Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Die kommende Inflation

Das The­ma »Infla­ti­on«, wel­ches so lan­ge von der Tages­ord­nung öko­no­mi­scher und poli­ti­scher Debat­ten ver­schwun­den schien und schon fast wie ein The­ma aus längst zurück­lie­gen­den Epo­chen anmu­te­te, ist wie­der in den Schlag­zei­len – zumin­dest in denen der Wirt­schafts­pres­se dies­seits und jen­seits des Atlantiks.

Aus­lö­ser der aktu­el­len Debat­ten sind zwei Öko­no­men, von denen das eher weni­ger erwar­tet wor­den war: Lar­ry Sum­mers und Oli­vi­er Blan­chard hat­ten sich in den USA kri­tisch zu dem geplan­ten 1,9-Billionen-Dollar schwe­ren Hilfs­pa­ket geäu­ßert, das der neue US-ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent Joe Biden auf Initia­ti­ve sei­ner Finanz­mi­ni­ste­rin Janet Yel­len geschnürt hat, um es auf die Rei­se durch die par­la­men­ta­ri­schen Gre­mi­en zu schicken.

Sum­mers, selbst ehe­ma­li­ger Finanz­mi­ni­ster und pro­mi­nen­ter Unter­stüt­zer der Demo­kra­ten in den USA, hat­te sei­ne War­nung Anfang Febru­ar in der Washing­ton Post aus­ge­spro­chen: Der Umfang der Finanz­sprit­zen füh­re zu einer Über­hit­zung der Volks­wirt­schaft und einem Infla­ti­ons­druck in einem Aus­maß »wie wir es seit einer Genera­ti­on nicht mehr gese­hen haben«. Sei­ne Kri­tik kam vor allem des­halb uner­war­tet, weil er seit einem Jahr­zehnt für eine expan­si­ve Finanz­po­li­tik ein­tritt, die, wie die Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung am 8. Febru­ar zusam­men­fass­te, »ein dau­er­haf­tes Abglei­ten in eine Welt nied­ri­gen Wachs­tums und tie­fer Zin­sen ver­hin­dern« sol­le. Davon rücke er zwar nicht ab, die aktu­el­len Plä­ne sei­en aber des Guten zu viel.

In der seit­dem hin- und her­wo­gen­den Debat­te ver­tei­di­gen Yel­len und Bidens eng­ster Wirt­schafts­be­ra­ter, Jared Bern­stein, erwar­tungs­ge­mäß das Paket – unter ande­rem mit dem Hin­weis, weni­ger Mit­tel wür­den armen Fami­li­en nicht genü­gend hel­fen, die Kri­sen­fol­gen tra­gen zu können.

Die Debat­ten wecken Erin­ne­run­gen an eine uralte öko­no­mi­sche Debat­te aus der Zeit, in der alle müh­sam und schmerz­haft die Grund­me­cha­nis­men der damals noch neu­en öko­no­mi­schen Ord­nung, die wir heu­te Kapi­ta­lis­mus nen­nen, zu begrei­fen ver­such­ten. Die­se Debat­ten kom­men den weni­gen Men­schen, die noch mit dem Marx’schen »Kapi­tal« ver­traut sind, merk­wür­dig bekannt vor. Im 34. Kapi­tel des III. Ban­des die­ses heu­te zumin­dest in Deutsch­land lang­sam in die Ver­ges­sen­heit sin­ken­den Wer­kes befas­sen sich Karl Marx und Fried­rich Engels, der gro­ße Tei­le die­ses Kapi­tels for­mu­liert hat, mit dem »Cur­ren­cy Princip­le und (der) englischen(n) Bank­ge­setz­ge­bung von 1844«. Die damals vor­herr­schen­de Schu­le des »Cur­ren­cy Princip­le« fuß­te auf den Theo­rien des eng­li­schen Öko­no­men David Ricar­do (1772-1823) und wird von den bei­den in dem ihnen eige­nen Sar­kas­mus als »Schu­le der öko­no­mi­schen Wet­ter­künst­ler« (MEW 25, S. 563) bezeich­net. Ihnen wer­fen Marx und Engels vor, die Grün­de der »Welt­markts­ge­wit­ter, wor­in der Wider­streit aller Ele­men­te des bür­ger­li­chen Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses sich ent­la­det«, nicht etwa in der wider­sprüch­li­chen Basis die­ser Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se selbst, son­dern ihren »Ursprung und Abwehr inner­halb der ober­fläch­lich­sten und abstrak­te­sten Sphä­re die­ses Pro­zes­ses, der Sphä­re der Geld­zir­ku­la­ti­on« zu suchen (eben­da). Die Über­set­zung der Theo­rien Ricar­dos führ­te auf Betrei­ben sei­ner Schü­ler zu den eng­li­schen Bank­ak­ten von 1844 und 1845, wonach die Aus­ga­be von Bank­no­ten einer stren­gen Regu­lie­rung und, bei dro­hen­der Über­hit­zung der Wirt­schaft, einer Dros­se­lung zu unter­wer­fen sei. Zwei­mal – 1847 und 1857 – führ­te die­se Wäh­rungs­po­li­tik zu einer Ver­schär­fung der sich damals ent­wickeln­den Kri­sen, die sich erst löste, als die eng­li­sche Regie­rung sich über die­sen hei­li­gen Bank­akt von 1844 hinwegsetzte.

Vie­les hat sich seit­dem geän­dert – aber eines nicht: Der Irr­glau­be, durch noch so klu­ge Finanz­po­li­tik die Kri­sen­haf­tig­keit des kapi­ta­li­sti­schen Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses – oder aktu­ell die Erschöp­fung sei­ner inne­ren Dyna­mik auf­grund des nun ein­mal gel­ten­den Geset­zes vom ten­den­zi­el­len Fall der Pro­fi­tra­te (auch nach­zu­le­sen im III. Band des »Kapi­tal«) – »ver­hin­dern« zu kön­nen, wie Sum­mers glaubt.

Lin­ke in der Tra­di­ti­ons­li­nie von Marx und Engels ste­hen dem Streit von Sum­mers und Yel­len den­noch nicht mit ver­schränk­ten Armen, also gleich­gül­tig gegen­über – so wie sich die bei­den Wei­sen im 19. Jahr­hun­derts eben auch bei völ­li­ger Klar­heit über die Begrenzt­heit der Wäh­rungs­po­li­tik mit Blick auf die Lage der arbei­ten­den Klas­sen auf die Sei­te derer schlu­gen, die letzt­lich die Brems­klöt­ze der eige­nen Bank­ge­setz­ge­bung los­schlu­gen, um »zu ret­ten, was noch zu ret­ten war« (MEW 25, S. 576).

Im ver­zwei­fel­ten Bemü­hen, die läh­men­de Sta­gna­ti­on der USA und West­eu­ro­pas vor dem Hin­ter­grund der Dyna­mik kom­mu­ni­stisch regier­ter Län­der wie Chi­na zu über­win­den, ist damit zu rech­nen, dass die herr­schen­den Krei­se für die näch­sten Jahr­zehn­te auch ein Wie­der­auf­le­ben der lan­ge ver­ges­se­nen infla­tio­nä­ren Poten­tia­le in Kauf neh­men – wohl wis­send, dass eine Infla­ti­on, ein­mal von der Ket­te gelas­sen, schwer auf einen Kor­ri­dor von ein oder zwei Pro­zent im Jahr zu begren­zen ist. Der frü­he­re Chef­volks­wirt der Alli­anz-Ver­si­che­rung jeden­falls, Micha­el Hei­se, wird in der FAZ am 18. Febru­ar mit den Wor­ten zitiert, er erwar­te »für die Ver­ei­nig­ten Staa­ten eine Infla­ti­ons­ra­te von 2,3 Pro­zent, für den Euro­raum von 1,5 Pro­zent« schon für 2021.

Bei aller Unter­stüt­zung für eine expan­si­ve Geld­po­li­tik, »um zu ret­ten, was noch zu ret­ten« ist, bedeu­tet dies, dass Gewerk­schaf­ten, die das Den­ken in öko­no­mi­schen Grund­ka­te­go­rien nicht völ­lig ver­lernt haben, drin­gend auf­ge­for­dert sind, in den kom­men­den Lohn­run­den die­se zu erwar­ten­de Beschleu­ni­gung des Wäh­rungs­zer­falls kämp­fe­risch in ihre Lohn­for­de­run­gen zu inte­grie­ren – sonst droht von die­ser Sei­te eine rasche Ver­schär­fung der finan­zi­el­len Not abhän­gig Beschäftigter.