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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Ein deutscher Aufklärer

Der adli­ge Phi­lo­soph und Natur­for­scher Johann August von Ein­sie­del (1754-1837), zu sei­ner Zeit als scharf­sin­ni­ger Den­ker geschätzt, ist heu­te kaum bekannt. Lite­ra­tur­in­ter­es­sier­te ken­nen ihn allen­falls als kri­ti­schen Geist im Umfeld von Goe­the und Her­der. Im »gol­de­nen Wei­mar« trat er zumeist als Gast in Erschei­nung, von 1781 bis 1785 pfleg­te er dort dann inten­si­ve­re Beziehungen.

Der Notar und Autor Veit Noll beschäf­tigt sich seit über drei­ßig Jah­ren mit Ein­sie­dels Leben und Wir­ken. Umfang­rei­che For­schun­gen in Archi­ven, ver­bun­den mit der Erschlie­ßung neu­er Quel­len, führ­ten zu ersten Ergeb­nis­sen und fan­den bereits ihren Nie­der­schlag in zahl­rei­chen Publi­ka­tio­nen – dar­un­ter zwei Quel­len­bän­de mit Nie­der­schrif­ten, Tage­buch­no­ti­zen und Brie­fen. Nun legt Noll als Band 1 sei­nes Ein­sie­del-Pro­jek­tes den ersten Teil einer umfang­rei­chen Bio­gra­fie vor, die neue Zusam­men­hän­ge sei­nes Lebens­we­ges dar­legt und Licht in das Den­ken und die Per­sön­lich­keit Ein­sie­dels bringt.

Der am 4. März 1754 in Lump­zig gebo­re­ne Johann August von Ein­sie­del ent­stamm­te einer alten säch­si­schen Adels­fa­mi­lie. Der Tra­di­ti­on fol­gend war er für eine mili­tä­ri­sche Lauf­bahn bestimmt, die aller­dings nicht sei­nem inne­ren Wunsch ent­sprach. Nach einem Dienst in einem hol­län­di­schen Regi­ment konn­te er sich der Fami­lie gegen­über durch­set­zen und begann 1779 in Göt­tin­gen ein Stu­di­um der Natur- und Berg­werks­wis­sen­schaf­ten. Ein Jahr spä­ter wech­sel­te er an die Berg­aka­de­mie nach Frei­berg. Nach Abschluss des Stu­di­ums war er in den fol­gen­den Jah­ren in lei­ten­den Stel­lun­gen im Frei­ber­ger Ober­berg­amt tätig.

Über sei­nen älte­ren Bru­der Fried­rich Hil­de­brand, der Kam­mer­herr der Her­zo­gin Anna Ama­lia war, hat­te Ein­sie­del bereits ab 1777 Kon­takt zum Wei­ma­rer Für­sten­hof, vor allem aber mit Her­der, Goe­the und Goe­thes »Urfreund«, dem Lyri­ker Karl Lud­wig von Kne­bel. Er gehör­te bald zum eng­sten Kreis der Wei­ma­rer Kul­tur­sze­ne. Beson­ders mit Her­der und des­sen Fami­lie ver­band ihn eine lebens­lan­ge Freund­schaft. Gele­gent­lich fand er hier auch Quar­tier. Die mehr­fa­chen Auf­ent­hal­te Ein­sie­dels in Wei­mar wur­den zum gei­sti­gen Aus­tausch, zu freund­schaft­li­chen und anre­gen­den Gesprä­che genutzt. Unter vie­len Fra­gen waren es die der Reli-gion und der alten Schrif­ten, die Her­der und Ein­sie­del gemein­sam dis­ku­tier­ten. Ein­sie­dels phi­lo­so­phi­sche Gedan­ken und Refle­xio­nen sind jedoch nur in Abschrif­ten von Her­der über­lie­fert, die sich in des­sen Nach­lass befan­den. Ein­sie­del, der mit den Ideen Rous­se­aus und spä­ter mit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on sym­pa­thi­sier­te, beschäf­tig­te sich mit welt­an­schau­li­chen Fra­gen der Theo­lo­gie, Wis­sen­schaft und der Beherr­schung der Natur durch den Men­schen. So streb­te er eine wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis der kon­kre­ten Welt an und unter­zog das bestehen­de Wis­sen sei­ner Zeit einer ganz nach­hal­ti­gen Kri­tik. Mit sei­nen sozi­al­uto­pi­schen Anschau­un­gen und gesell­schafts­po­li­ti­schen Posi­tio­nen gehör­te Ein­sie­del zu den Reprä­sen­tan­ten des »lin­ken Flü­gels« der deut­schen Auf­klä­rung, der sich am fran­zö­si­schen Mate­ria­lis­mus ori­en­tier­te. Zur Ver­öf­fent­li­chung sei­ner Schrif­ten kam es zu Leb­zei­ten nicht, wahr­schein­lich waren Ein­sie­dels Ansich­ten, vor allem sei­ne strik­te Ableh­nung des Mili­tärs, zu radi­kal für die dama­li­ge Zeit. Neben dem fürst­li­chen Hof von Carl August pfleg­te Ein­sie­del auch Kon­tak­te zu ande­ren höfi­schen Krei­sen und Für­sten in Deutsch­land sowie in die Repu­blik der Ver­ei­nig­ten Nie­der­lan­de und nach Frankreich.

1784 hat­te Ein­sie­del für ein knap­pes Jahr sei­nen Wohn­sitz in Ober­wei­mar, wo er sich für sei­ne natur­wis­sen­schaft­li­chen Inter­es­sen sogar ein Labo­ra­to­ri­um ein­rich­te­te. Hier nahm er ein Pro­jekt in Angriff, das er schon seit eini­gen Jah­ren ver­folg­te: eine Ent-
deckungs­rei­se in das Inne­re von Afri­ka. Ihn inter­es­sier­te Geschich­te, Erd- und Völ­ker­kun­de von Afri­ka sowie das mensch­li­che Zusam­men­le­ben ohne Ein­flüs­se der Kul­tur­ent­wick­lung. Für die finan­zi­el­le Unter­stüt­zung sei­nes Vor­ha­bens konn­te Ein­sie­del Her­zog Ernst II. von Sach­sen-Gotha-Alten­burg gewin­nen. Auf zwei Vor­be­rei­tungs­rei­sen nach Paris ver­such­te er außer­dem, das Inter­es­se des fran­zö­si­sches Hofes und Mari­ne­mi­ni­ste­ri­ums zu wecken.

Schließ­lich brach Ein­sie­del – beglei­tet von sei­nen Brü­dern und sei­ner Gelieb­ten (der ver­hei­ra­te­ten Emi­lie von Wert­hern) – im Mai 1785 von Wei­mar über Frank­furt a. M. nach Mar­seil­le auf, von wo die Über­fahrt per Segel­schiff nach Tri­po­lis gelang. In der nord­afri­ka­ni­schen Hafen­stadt hielt man sich eini­ge Mona­te auf und woll­te dann Kara­wa­nen­we­ge zur Wei­ter­rei­se nut­zen. Die Grup­pe gelang­te bis Tunis, wo die Pest jedoch zum Abbruch der Expe­di­ti­on zwang. Nach einem Auf­ent­halt in Süd­frank­reich kehr­te Ein­sie­del erst wie­der im Früh­jahr 1787 nach Sach­sen-Gotha zurück. Die Erkennt­nis­se die­ser kur­zen For­schungs­rei­se fan­den ihren Nie­der­schlag im »Afri­ka­ni­schen Tage­buch« (1785-86).

Hier endet die Bio­gra­fie, die mit der ersten, beweg­ten Lebens­hälf­te von August von Ein­sie­del bekannt macht. Für die Fort­set­zung ver­spricht der Autor, »dass wei­te­re span­nen­de Bezü­ge unter der Ober­flä­che zuta­ge tre­ten wer­den«. In rund 200 klei­ne­re Kapi­tel mit Inhalts­über­schrif­ten ist die Neu-erschei­nung unter­teilt, was sicher­lich das Auf­fin­den von bestimm­ten The­men und Zeit­ab­schnit­ten erleich­tert, aber den Lese­fluss (auch durch zahl­rei­che Zita­te und län­ge­re Gedan­ken-Exkur­se zu sei­nen Schrif­ten) immer wie­der ins Stocken bringt. Kei­ne bel­le­tri­sti­sche Bio­gra­fie, eher eine wis­sen­schaft­li­che, aber hoch­in­ter­es­san­te Abhandlung.

Veit Noll: Johann August von Ein­sie­del – Bio­gra­fie, For­schungs­ver­lag Salz­we­del 2020, 560 Sei­ten, 69 €.