Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Bauernopfer: Kapitalismus tötet

Trotz aller Reform­ver­spre­chen im Agrar­be­reich nimmt die Anzahl der Bau­ern­hö­fe in Deutsch­land und Euro­pa Jahr für Jahr ste­tig ab. Und die »Bau­ern« (die Bäue­rin­nen sind hier mit­ge­meint) »ster­ben« nicht nur im über­tra­ge­nen Sin­ne, son­dern auch buch­stäb­lich. Seit Jah­ren, das zei­gen Unter­su­chun­gen aus Frank­reich, Öster­reich, der Schweiz und den USA (in Deutsch­land sind kei­ne offi­zi­el­len Zah­len ermit­tel­bar), ist die Selbst­mord­ra­te unter Land­wir­ten deut­lich höher, um 20 bis 30 Pro­zent, als in der Gesamt­be­völ­ke­rung; geschei­ter­te Selbst­mord­ver­su­che sind hier nicht mit­ge­zählt. Vie­le Fami­li­en­be­trie­be ste­hen der­art unter Druck, dass deren Betrei­ber manch­mal nur noch den fina­len »Aus­weg« sehen. Und die­ser Druck ent­steht nicht in erster Linie durch ver­än­der­te Umwelt­be­din­gun­gen – ver­mehr­te Dür­ren, Unwet­ter – oder ver­schärf­te Dün­ge­ver­ord­nun­gen, es sind die soge­nann­ten »frei­en Markt­ge­set­ze«, an denen die Land­wir­te zugrun­de gehen. Tod durch Kapitalismus.

Unver­hüllt offen­ba­ren sich die­se Geset­ze in dem seit nun­mehr 30 Jah­ren prak­ti­zier­ten Bör­sen­han­del mit Nah­rungs­mit­tel­roh­stof­fen. Das ist nichts ande­res als eine syste­ma­ti­sche, geschäfts­mä­ßig betrie­be­ne Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit. Instal­liert wur­de das Getrei­de-Mono­po­ly von der US-Invest­ment­bank Gold­man Sachs, die 1991 ihren »Gold­man-Sachs-Com­mo­di­ty-Index« erfand, wor­in die Preis­ent­wick­lung von 25 ver­schie­de­nen Agrar­roh­stof­fen, dar­un­ter deren wich­tig­ste: Wei­zen, Soja, Mais und Zucker, abge­bil­det wur­de. Auf der Grund­la­ge die­ses Über­blicks lie­ßen sich nun Roh­stoff­zer­ti­fi­ka­te ver­mark­ten, indem man, wie beim Rou­let­te, auf rot oder schwarz wet­tet. Im soge­nann­ten Future-Markt ver­kau­fen die Pro­du­zen­ten ihre Ern­ten vor­ab zu einem festen Preis. Liegt am Fäl­lig­keits­tag der Markt­preis unter den Future-Kon­di­tio­nen, pro­fi­tiert der Anbie­ter, liegt der Preis dar­über, macht der Käu­fer einen Gewinn. Um »Ernäh­rung« geht es dabei selbst­ver­ständ­lich nicht.

Mit ihren über die Welt­wirt­schaft glän­zend infor­mier­ten Ana­ly­sten strich Gold­man Sachs mit sol­chen Deals schnell Mil­li­ar­den­ge­win­ne ein und rief damit ande­re Groß­ban­ken wie Mor­gan Stan­ley, die Schwei­zer UBS oder die Deut­sche Bank auf den Plan, die sich fort­an an den Getrei­de­spe­ku­la­tio­nen eben­so betei­lig­ten wie die mäch­ti­gen Akteu­re im Agrar­han­del mit ihrem buch­stäb­lich kost­ba­ren Spe­zi­al­wis­sen. Aber was hier betrie­ben wird, hat mit einem »Markt­ge­sche­hen« nicht mehr viel gemein, son­dern ist ein Bei­spiel dafür, wie die Gier weni­ger Sat­ter ganz Vie­le hung­rig macht.

Dass etwa die Nach­fra­ge den Preis bestimmt, ist ja zunächst ein­mal nichts wei­ter als eine Bin­sen­weis­heit, die mehr ver­schlei­ert als erklärt. Denn die Nach­fra­ge steigt zum Bei­spiel auch, weil die west­li­chen Regie­run­gen den Anbau von »Ener­gie­pflan­zen« mit Mil­li­ar­den­sum­men för­dern, um ihre Abhän­gig­keit vom sich ste­tig ver­teu­ern­den Öl zu ver­rin­gern. Auf immer grö­ße­ren Anbau­flä­chen wach­sen daher zum Bei­spiel Raps, Mais oder Zucker­rohr als Treib­stoff­ba­sis für die Bio­sprit-Pro­duk­ti­on. Lan­det das Getrei­de aber im Tank, statt auf dem Tel­ler oder im Trog, ver­teu­ern sich eben die Nah­rungs- und Futtermittel.

Längst trei­ben auch Spe­ku­lan­ten und Groß­an­le­ger, wie Alters­vor­sor­ge­fonds und Pen­si­ons­kas­sen, die »Nach­fra­ge« künst­lich hoch, indem sie, sobald sie einen Preis­an­stieg erwar­ten, gro­ße Men­gen Getrei­de an den Ter­min­bör­sen ankau­fen. Sie erwer­ben natür­lich nicht wirk­lich Soja­boh­nen, Wei­zen oder Mais – was soll­ten sie damit anfan­gen? –, son­dern »Ter­min­kon­trak­te«, in denen Men­ge, Preis und Lie­fer­ter­min genau fest­ge­legt sind. Wenn das Getrei­de dann tat­säch­lich teu­rer wird, lässt sich, bei über­schau­ba­rem Risi­ko, weil die Nach­fra­ge nach Agrar­roh­stof­fen in abseh­ba­rer Zeit ganz gewiss nicht zurück­ge­hen wird, eine ansehn­li­che Ren­di­te erzielen.

Stei­gen­de Prei­se nüt­zen so den Kapi­tal­eig­nern, set­zen aber natür­lich, indem die Grund­nah­rungs­mit­tel teu­rer wer­den, den Armen zu. Und dass höhe­re Prei­se dazu füh­ren wür­den, dass sich der Nah­rungs­mit­tel­an­bau dadurch ja auch für die klei­nen Bau­ern wie­der loh­nen könn­te, ist zyni­sche Pro­se­mi­nar-Öko­no­mie. Zum einen haben bil­li­ge, sub­ven­tio­nier­te Lebens­mit­tel­im­por­te vie­le Land­wir­te in den ärme­ren Län­dern schon in die städ­ti­schen Slums gezwun­gen, wo sie sich und ihre Fami­li­en nun als Tage­löh­ner durch­zu­brin­gen hof­fen. Zum ande­ren lässt sich eine lahm­ge­leg­te land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­on nicht von heu­te auf mor­gen wie­der in Gang set­zen. Die Pflan­zen müs­sen wach­sen, und das Saat­gut muss vor­ab bezahlt werden.

Nein, die »Geschäf­te« an den Roh­stoff­bör­sen »berei­ni­gen« den Markt höch­stens inso­fern, als sie in vie­len Regio­nen der Welt aku­te Hun­ger-Kata­stro­phen ver­ur­sa­chen. Das ist eine mora­li­sche, öko­no­mi­sche und poli­ti­sche Her­aus­for­de­rung, der wir uns end­lich stel­len müs­sen, nicht nur, weil »wir«, also die rei­chen Län­der, die­se Situa­ti­on maß­geb­lich mit her­bei­ge­führt haben, son­dern weil mas­sen­haf­tes Elend auch die Sta­bi­li­tät »unse­rer« Gesell­schaf­ten bedroht; die welt­wei­ten Flücht­lings­be­we­gun­gen sind auch ein Sym­ptom die­ser »Krank­heit«. Ein System, bei dem sich alles immer schnel­ler um immer grö­ße­re Sum­men dreht, von des­sen Rase­rei aber nur die ohne­hin schon Rei­chen pro­fi­tie­ren, fliegt uns irgend­wann um die Ohren. Und zwar zu Recht.

Und mit dem »System« mei­ne ich hier kei­nes­wegs nur die win­di­gen und mör­de­ri­schen Wet­ten auf Nah­rungs­mit­tel­prei­se. Das ist ledig­lich die Spit­ze des Eis­bergs. Nein, die Indu­stria­li­sie­rung der Land­wirt­schaft ins­ge­samt, die zuneh­men­de Ent­kop­pe­lung und Ent­frem­dung von Pro­duk­ti­on und Kon­sum, die durch aber­wit­zig bil­li­ge, weil hoch­sub­ven­tio­nier­te Trans­port­ko­sten ermög­licht wird, ist eine Gefahr für uns alle. Einem ste­tig wach­sen­den Teil der Agrar-Pro­du­zen­ten geht es längst nicht mehr um Ernäh­rung im wei­te­sten Sin­ne, es geht auch nicht um Ern­te-, son­dern ein­zig und allein um Kapi­tal­erträ­ge. So ist es kein Wun­der, dass das Anla­ge­ka­pi­tal ins­ge­samt, Fonds, Ver­si­che­run­gen, Inve­sto­ren, die Land­wirt­schaft als »Spiel­wie­se« mit Ren­di­te-Poten­ti­al für sich ent­deckt hat, nicht nur an der Bör­se, auch auf dem Feld. Die größ­ten »Bau­ern« heu­te, die, neben­bei bemerkt, auch das Gros der Agrar-Sub­ven­tio­nen abschöp­fen, sind land­wirt­schafts­fer­ne Anle­ger-Gemein­schaf­ten, die auf sub­ven­ti­ons­ge­för­der­te Grö­ße set­zen und des­halb auch gern zugrei­fen, wenn sie den einen oder ande­ren Hekt­ar gün­stig dazu­kau­fen kön­nen, weil sich klei­ne und mitt­le­re Betrie­be zur Auf­ga­be – oder Pro­du­zen­ten gar zum Selbst­mord – gezwun­gen sehen.

Aus­ge­rech­net die­je­ni­gen, die Bäue­rin­nen und Bau­ern, die über alles Wis­sen und alle Fähig­kei­ten ver­fü­gen, unse­re Ernäh­rung auf nach­hal­ti­ge, die natür­li­chen Grund­la­gen bewah­ren­de Wei­se sicher­zu­stel­len, gera­ten dadurch zuneh­mend unter Druck, dem man­che von ihnen am Ende nicht gewach­sen sind. Die indu­stri­ell bear­bei­te­ten, gro­ßen Anbau­flä­chen und Mast­be­trie­be wer­den heu­te haupt­säch­lich von außer­land­wirt­schaft­li­chen »Bau­ern« domi­niert, die an nichts ande­rem inter­es­siert sind als an der Ver­meh­rung ihres ein­ge­setz­ten, vaga­bun­die­ren­den Kapi­tals. Sol­ches Invest­ment im Agrar­be­reich ist auch des­halb reiz­voll, ich erwähn­te es bereits, weil es durch staat­li­che Sub­ven­tio­nen, also durch das Geld der Steu­er­zah­ler, beson­ders gut abge­si­chert ist; ein Ver­lust ist kaum zu befürchten.

Was ange­baut wird, hängt dabei längst nicht mehr vom Bedarf ab, schon gar nicht von den Bedürf­nis­sen der welt­weit Hun­gern­den. Viel wesent­li­cher ist die Preis­ent­wick­lung des wach­sen­den Roh­stoffs, der zu erwar­ten­de Kapi­tal­ertrag. Unter wel­chen Bedin­gun­gen Tie­re gehal­ten wer­den und wie viel Natur den Palm­öl- oder Soja-Plan­ta­gen wei­chen muss, spielt für Inve­sto­ren kei­ne Rol­le, solan­ge die Rech­nung am Ende auf­geht. Und die geht, dank poli­ti­scher Mit­hil­fe, umso bes­ser auf, je mehr Anbau­flä­che bewirt­schaf­tet wird, je mehr Schwei­ne, Hüh­ner oder Enten gemä­stet und je mehr Kühe gemol­ken werden.

An die­ser fata­len Ent­wick­lung ändert, Exper­ten zufol­ge, auch die »gro­ße« EU-Agrar­re­form nichts, auf die man sich im Herbst des ver­gan­ge­nen Jah­res nach zähem Rin­gen geei­nigt hat. Der Teu­fel »scheißt wei­ter­hin auf die größ­ten Hau­fen«. Aber auch die­ser Aspekt beschreibt das Pro­blem noch längst nicht voll­stän­dig. Uner­wähnt bleibt hier (das wird sich in einem der näch­sten Ossietzky-Hef­te ändern) die zen­tra­le Rol­le der mäch­ti­gen Agrar­händ­ler und der gro­ßen Ein­zel­han­dels­ket­ten, deren Preis­po­li­tik den Erzeu­gern der Nah­rungs­mit­tel wahl­wei­se Trä­nen in die Augen stei­gen oder das Mes­ser in der Tasche auf­ge­hen las­sen, etwa weil sie die Milch für einen Preis abzu­ge­ben gezwun­gen sind, der nicht ein­mal mehr deren Pro­duk­ti­ons­ko­sten deckt. Da kann sich man­che oder man­cher – Ver­zei­hung! – nur noch den Strick nehmen.

Das ver­meint­li­che »Wachs­tum«, das hier wei­ter­hin ange­strebt und von Poli­ti­kern, von Volks­wir­ten und Lob­by­isten – wie bei­spiels­wei­se auch dem vor­geb­lich die bäu­er­li­chen Inter­es­sen ver­tre­ten­den Bau­ern­ver­band – wie ein Man­tra gepre­digt wird, war zwar lan­ge der Motor unse­res Wohl­stands, kann mitt­ler­wei­le jedoch als die Ursa­che all unse­rer Pro­ble­me gel­ten. Der anhal­ten­de, vor allem die neo­li­be­ra­le Spät­pha­se der (finanz-)industriellen Epo­che prä­gen­de Hang zur Gigan­to­ma­nie läuft des­halb erkenn­bar auf ein Fina­le zu, des­sen noch offe­ner Aus­gang nicht zuletzt auch dar­über ent­schei­den wird, ob die Schü­le­rin­nen und Schü­ler, die frei­tags auf die Stra­ße statt in die Schu­le gehen, um uns »Erwach­se­ne« zum Han­deln auf­zu­ru­fen, eine Zukunft haben wer­den oder nicht.