­ar 1988, Dis­si­den­ten aus der DDR gegen Zen­sur und Bevor­mun­dung demon­strier­ten und dafür inhaf­tiert wur­den: »Frei­heit nur für die Anhän­ger der Regie­rung, nur für die Mit­glie­der einer Par­tei – und mögen sie noch so zahl­reich sein – ist kei­ne Frei­heit. Frei­heit ist immer die Frei­heit der Andersdenkenden.«
Luxem­burgs Schrift »Zur rus­si­schen Revo­lu­ti­on« wird zumeist miss­ver­stan­den. Es wer­den ein­zel­ne Sät­ze her­aus­ge­grif­fen, die in ihrer Iso­la­ti­on von­ein­an­der völ­lig gegen­tei­li­ge Posi­tio­nen aus­zu­drücken schei­nen. Am besten ist, man hört sich die­se Schrift an wie eine klas­si­sche Sym­pho­nie, die aus vier Sät­zen besteht.
Der Text beginnt und endet mit einer Wür­di­gung der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on und der Bol­sche­wi­ki. Es sind vor allem die Abschnit­te I und II sowie der Schluss­teil – man kann dies als den lan­gen ersten und kur­zen vier­ten Satz ihrer »Sym­pho­nie« anse­hen. Der ein­lei­ten­de Abschnitt gibt wie ein Pau­ken­schlag das Motiv vor: »Die Rus­si­sche Revo­lu­ti­on ist das gewal­tig­ste Fak­tum des Welt­krie­ges.« Immer und immer wie­der wird es wie­der­holt. Die Bol­sche­wi­ki sei­en es gewe­sen, die begrif­fen hät­ten, dass in Russ­land selbst wie in Euro­pa der Sozia­lis­mus auf der Tages­ord­nung ste­he. Sie hät­ten bewie­sen, dass gilt: »Nicht durch Mehr­heit zur revo­lu­tio­nä­ren Tak­tik, son­dern durch revo­lu­tio­nä­re Tak­tik zur Mehr­heit geht der Weg« (S. 341).
Im zwei­ten Satz ihrer Sym­pho­nie schlug Luxem­burg gewalt­sa­me Maß­nah­men vor, die den Gegen­satz zwi­schen den Bau­ern und den unter­drück­ten Völ­kern Russ­lands mit der bol­sche­wi­sti­schen Regie­rung ver­schärft hät­ten. Sie wand­te sich dage­gen, den Bau­ern das Land zur pri­va­ten Nut­zung und den unter­drück­ten Völ­kern im Rus­si­schen Reich das Recht auf staat­li­che Abtren­nung zu geben. Rich­ti­ger sei es, direkt sozia­li­sti­sche Maß­nah­men zu ergrei­fen. Die Klein­ei­gen­tü­mer und die sich bei Abtren­nung von Russ­land bil­den­den Natio­nal­staa­ten wür­den sich als die gebo­re­nen Geg­ner der Sowjet­macht erwei­sen. Man züch­te sich damit die eige­nen Fein­de her­an. Im drit­ten Satz lehn­te sie dann aber genau jene Mit­tel auf das Ent­schie­den­ste ab, mit denen die Bol­sche­wi­ki ver­such­ten, sich um jeden Preis an der Macht zu hal­ten – die Unter­drückung der poli­ti­schen Frei­hei­ten und den Regie­rungs­ter­ror. Luxem­burg woll­te begrün­den, war­um bei­des gleich­zei­tig mög­lich ist – direkt zum Sozia­lis­mus zu mar­schie­ren und umfas­sen­de Demo­kra­tie zu sichern. Sozia­li­sti­sche Demo­kra­tie und demo­kra­ti­scher Sozia­lis­mus soll­ten Hand in Hand gehen.
Rosa Luxem­burg ver­moch­te für sich die genann­ten Gegen­sät­ze zu ver­ei­nen. Die Kon­tra­punk­te stim­men bei ihr am Ende zusam­men und erzeu­gen eine Har­mo­nie. Die­se Har­mo­nie war ihr aber nur mög­lich, weil sie davon aus­ging, dass die Arbei­ter und die Mas­sen unter den Bedin­gun­gen von Gemein­ei­gen­tum und im Rah­men eines gemein­sa­men Staa­tes jene sozia­len Instink­te und Initia­ti­ven sowie den Idea­lis­mus ent­wickeln wür­den, der zum Sozia­lis­mus führt. Dies hat sich so nicht bestätigt.
Luxem­burg selbst ist vor allem jemand, der die eige­ne Wahr­heit laut aus­ge­spro­chen hat – gleich­gül­tig, wel­che Gefahr für sie damit ver­bun­den war. Die­se Hal­tung des Wahr-Spre­chens trug in der grie­chi­schen Anti­ke den Namen Par­r­he­sia. Das Wahr-Spre­chen hat­te bei Luxem­burg ver­schie­de­ne Dimen­sio­nen. Erstens ergab sich dar­aus die For­de­rung, poli­ti­sche Räu­me zu schaf­fen und zu erhal­ten, in denen die Frei­heit des Anders-Den­ken­den als höch­stes Gut geschützt wird. Als Spre­chen­der soll­te auch der Feind unan­ge­ta­stet blei­ben. Nur in dem Raum des Frei-Spre­chens könn­ten sich Selbst­er­mäch­ti­gung und Selbst­be­stim­mung ent­fal­ten. Ohne den Dia­log gibt es kei­ne Emanzipation.
Zwei­tens ist Luxem­burgs Wahr-Spre­chen nicht mit unver­bind­li­chem Gere­de zu ver­wech­seln. Das Wahr-Spre­chen ist nur dann ernst zu neh­men, wenn der Spre­chen­de alle Gefah­ren, die damit ver­bun­den sind, auf sich nimmt. Die Spre­che­rin der Wahr­heit ist Garant der Wahr­heit des­sen, was sie sagt. Luxem­burgs Ver­mächt­nis liegt vor allem dar­in, dass sie sich den Wider­sprü­chen des Lebens als Sozia­li­stin mit äußer­ster Kon­se­quenz stell­te. Die Wahr­heit ihres Spre­chens lag in der Wahr­heit ihres Lebens.
Drit­tens nimmt das Wahr-Spre­chen den dadurch Ange­spro­che­nen in die Pflicht. Auch die Ande­ren sol­len nicht lau blei­ben. Dies galt für sie poli­tisch wie mensch­lich. Mit einer Spra­che wie mit Keu­len woll­te sie auf die Men­schen ein­schla­gen, schrieb sie im Ersten Welt­krieg, um sie auf­zu­rüt­teln. Sie woll­te durch das Wahr-Spre­chen ande­re zum wah­ren Leben auf­for­dern, ja, sie dazu zwin­gen, mit sprach­li­cher Gewalt.
Vier­tens war das Wahr-Spre­chen bei Rosa Luxem­burg Erzeu­gung einer wah­ren Rea­li­tät – wah­rer Bezie­hun­gen, wah­rer Lebens­for­men, wah­rer Poli­tik, und sei es als Vor-Schein einer bes­se­ren Zeit und Gesell­schaft. Sie war eine durch und durch moder­ne Pro­phe­tin. Sie hat nicht nur laut gesagt, was ist, son­dern auch, was sein könn­te, wenn man in der Wahr­heit lebt und nach der Wahr­heit handelt.
Fünf­tens erfolg­te Luxem­burgs Wahr-Spre­chen aus dem Mar­xis­mus her­aus. Ihr Mar­xis­mus war leben­dig. Sie hat die Wider­sprü­che des Mar­xis­mus gelebt und setz­te sie selbst in Bewe­gung, um die Selbsteman­zi­pa­ti­on der arbei­ten­den Klas­sen zu beför­dern. Das wirft natür­lich auch die Fra­ge auf, ob im Rah­men des Mar­xis­mus’ – oder wel­ches Mar­xis­mus’ – die von Luxem­burg geleb­ten Wider­sprü­che pro­duk­tiv aus­ge­hal­ten wer­den können.
Ein Tag vor der Ermor­dung Rosa Luxem­burgs erschien ihr letz­ter Arti­kel. Der Janu­ar­auf­stand in Ber­lin 1919 war durch das Bünd­nis von Sozi­al­de­mo­kra­tie und Frei­korps nie­der­ge­schla­gen wor­den. Der Arti­kel trug den düste­ren Titel »Die Ord­nung herrscht in Ber­lin«. Er endet mit den letz­ten Sät­zen, die uns von Rosa Luxem­burg, der Wahr-Spre­che­rin, über­lie­fert sind.
»›Ord­nung herrscht in Ber­lin!‹ Ihr stump­fen Scher­gen! Eure ›Ord­nung‹ ist auf Sand gebaut. Die Revo­lu­ti­on wird sich mor­gen schon ›ras­selnd wie­der in die Höh‘ rich­ten‹ und zu eurem Schrecken mit Posau­nen­klang ver­kün­den: Ich war, ich bin, ich wer­de sein!« (S. 538)

Dr. habil. Micha­el Brie, Sozi­al­phi­lo­soph, Vor­sit­zen­der des Wis­sen­schaft­li­chen Bei­rats der Rosa-Luxem­burg-Stif­tung. Im Febru­ar 2021 erschien sein gemein­sam mit Jörn Schüt­rumpf ver­fass­tes Buch »Rosa Luxem­burg. Eine Mar­xi­stin an den Gren­zen des Mar­xis­mus«. Ham­burg: VSA Ver­lag (frei­er Down­load: https://www.rosalux.de/fieadmin/rls_uploads/pdfs/themen/Rosa_Luxemburg/Rosa_Luxemburg_An_den_Grenzen_des_Marxismus.pdf).