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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Vor vierzig Jahren: Hungerstreik in Dachau

Ein star­kes Foto ist das. Ein jun­ger Mann besprüht mit schwar­zer Far­be eine ACHTUNG!-Tafel an einer Zie­gel­mau­er. Ein Teil der wei­ßen Schrift ist schon unle­ser­lich gewor­den. Der Mann ist nur von hin­ten zu sehen; ent­schlos­sen sei­ne Hal­tung, ansteckend sei­ne Ruhe. Es gibt kei­nen Zwei­fel: Er tut etwas Ver­bo­te­nes, aber er weiß, dass er im Recht ist. Die Tafel hängt am Ein­gang eines Cam­ping-Plat­zes. »Im Inter­es­se einer unge­stör­ten Urlaubs­ge­stal­tung« will sie »Land­fah­rern« den Zutritt ver­bie­ten. Der Mann ist Roma­ni Rose, damals ein unbe­kann­ter 33-Jäh­ri­ger, heu­te Prä­si­dent des Zen­tral­rats Deut­scher Sin­ti und Roma. Das Foto ent­stand 1979, als es den Zen­tral­rat noch nicht gab. Es ist Teil der Aus­stel­lung »45 Jah­re Bür­ger­rechts­ar­beit deut­scher Sin­ti und Roma«, die am 2. März im Gesprächs­raum der Evan­ge­li­schen Ver­söh­nungs­kir­che auf dem Gelän­de der KZ-Gedenk­stät­te Dach­au eröff­net wur­de. Anlass ist der 40. Jah­res­tag des Hun­ger­streiks, der damals genau in die­sem Raum statt­ge­fun­den hat und zu einem der wich­tig­sten Anschub­im­pul­se der Bür­ger­rechts­be­we­gung wurde.

 

Der Hun­ger­streik

Zwölf deut­sche Sin­ti, dar­un­ter die KZ-Über­le­ben­den Jakob Bam­ber­ger, Hans Braun und Franz Wir­bel, und die Münch­ner Sozi­al­ar­bei­te­rin Uta Horst­mann tra­ten am Kar­frei­tag, dem 4. April 1980, in einen unbe­fri­ste­ten Hun­ger­streik. Sie for­der­ten, die Ermor­dung von mehr als 500.000 »Zigeu­nern« durch das NS-Regime offi­zi­ell als Völ­ker­mord anzu­er­ken­nen und die Akten der »Land­fah­rer­zen­tra­le« her­aus­zu­ge­ben, wie die berüch­tig­te Münch­ner »Zigeu­ner­po­li­zei« von 1953 bis zu ihrer Auf­lö­sung 1970 beschö­ni­gend genannt wur­de. Die Akti­on fand brei­ten Wider­hall in der natio­na­len und inter­na­tio­na­len Pres­se und wur­de zu einem »Wen­de­punkt in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung der Min­der­heit«, so Erich Schnee­ber­ger, der Vor­sit­zen­de des baye­ri­schen Lan­des­ver­ban­des Deut­scher Sin­ti und Roma, der die Aus­stel­lung eröff­ne­te. Been­det wur­de der Hun­ger­streik am 12. April 1980, nach­dem der dama­li­ge Bun­des­ju­stiz­mi­ni­ster Hans-Jochen Vogel (SPD) die Strei­ken­den in Dach­au besucht und ihnen Unter­stüt­zung zuge­sagt hatte.

 

Die »Land­fah­rer­zen­tra­le« und ihre Akten

Die kurz nach dem Ende der Nazi-Herr­schaft wie­der­ge­grün­de­te Münch­ner »Zigeu­ner­po­li­zei« setz­te ab 1953 ihre Tätig­keit unter dem ver­schlei­ern­den Namen »Land­fah­rer­zen­tra­le« fort. Sie war Teil des Lan­des­kri­mi­nal­am­tes, und ihre Tätig­keit bestand in der Son­de­rer­fas­sung, Schi­ka­nie­rung und lücken­lo­sen Bespit­ze­lung der Sin­ti und Roma. Als Rechts­grund­la­ge dafür beschloss der baye­ri­sche Land­tag die soge­nann­te Land­fah­rer­ord­nung, die in wesent­li­chen Tei­len eine Neu­auf­la­ge des baye­ri­schen »Zigeu­ner-, Land­fah­rer- und Arbeits­scheu­en­ge­set­zes« von 1926 dar­stell­te. »Land­fah­rer im Sin­ne die­ses Geset­zes« war dem­nach, »wer aus ein­ge­wur­zel­tem Hang zum Umher­zie­hen oder aus ein­ge­wur­zel­ter Abnei­gung gegen eine Seß­haft­ma­chung mit Fahr­zeu­gen, ins­be­son­de­re mit Wohn­wa­gen oder Wohn­kar­ren, oder sonst mit beweg­li­cher Habe im Land umher­zieht«. Das zynisch als »Ord­nung« bezeich­ne­te Gesetz ent­hielt einen Wust von ras­si­sti­schen Ste­reo­ty­pen, pau­scha­len Ver­däch­ti­gun­gen, schi­ka­nö­sen Mel­de- und son­sti­gen Vor­schrif­ten, Ver­bo­ten und Straf­an­dro­hun­gen sowie Anwei­sun­gen an die ört­li­chen Poli­zei­stel­len bezüg­lich der durch­zu­füh­ren­den Kon­trol­len und der dabei auf­zu­neh­men­den per­sön­li­chen Daten inklu­si­ve Fotos und Fin­ger­ab­drücke. Alle Daten waren dann an das baye­ri­sche Lan­des­kri­mi­nal­amt zu mel­den. Dort wur­de, ähn­lich einer Ver­bre­cher­da­tei, eine umfang­rei­che Daten­bank geführt, die auf den Akten der 1936 nach Ber­lin ver­la­ger­ten »Reichs­zen­tra­le zur Bekämp­fung des Zigeu­ner­un­we­sens« basier­te – einem Akten­be­stand, der wie­der­um auf die Daten­sam­mel­wut des 1899 in Mün­chen gegrün­de­ten »Nach­rich­ten­dien­stes für die Sicher­heits­po­li­zei in Bezug auf Zigeu­ner« und der wäh­rend der Wei­ma­rer Repu­blik in Mün­chen ansäs­si­gen, aber für alle Län­der des Reichs täti­gen »Zigeu­ner­po­li­zei« zurück­ging. Ergänzt wur­de das Mate­ri­al durch rund 20.000 soge­nann­te Ras­se­gut­ach­ten, die wäh­rend der NS-Zeit von »Wis­sen­schaft­lern« der »Ras­se­hy­gie­ni­schen For­schungs­stel­le« erstellt wor­den waren und als Grund­la­ge für die Depor­ta­tio­nen gedient hat­ten. All die­se Akten wur­den noch bis in die 1970er Jah­re in Ent­schä­di­gungs­pro­zes­sen ver­wen­det, um die Kla­gen von Sin­ti und Roma, die den Holo­caust über­lebt hat­ten, abzu­wei­sen. Als Gut­ach­ter wirk­ten dabei in vie­len Fäl­len die­sel­ben Leu­te mit, die weni­ge Jah­re zuvor die Depor­ta­tio­nen vor­be­rei­tet und orga­ni­siert hatten.

Erich Schnee­ber­ger bei der Eröff­nung der Aus­stel­lung zu die­ser ver­häng­nis­vol­len Kon­ti­nui­tät: »Bereits im Jah­re 1946 wur­de im Lan­des­kri­mi­nal­amt in Mün­chen wie­der die … soge­nann­te Zigeu­ner­po­li­zei ein­ge­rich­tet. In die­se Abtei­lung wur­den dama­li­ge SS-Täter beru­fen. So auch Josef Eich­ber­ger, der bis 1945 im Reichs­si­cher­heits­haupt­amt eine ver­gleich­ba­re Rol­le wie Adolf Eich­mann inne­hat­te und haupt­ver­ant­wort­lich für die gesam­ten Maß­nah­men zur Depor­ta­ti­on und Ermor­dung der Sin­ti und Roma war. Zusam­men mit ande­ren dort täti­gen ehe­ma­li­gen SS-Ange­hö­ri­gen wirk­te die ab 1953 in ›Land­fah­rer­zen­tra­le‹ umbe­nann­te Münch­ner Poli­zei­ab­tei­lung maß­geb­lich dar­auf hin, dass die ›Land­fah­rer­ord­nung‹ ver­ab­schie­det wurde.«

Auf­klä­rung über den Ver­bleib der Akten die­ser Poli­zei­ab­tei­lung for­der­te also mit dem Hun­ger­streik die nun ent­ste­hen­de Bür­ger­rechts­be­we­gung der Sin­ti und Roma. Denn der Ver­si­che­rung, die Akten sei­en 1970 bei der Auf­lö­sung der »Land­fah­rer­zen­tra­le« ver­nich­tet wor­den, schenk­ten die Bür­ger­recht­ler kei­nen Glau­ben, tauch­ten doch Zita­te aus sol­chen Akten immer wie­der in Pro­zess­un­ter­la­gen auf. Tat­säch­lich wur­de ein Teil der Akten 1981 bei einer Beset­zung des Kel­lers des Tübin­ger Uni­ver­si­täts­ar­chivs auf­ge­spürt und ins Bun­des­ar­chiv in Koblenz gebracht. Aller­dings fehl­ten dabei die NS-»Rassegutachten«, die bis heu­te ver­schwun­den sind.

 

Mit dabei: Uta Horstmann

Auf den Fotos vom Hun­ger­streik fällt eine Per­son beson­ders ins Auge: die ein­zi­ge Frau unter den Strei­ken­den – und die ein­zi­ge nicht der Min­der­heit ange­hö­ren­de Teil­neh­me­rin. Es ist Uta Horst­mann, die Münch­ner Sozi­al­ar­bei­te­rin, die die Bür­ger­rechts­be­we­gung der Sin­ti und Roma von Anfang an beglei­tet und tat­kräf­tig unter­stützt hat. Bei der Ver­an­stal­tung am 2. März ist sie auch dabei. Sie spricht über den Schock, den es für sie bedeu­te­te, als sie 1974 mit der Arbeit mit Sin­ti und Roma begann und fest­stell­te, dass sie über die­se Men­schen über­haupt nichts wuss­te. Ein Völ­ker­mord hat­te statt­ge­fun­den, aber der kam in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung nicht vor. »Wenn ich in die Woh­nun­gen kam, ging ich oft über län­ge­re Flu­re, wo in Rah­men Bil­der von Ver­wand­ten hin­gen, die in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern geblie­ben waren.« Roma­ni Rose ver­dan­ke sie, dass das Wis­sen über Geschich­te und Gegen­wart der Sin­ti und Roma, das sie im Lau­fe ihrer beruf­li­chen Tätig­keit erwarb, nicht von »Bera­tern« mit den übli­chen Kli­schees und Vor­ur­tei­len geprägt war. Die Teil­nah­me am Hun­ger­streik sei für sie eine Selbst­ver­ständ­lich­keit gewe­sen, sagt sie. Um nicht mit dem Sozi­al­re­fe­rat in Kon­flikt zu kom­men, habe sie dafür Urlaub genom­men. Unver­gess­lich sei­en ihr die Gesprä­che mit den ehe­ma­li­gen KZ-Häft­lin­gen Jakob Bam­ber­ger oder Franz Wir­bel bei nächt­li­chen Spa­zier­gän­gen über die Lager­stra­ße in der Gedenkstätte.

Uta Horst­mann erin­nert sich sehr kon­kret, wie es noch in den 1970er und 1980er Jah­ren war. Bei­spiels­wei­se dar­an, dass die Kin­der von Sin­ti und Roma zu einem hohen Pro­zent­satz ohne Rück­sicht auf ihre Fähig­kei­ten in die dama­li­gen »Son­der­schu­len« abge­scho­ben wur­den. Mehr noch: An den Son­der­schu­len habe es eige­ne Son­der­klas­sen für sie gege­ben. Damit sie nicht mit den Kin­dern aus der Mehr­heits­ge­sell­schaft in Berüh­rung kom­men konn­ten, gab es sogar eige­ne Pau­sen­zei­ten. Der Hun­ger­streik, so Horst­mann, habe viel ver­än­dert. Als er begann, sei­en sei­ne Aus­wir­kun­gen, auch für die nach­fol­gen­de Bür­ger­rechts­ar­beit, die Grün­dung des Zen­tral­ra­tes 1982 und der vie­len Lan­des­ver­bän­de, die Stär­kung der gesam­ten poli­ti­schen Arbeit, die Reso­nanz im Aus­land gar nicht abzu­se­hen gewe­sen. Vor allem auch die Wir­kun­gen auf das Selbst­be­wusst­sein der Min­der­heit: »Zum ersten Mal nach dem Krieg haben die Sin­ti erlebt: Wir kön­nen etwas errei­chen. Wir sind Staats­bür­ger die­ses Lan­des und wir haben unse­re Rech­te.« Im dar­auf­fol­gen­den Win­ter besetz­ten an einem Wohn­wa­gen­platz, wo im Win­ter schreck­li­che Bedin­gun­gen herrsch­ten, die Frau­en den Kin­der­gar­ten. Mit ihren Kin­dern. Aus eige­ner Initia­ti­ve. »Das wäre vor­her nicht denk­bar gewe­sen. Die­ses Selbst­be­wusst­sein – wir haben Rech­te, und wir müs­sen uns nicht alles gefal­len las­sen – das ist eigent­lich auch eine Fol­ge des Hun­ger­streiks gewesen.«

 

Noch jede Men­ge zu tun

An einem ande­ren Bei­spiel führt Uta Horst­mann den Zuhö­rern vor Augen, wel­che Unge­heu­er­lich­kei­ten sich die Mehr­heits­ge­sell­schaft gegen­über den Sin­ti und Roma lei­ste­te: Ent­schä­di­gungs­kla­gen wegen Zwangs­ste­ri­li­sie­rung wur­den meist abge­wie­sen. »Damals urteil­ten die Gerich­te so: Wenn jemand ste­ri­li­siert wor­den ist, dann ist das kein Kör­per­scha­den, er bleibt ja arbeits­fä­hig. Dass das Zwangs­maß­nah­men gewe­sen sind, dass es die Men­schen in ihrem gan­zen wei­te­ren Leben beein­flusst hat, kei­ne Fami­lie grün­den zu kön­nen, kei­ne Kin­der zu haben, das hat man ein­fach so vom Tisch gewischt. Auch hier hat der Hun­ger­streik eine Rol­le gespielt und den Betrof­fe­nen Kraft gege­ben, um ›Wie­der­gut­ma­chung‹ zu kämpfen.«

Nach ihrer Mei­nung zu dem Hun­ger­streik nach 40 Jah­ren gefragt, ant­wor­tet Uta Horst­mann nach­denk­lich: »Er war not­wen­dig, und er hat viel bewirkt. Aber das heißt nicht, es ist schon alles erreicht. Nein – es bleibt noch jede Men­ge zu tun.«

Was getan wur­de, was heu­te getan wird und was noch getan wer­den muss – dar­über spra­chen die wei­te­ren Refe­ren­ten und zahl­rei­che Dis­ku­tan­ten aus dem Publi­kum noch lan­ge an die­sem Abend.

 

Die Aus­stel­lung »45 Jah­re Bür­ger­rechts­ar­beit deut­scher Sin­ti und Roma« ist bis zum 27. Mai im Gesprächs­raum der Ver­söh­nungs­kir­che auf dem Gelän­de der KZ-Gedenk­stät­te Dach­au zu sehen. Öff­nungs­zei­ten: Mo – Sa 10-16 Uhr, So 12-13 Uhr. Ein­tritt frei. Der­zeit ist die KZ-Gedenk­stät­te Dach­au aller­dings geschlos­sen. Der Aus­stel­lungs­ka­ta­log ist aber auch erhält­lich über www.zentralrat.sintiundroma.de.