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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Für Horst Schäfer

Er wink­te lächelnd ab, wann immer ich davon sprach – »eine Selbst­ver­ständ­lich­keit«, sag­te er dann. Für mich war es alles ande­re als das, war uner­war­tet, nicht zu erhof­fen gewe­sen. Kei­ner aus der Repor­terschar, die sich damals in San José zum Pro­zess gegen Ange­la Davis ein­ge­fun­den hat­te, wäre wil­lens gewe­sen, ein sol­ches Insi­der­wis­sen zu tei­len – dass näm­lich die Geschwo­re­nen Rich­ter Arna­son gebe­ten hät­ten, schon am Sonn­tag­mor­gen auf­tre­ten zu dür­fen, und nicht erst am Montag.

Ich sah Host Schä­fer an. Im Gerichts­ge­bäu­de herrsch­te Stil­le. Die mei­sten Pres­se­leu­te waren längst über alle Ber­ge, ver­streut ins Wochen­en­de. Frei­tag­nach­mit­tag war´s, die Gerichts­ver­hand­lung war bis Mon­tag ver­tagt. Wie die ande­ren hat­te auch ich geglaubt, dass frü­he­stens am Mon­tag das Urteil zu erfah­ren sein könn­te. Horst aber schüt­tel­te den Kopf. Aus den Unter­stüt­zer­krei­sen um Ange­la Davis wis­se er, dass Rich­ter Arna­son den Geschwo­re­nen ent­ge­gen­kom­men wür­de – nach all den Wochen Klau­sur woll­ten die end­lich nach Hau­se. »Also sei schon am Sonn­tag hier, nicht am Mon­tag. Bes­ser ist besser!«

Es über­zeug­te mich nur bedíngt – wie all die ande­ren hat­te ich erst nach dem Wochen­en­de wie­der­kom­men wol­len, hat­te die Zeit für San Fran­cis­co ein­ge­plant, und dabei war ich dann auch geblie­ben. Bei Mor­gen­grau­en am Sonn­tag aber kamen mir Beden­ken. Horst wird gewusst haben, was er sag­te: »Ver­lass dich nicht auf Mon­tag!« Kurz­ent­schlos­sen hat­te ich mich auf­ge­rafft, hat­te mein Hotel in Chi­na­town ver­las­sen und war die zwei Stun­den zurück nach San Josè gefahren.

Und war kei­nen Augen­blick zu früh dort ein­ge­trof­fen – die Ver­hand­lung hat­te begon­nen, die Geschwo­re­nen waren schon im Gerichts­saal. Atem­lo­se Stil­le herrsch­te: Schuld oder Unschuld. Frei­heit oder Todesstrafe.

»Wir, die Geschwo­re­nen, erklä­ren die Ange­klag­te für nicht schul­dig!« Mir war, als hör­te ich nur die Wor­te »nicht schul­dig« und wie Ange­la Davis nach Atem rang und Fran­k­lin Alex­an­der auf­schrie und sein Schluch­zen die Stil­le des Gerichts­saals durch­brach. Vor mir, links von Ange­la, sah ich Mar­ga­ret Burn­ham die Hän­de vors Gesicht schla­gen … Und dass die Kun­de von all dem, von mir auf­ge­schrie­ben, in jenen Tagen um die Welt ging, ist auch Horst Schä­fer zu verdanken.

 

Gebo­ren wur­de Horst Schä­fer 1930 in Detmold/​Lippe. Er stu­dier­te Jour­na­li­stik und arbei­te­te seit 1955 als Jour­na­list und Foto­re­por­ter, vie­le Jah­re als Kor­re­spon­dent für Medi­en der DDR. Er war Son­der­be­richt­erstat­ter beim Pro­zess gegen Ange­la Davis in Kali­for­ni­en. Aus den USA berich­te­te er mehr als zehn Jah­re lang unter ande­rem für den All­ge­mei­nen Deut­schen Nach­rich­ten­dienst (ADN), für Rund­funk und Fern­se­hen der DDR. Sei­ne Sta­tio­nen waren Mün­chen, Ber­lin, Washing­ton, New York und Bonn. 1991 kehr­te Horst Schä­fer von Bonn nach Ber­lin zurück und arbei­te­te wei­ter­hin als Jour­na­list, unter ande­rem auch für Ossietzky. Horst Schä­fer starb am 8. März. Die Trau­er­fei­er fin­det am 5. April um 14 Uhr im Mün­zen­berg­saal, Franz-Mehring-Platz 1, in Ber­lin statt.