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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Märchenstadt. Alptraumstadt

Ende Febru­ar 2020 an einem son­ni­gen Tag. Unter den nicht gera­de sehr wach­sa­men Augen der Brü­der Grimm, die seit 1896 in Denk­mal­form vor dem Rat­haus in kon­tem­pla­ti­ver Pose über ein neu­es Mär­chen sin­nie­ren und daher abge­lenkt sind, fin­det jeden Mitt­woch und Sams­tag der belieb­te Wochen­markt statt, der zu den schön­sten und größ­ten in Hes­sen zählt. Rege Betrieb­sam­keit, aber kei­ner­lei Hek­tik herrscht auf dem gro­ßen Markt­platz. Tra­di­tio­nel­le hes­si­sche Spe­zia­li­tä­ten aus dem Umland wer­den ange­bo­ten, gele­gent­lich eine Wein­pro­be, fri­sches Brot und Käse zum Pro­bie­ren und vie­les mehr, hier lässt es sich aus­hal­ten. Das Denk­mal beach­tet man irgend­wann nicht wei­ter, dabei ist es doch sagen­um­wo­ben, aller­dings erst nach Ein­bruch der Dun­kel­heit. Einer Legen­de zufol­ge sol­len die Brü­der jede Nacht den Platz wech­seln, wie­so, ist nicht bekannt. Augen­zeu­gen gibt es dafür bis dato nicht, und so sitzt Wil­helm bis heu­te sta­tisch her­um, wäh­rend sein Bru­der wohl­wol­lend und auf­recht neben ihm grü­belt. Die bei­den Grimms haben abso­lu­ten Kult­cha­rak­ter, und daher darf sich das Denk­mal »Natio­nal­denk­mal« nen­nen. Auf dem Markt­platz nimmt auch seit 1975 die »Deut­sche Mär­chen­stra­ße« ihren Anfang, die bis nach Bre­men führt. Ein tra­di­ti­ons­rei­cher Ort also im Her­zen der Stadt, viel­leicht sogar das Herz der Stadt selbst, die durch die Tat eines Men­schen mit ras­si­sti­schem Welt­bild am 20. Febru­ar auf tra­gi­sche Wei­se in den Blick­punkt der Welt­öf­fent­lich­keit rückte.

Zuge­ge­ben: Ein Besu­cher, der mit dem Zug ange­reist ist, ist in der Nähe des etwas außer­halb des Stadt­kerns gele­ge­nen Bahn­hofs zunächst wenig über­zeugt von den Qua­li­tä­ten und angeb­li­chen High­lights der cir­ca 25 Kilo­me­ter öst­lich von Frank­furt am Main gele­ge­nen Stadt, die sich ihm hier erst ein­mal nicht erschlie­ßen. Das ist aber in Bahn­hofs­nä­he vie­ler deut­scher Städ­te so. Auf der Fahrt mit dem Bus in die Innen­stadt erblickt man belang­lo­se Archi­tek­tur, zu viel Beton und kar­ge Hoch­häu­ser. Hanau gehör­te zu den Städ­ten, die im Zwei­ten Welt­krieg zum größ­ten Teil zer­stört wur­den. Rat­lo­sig­keit macht sich breit, fast zwei­felt man an der Wahl des Aus­flugs­ziels, doch Geduld ist angeraten.

Der Wochen­markt von Hanau ist schon ein­mal ein sehr guter Anfang für eine viel­ver­spre­chen­de Stadt­er­kun­dung. Er geht auf das Jahr 1303 zurück, als Hanau das Stadt­recht erhielt und somit auch einen Wochen­markt abhal­ten durf­te. Ganz in der Nähe der Mari­en­kir­che, der evan­ge­li­schen Pfarr­kir­che der Alt­stadt, stößt man dann unüber­seh­bar auf das Deut­sche Gold­schmie­de­haus, ein ori­gi­nal­ge­treu­er und präch­ti­ger Nach­bau des barocken Ori­gi­nals, das einst an ande­rer Stel­le als Rat­haus fun­gier­te. In gewis­ser Wei­se ist es ein Sym­bol der Tole­ranz der Bewoh­ner der Stadt gegen­über zunächst frem­den Men­schen. Immi­gran­ten brach­ten gegen Ende des 16. Jahr­hun­derts nicht nur das Gold­schmie­de-Hand­werk nach Hanau. Glau­bens­flücht­lin­ge, vor allem aus Frank­reich, Bel­gi­en und den damals unter spa­ni­scher Herr­schaft ste­hen­den Nie­der­lan­den, ström­ten zahl­reich her­bei. In der Fol­ge sie­del­ten sich Wal­lo­nen, Fla­men, Wal­den­ser und Huge­not­ten an und brach­ten ande­re kul­tu­rel­le Ein­flüs­se mit, die der Stadt gut­ta­ten, weil die Anders­gläu­bi­gen mit ihrem Fleiß nicht zuletzt auch zum zuneh­men­den Wohl­stand der Stadt bei­tru­gen. In der Neu­zeit kamen und kom­men sie aus ande­ren Län­dern, um die 40 Pro­zent betrug 2018 in Hanau der Anteil der Men­schen mit aus­län­di­schen Wur­zeln. Nicht immer sind sie jedoch will­kom­men, und dann ist die Tole­ranz der Ver­gan­gen­heit schnell ver­ges­sen. Vor allem die Shi­sha-Bars fun­gie­ren heu­te für jun­ge Men­schen auch als siche­rer Rück­zugs­ort, wo sie im Gegen­satz zu ande­ren Orten will­kom­men sind, wie das neue deutsch­land in einem Arti­kel nach der Wahn­sinns­tat berichtete.

Die Stadt wirkt mit ihren etwa 96.000 Ein­woh­nern über­schau­bar. Berich­te im Fern­se­hen, in denen Men­schen zu den Mor­den befragt wur­den, ver­mit­teln den Ein­druck, dass zumin­dest in der Innen­stadt fast jeder jeden kennt und dass der Gemein­schafts­sinn den­je­ni­gen, die in der Fami­lie einen Toten zu bekla­gen haben, nun auch Trost spen­den kann. Der tür­ki­sche Vater, der sei­nen Sohn ver­lo­ren hat, trau­ert nicht zu Hau­se, er sucht die Gemein­schaft, die ihm Halt gibt.

Um das Schmuck­stück der Stadt ken­nen­zu­ler­nen, muss sich der Besu­cher in west­li­che Rich­tung bege­ben. Schloss Phil­ipps­ru­he in der Nähe des Stadt­teils Kes­sel­stadt liegt idyl­lisch am Main inmit­ten eines eng­li­schen Land­schafts­parks, in der Nähe mün­det der beschau­li­che Fluss Kin­zig in den Main. In der ein­sti­gen Som­mer­re­si­denz, die Phil­ipp Rein­hard von Hanau 1701 errich­te­te, begeg­net man nun auch wie­der den Grimms, die in Hanau all­ge­gen­wär­tig sind, weil sie dort gebo­ren wur­den: Jacob 1785, sein Bru­der Wil­helm ein Jahr spä­ter. Das sind tou­ri­sti­sche Pfun­de, mit denen man wuchern kann und auch soll, was mit zahl­rei­chen Aus­stel­lun­gen, Sym­po­si­en und Gedenk­ta­feln im öffent­li­chen Raum betrie­ben wird. Aus­ge­las­sen wird hier jeden­falls nichts. Seit 2006 darf sich die Stadt »Brü­der-Grimm-Stadt« nen­nen, es gibt natür­lich eine Brü­der-Grimm-Schu­le und eine Brü­der-Grimm-Stra­ße. Die bei­den Mär­chen­on­kel leben aber auch – leicht bizarr – in Sekt-, Tor­ten- und Taler­form wei­ter, und die Liste lie­ße sich noch end­los fort­füh­ren. Im Schloss wer­den sie schließ­lich end­lich fast zu Men­schen aus Fleisch und Blut: Um die 500 Expo­na­te, dar­un­ter ein ori­gi­nal Geh­rock und eine Akten­ta­sche sowie das bekann­te Dop­pel­por­trät der Brü­der tra­gen dazu bei.

Vor der Rück­kehr in die Stadt­mit­te noch ein Abste­cher in den Orts­teil Wil­helms­bad. Dort errich­te­te 1777 der Archi­tekt Franz Lud­wig Can­crin, damals noch ohne Adels­ti­tel, eine Kur- und Bade­an­la­ge, die heu­te die best­erhal­te­ne ihrer Art in Deutsch­land ist und von einem herr­li­chen Park gekrönt wird, der, ganz dem dama­li­gen Zeit­ge­schmack ent­spre­chend, mit einer künst­li­chen Burg­rui­ne und Ere­mi­ta­ge ver­se­hen wurde.

Zurück in der Innen­stadt holt einen die Rea­li­tät wie­der auf den Boden der Tat­sa­chen zurück. Die Brü­der Grimm kön­nen hier vor­erst nichts mehr aus­rich­ten: »Das war hier für mich eine Mär­chen­stadt. Und jetzt ist es eine Alb­traum­stadt«, berich­te­te eine Hanaue­rin dem Köl­ner Stadt­an­zei­ger. Letz­te­res haben weder die Men­schen noch die Stadt verdient.