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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Polarisierung skandieren, dann skandalisieren

Bei man­chen sozi­al- und poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Kol­le­gen fühlt man sich an den Spruch: »Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!« erin­nert. Wie kommt das? Wie kann man als Intellektuelle/​r über Jah­re hin­weg ein­fluss­reich alle mög­li­chen Maß­nah­men zur Stei­ge­rung der Ungleich­heit in der Gesell­schaft for­dern und för­dern und dann deren Ergeb­nis publi­kums­träch­tig betrauern?

Der mitt­ler­wei­le eme­ri­tier­te Direk­tor des Köl­ner Max-Planck-Insti­tuts für Gesell­schafts­for­schung, Wolf­gang Stre­eck, hielt noch im Jah­re 2000 einen Anstieg der gesell­schaft­li­chen Ungleich­heit auf »dem erreich­ten Niveau des all­ge­mei­nen Wohl­stands« nicht nur für »unver­meid­lich«, son­dern auch für »grund­sätz­lich hin­nehm­bar« und »not­wen­dig« zur wei­te­ren Erhö­hung der wirt­schaft­li­chen Lei­stungs­fä­hig­keit. Mit Hil­fe einer so gear­te­ten »zivile[n] Bür­ger­ge­sell­schaft« wer­de end­lich Abschied genom­men vom »staats­zen­trier­ten Irre­al­so­zia­lis­mus der west­deut­schen Wohl­stands­pe­ri­ode«. Sei­ne Bot­schaft, vom Staat »nicht mehr alles, son­dern nur noch immer weni­ger« zu erwar­ten, galt der begriffs­stut­zi­gen »Sozi­al­ar­bei­ter­frak­ti­on in Par­tei und Gewerk­schaf­ten«: »[D]ie Gesell­schaft und der Ein­zel­ne müs­sen und kön­nen mehr Ver­ant­wor­tung für sich selbst über­neh­men, also mehr aus der eige­nen Tasche bezah­len […]; der Staat als Voll­kas­ko­ver­si­che­rung hat aus­ge­dient« (Mit­be­stim­mung 6/​2000, S. 28f.). Der­weil waren selbst die Gewerk­schaf­ten nicht mehr vor neo­li­be­ra­len Posi­tio­nen gefeit. So postu­lier­te bei­spiels­wei­se ein Posi­ti­ons­pa­pier der DGB-Grund­satz­ab­tei­lung 1998: »Der Sozi­al­staat mit sei­nem tra­di­tio­nel­len Gerech­tig­keits­ver­ständ­nis von Sicher­heit und Schutz läßt sich nicht mehr aufrechterhalten.«

Woher die seit Jahr­zehn­ten gestie­ge­ne sozia­le Ungleich­heit gekom­men ist und wie sie sich ent­wickelt hat, hat Wolf­gang Mer­kel in der Zeit­schrift Neue Gesellschaft/​Frankfurter Hef­te (6/​2016, S. 14) knapp zusam­men­ge­fasst. Der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler, seit 1998 Mit­glied der SPD-Grund­wer­te­kom­mis­si­on, bezeich­net die gestie­ge­ne »Ungleich­heit als Krank­heit der Demo­kra­tie«. Was wie eine etwas ver­un­glück­te bio­lo­gi­sti­sche Demo­kra­tie­theo­rie klingt, ent­puppt sich jedoch als rela­tiv kla­re Beschrei­bung des kei­nes­wegs schick­sal­haf­ten Auf­stiegs neo­li­be­ra­ler Ord­nun­gen. So führt er dazu Fol­gen­des aus: »Am Anfang war Mar­ga­ret That­cher. Dann folg­te Ronald Rea­gan. Märk­te wur­den dere­gu­liert, Steu­ern auf hohe Ein­kom­men, Erb­schaf­ten, Ver­mö­gen und Unter­neh­mens­ge­win­ne gesenkt. Die gesamt­wirt­schaft­li­che Lohn­quo­te fiel, die Gewinn­quo­te aus Unter­neh­mens- und Kapi­tal­ein­künf­ten stieg. Die funk­tio­nel­le Ein­kom­mens­ver­tei­lung der rei­chen Volks­wirt­schaf­ten hat sich damit ver­scho­ben. Kapi­tal­be­sit­zer wer­den ein­sei­tig bevor­teilt. Seit Beginn der 80er Jah­re ist die Ungleich­heit der Ein­kom­men und Ver­mö­gen in der OECD-Welt gestie­gen, gleich­gül­tig wel­chen Indi­ka­tor man ver­wen­det. Der Anstieg der Ungleich­heit war nicht die ›natür­li­che‹ Fol­ge von digi­ta­ler Revo­lu­ti­on, Wis­sens­öko­no­mie und küh­ner schöp­fe­ri­scher Zer­stö­rung. Er war vor allem eine Fol­ge poli­ti­scher Ent­schei­dun­gen. Die Poli­tik hat­te der Steue­rung der Märk­te ent­sagt und schrieb die beson­de­re Form der Mark­ter­mäch­ti­gung im soge­nann­ten Washing­ton Kon­sens von 1990 fest.« Doch das muss­te auch in Deutsch­land von Politiker(inne)n, Wissenschaftler(inne)n und Medi­en vor­be­rei­tet, beglei­tet und durch­ge­setzt wer­den. Und hier begeg­nen wir wie­der Wolf­gang Mer­kel als einem Anhän­ger und vehe­men­ten Ver­tei­di­ger etwa der »Moti­ve und Grund­kon­stan­ten der Agen­da 2010«. Es könn­te daher ver­mu­tet wer­den, dass er die­sen Pro­zess mit zu ver­ant­wor­ten hat, was ange­sichts sei­ner nach­träg­lich kri­ti­schen Betrach­tungs­wei­se bemer­kens­wert ist (vgl. sei­ne Ver­tei­di­gung der »Moti­ve und Grund­kon­stan­ten der Agen­da 2010« noch im Jah­re 2010 in: Neue Gesellschaft/​Frankfurter Hef­te 7-8/2010, S. 74).

Was waren also die »Moti­ve und Grund­kon­stan­ten der Agen­da 2010«? Für den dama­li­gen Bun­des­kanz­ler Ger­hard Schrö­der lässt sich das kurz zusam­men­fas­sen. Er sag­te dazu am 14. März 2003 im Bun­des­tag: »Wir wer­den Lei­stun­gen des Staa­tes kür­zen, Eigen­ver­ant­wor­tung för­dern und mehr Eigen­lei­stung von jedem Ein­zel­nen abfor­dern müs­sen.« Was ihm sei­ne Reden­schrei­ber Hom­bach und Stein­mei­er da notier­ten, klang fast wört­lich wie die Streeck‘schen For­de­run­gen aus dem Jah­re 2000 – und in der Tat war der Wis­sen­schaft­ler gleich­zei­tig hoch­ran­gi­ger Bera­ter des Kanzlers.

Die­se von ihm mit beför­der­te Ent­wick­lung sieht der Sozi­al­wis­sen­schaft­ler Wolf­gang Stre­eck inzwi­schen rich­ti­ger­wei­se als pro­ble­ma­tisch an. Dabei erblickt er nicht in den auf­rüh­re­ri­schen Unter­schich­ten ein Gefähr­dungs­po­ten­ti­al für den sozia­len Zusam­men­halt und die frei­heit­lich-demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung, son­dern viel­mehr bei den immer anti­de­mo­kra­ti­scher agie­ren­den finanz­markt­hö­ri­gen Eli­ten. Wäh­rend »die Mas­sen­loya­li­tät der Arbeit- und Kon­sum­neh­mer gegen­über dem Nach­kriegs­ka­pi­ta­lis­mus sta­bil« geblie­ben sei, war es laut Stre­eck das Kapi­tal, »das dem demo­kra­ti­schen Kapi­ta­lis­mus […] die Legi­ti­ma­ti­on« auf­ge­kün­digt habe, um sozia­le Ver­pflich­tun­gen los­zu­wer­den (Stre­eck 2013a, S. 44f.). Nicht die Arbei­ter­klas­se und die Lohn­ab­hän­gi­gen sei­en es gewe­sen, son­dern »Kapi­tal­be­sit­zer und Kapi­tal­ver­wal­ter« hät­ten »einen lan­gen Kampf für einen grund­le­gen­den Umbau der poli­ti­schen Öko­no­mie des Nach­kriegs­ka­pi­ta­lis­mus« begon­nen (Stre­eck 2013a, S. 54), um eine »Fun­da­men­tal­re­vi­si­on des Wohl­fahrts­staa­tes der Nach­kriegs­jahr­zehn­te« ein­zu­lei­ten (Stre­eck 2013a, S. 57).

Ver­bun­den mit einer immer unge­rech­te­ren Res­sour­cen­ver­tei­lung in der Gesell­schaft stellt sich aber ein unver­söhn­li­cher Ant­ago­nis­mus her zwi­schen Kapi­ta­lis­mus und Demo­kra­tie, wie Stre­eck eben­falls rich­ti­ger­wei­se her­aus­ar­bei­tet. »Wenn folg­lich der Kapi­ta­lis­mus des Kon­so­li­die­rungs­staa­tes auch die Illu­si­on des gerecht geteil­ten Wachs­tums nicht mehr zu erzeu­gen ver­mag, kommt der Moment, an dem sich die Wege von Kapi­ta­lis­mus und Demo­kra­tie tren­nen müs­sen. Der heu­te wahr­schein­lich­ste Aus­gang wäre dann die Voll­endung des hay­e­kia­ni­schen Gesell­schafts­mo­dells der Dik­ta­tur einer vor demo­kra­ti­scher Kor­rek­tur geschütz­ten kapi­ta­li­sti­schen Markt­wirt­schaft.« (Stre­eck, 2013b, S. 62)

Mit sei­nem Kon­zept des »rea­li­sti­schen Anti­ka­pi­ta­lis­mus« beschreibt Stre­eck recht ein­drucks­voll die zen­tra­len Wider­sprü­che der Gegen­wart und die Ursa­chen für feh­len­den sozia­len Zusam­men­halt in der Gesell­schaft: »Struk­tu­rell bedeu­tet Glo­ba­li­sie­rung eine Ver­schie­bung der Macht­ver­hält­nis­se zwi­schen Kapi­tal und Markt auf der einen Sei­te und Arbeit und Demo­kra­tie auf der ande­ren. […] An die Stel­le des Keyne­sia­ni­schen Wachs­tums­mo­dells trat nach und nach ein neo­li­be­ra­les, das vor demo­kra­ti­scher Poli­tik geschützt wer­den muss, da es statt durch nach­fra­ge­po­li­ti­sche Umver­tei­lung von oben nach unten durch ange­bots­po­li­ti­sche Umver­tei­lung von unten nach oben funk­tio­nie­ren soll. Die erfor­der­li­chen insti­tu­tio­nel­len Ver­än­de­run­gen wie »Fle­xi­bi­li­sie­rung« der Arbeits­märk­te, Schwä­chung der Gewerk­schaf­ten und ihrer Streik­fä­hig­keit, Absi­che­rung der Zen­tral­ban­ken gegen poli­ti­sche Ein­fluss­nah­me, Pri­va­ti­sie­rung öffent­li­cher Ein­rich­tun­gen und Dienst­lei­stun­gen, ver­stärk­te ›Eigen­be­tei­li­gung‹ der Bür­ger usw. usw. wur­den schritt­wei­se und in unter­schied­li­cher Sequenz und unter­schied­li­chem Tem­po, aber doch mehr oder weni­ger über­all in den sich neo­li­be­ral reor­ga­ni­sie­ren­den kapi­ta­li­sti­schen Demo­kra­tien ein­ge­führt, und meist auf gemein­sa­mes Betrei­ben bei­der gro­ßer Par­tei­en, mit­te-rechts wie mit­te-links«. (Stre­eck 2019, S. 8f.) Vie­les davon for­der­te Stre­eck selbst im Jah­re 2000, was ihm aller­dings kei­ne nach­denk­li­che Bemer­kung für not­wen­dig erschei­nen lässt.

Eini­ger­ma­ßen resi­gna­tiv kommt Stre­eck auch auf die gegen­tei­li­ge Alter­na­ti­ve eines etwai­gen demo­kra­ti­schen Sozia­lis­mus zu spre­chen, ohne die­sen aber beim Namen zu nen­nen. Er ver­wirft sofort deren mög­li­che Rea­li­sie­rung ange­sichts der offen­sicht­li­chen Stär­ke ihres Kon­tra­hen­ten, was nicht ganz von der Hand zu wei­sen ist. »Die Alter­na­ti­ve zu einem Kapi­ta­lis­mus ohne Demo­kra­tie wäre eine Demo­kra­tie ohne Kapi­ta­lis­mus. […] Sie wäre die ande­re, mit der Hayek‘schen kon­kur­rie­ren­de Uto­pie.« Aber »im Unter­schied zu die­ser läge sie nicht im histo­ri­schen Trend, son­dern wür­de im Gegen­teil des­sen Umkehr erfor­dern. Des­halb und wegen des enor­men Orga­ni­sa­ti­ons- und Ver­wirk­li­chungs­vor­sprungs der neo­li­be­ra­len Lösung […] erscheint sie heu­te als voll­kom­men unrea­li­stisch« (Stre­eck, 2013b, S. 62f.). Ein Rea­lis­mus-Begriff wird aller­dings dann pro­ble­ma­tisch und gera­de­zu gat­tungs­ge­fähr­lich, wenn sich mehr Men­schen einen »Kapi­ta­lis­mus ohne Welt« als eine »Welt ohne Kapi­ta­lis­mus« vor­stel­len kön­nen. Dage­gen steht zumin­dest die Aus­sa­ge des argen­ti­ni­schen Arz­tes und Revo­lu­tio­närs Erne­sto Che Gue­va­ra, wel­cher sag­te: »Sei­en wir rea­li­stisch, ver­su­chen wir das Unmögliche!«

Es irri­tiert, dass mit Stre­eck gera­de jemand (zu Recht) gegen den seit Jahr­zehn­ten auf­ge­kom­me­nen neo­li­be­ra­len Kapi­ta­lis­mus wet­tert, der selbst seit Jahr­zehn­ten in höch­sten wis­sen­schaft­li­chen Regie­rungs­be­ra­ter-Gre­mi­en und stra­te­gi­schen Stel­len den Macht­an­stieg des neo­li­be­ra­len Kapi­ta­lis­mus in Deutsch­land zum Bei­spiel durch die Maß­nah­men der soge­nann­ten Agen­da 2010 ideo­lo­gisch vor­be­rei­tet hat (inklu­si­ve Pro­pa­gie­rung eines brei­ten Nied­rig­lohn­sek­tors, mehr Fle­xi­bi­li­sie­rung, Dere­gu­lie­rung und Pri­va­ti­sie­rung sowie eines grund­sätz­li­chen Anti-Keyne­sia­nis­mus; vgl. Mül­ler 2013). Was also auf der Basis der gegen­wär­ti­gen anti­ka­pi­ta­li­sti­schen Erkennt­nis­se des Autors Grund genug wäre für eine selbst­kri­ti­sche Auf­ar­bei­tung zum The­ma »Ver­ant­wor­tung von Wis­sen­schaft«, erscheint Stre­eck offen­bar nur als bös­wil­li­ge Ver­leum­dung sei­ner frü­he­ren tadel­lo­sen Tätig­kei­ten für die Bun­des­re­gie­rung unter Ger­hard Schrö­der (vgl. Mül­ler 2013).

Poli­tik- und Sozi­al­wis­sen­schaft­ler wie Wolf­gang Mer­kel oder Wolf­gang Stre­eck sind sich einig, dass die sozia­le Ungleich­heit inzwi­schen stark gestie­gen ist und sich damit bedroh­li­che Fol­ge­wir­kun­gen erge­ben, die sie bekla­gen. Nur bei der selbst­kri­ti­schen Auf­ar­bei­tung des eige­nen Anteils an der ideo­lo­gi­schen Mobi­li­sie­rung für neo­li­be­ra­le Maß­nah­men und für mehr sozia­le Ungleich­heit schei­nen sich auch wis­sen­schaft­lich Ver­ant­wort­li­che voll­stän­dig in Nebel und Ver­drän­gung zu ver­stecken. Solan­ge Poli­tik, Medi­en und Wis­sen­schaft so unkri­tisch mit der eige­nen Tätig­keit umge­hen, unter­lie­gen sie der Gefahr, kau­sa­le Erkennt­nis­se zum Ver­ständ­nis von Ent­wick­lungs­pro­zes­sen auszublenden.

 

Lite­ra­tur: Albrecht Mül­ler (2013): »Der Sozio­lo­ge Wolf­gang Stre­eck war ein durch­set­zungs­fä­hi­ger Wis­sen­schaft­ler. Aber die ihn heu­te lobend zitie­ren, wis­sen offen­sicht­lich nicht, für was er Pate gestan­den hat, für die Agen­da 2010. In: Nachdenkseiten.de vom 7.5.2013. Wolf­gang Stre­eck (2013a): »Gekauf­te Zeit – Die ver­tag­te Kri­se des demo­kra­ti­schen Kapi­ta­lis­mus«, 3. Auf­la­ge, Ber­lin. Wolf­gang Stre­eck (2013b): »Was nun, Euro­pa? – Kapi­ta­lis­mus ohne Demo­kra­tie oder Demo­kra­tie ohne Kapi­ta­lis­mus«. In: Blät­ter für deut­sche und inter­na­tio­na­le Poli­tik 4/​2013, S. 57-68. Wolf­gang Stre­eck (2019): »Star­ke Märk­te, schwa­cher Staat. War­um der Kapi­ta­lis­mus die Demo­kra­tie bedroht«. In: SWR 2 vom 18.8.2019