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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Szenen einer Ehe

Die künst­le­ri­sche Mei­ster­schaft, um nicht zu sagen, die Genia­li­tät aller drei steht außer Zwei­fel, und doch sind es Indi­vi­dua­li­tä­ten, die ihren Reiz und ihr Pro­fil haben: Wenn von Cla­ra Schu­mann die Rede ist, deren Geburts­tag sich im ver­gan­ge­nen Jahr zum 200. Male jähr­te, ist es unver­meid­lich, die Bezie­hung zwi­schen ihr, Robert Schu­mann und Johan­nes Brahms zu betrachten.

Ganz in die­sem Sin­ne gaben die Ber­li­ner Sym­pho­ni­ker am 23. Febru­ar ein Kon­zert mit dem Marsch Es-Dur von Cla­ra Schu­mann in einer Orche­ster­fas­sung von Juli­us Otto Grimm, mit dem Kla­vier­kon­zert a-Moll von Robert Schu­mann und mit der 4. Sin­fo­nie von Johan­nes Brahms – dies alles unter dem Titel »Fami­li­en­ban­de«. Brahms gehört also zur Fami­lie. Das Pro­gramm­heft sagt denn auch, dass die von den jun­gen Lie­ben­den Cla­ra und Robert lang ersehn­te Ehe von »man­cher­lei fried­lo­sen Epo­chen« gezeich­net war.

Zur glei­chen Stun­de gaben neben­an im Kam­mer­mu­sik­saal die Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker ihren »Phil­har­mo­ni­schen Salon« mit dem Unter­ti­tel »Robert und Cla­ra Schu­mann: Anfang und Ende einer Ehe«.

Künst­ler­ehen machen neu­gie­rig, weil die Ehe­leu­te im land­läu­fi­gen Ver­ständ­nis beson­de­re Indi­vi­du­en sind. Frei­lich haben Künst­ler außer­ge­wöhn­li­che Fähig­kei­ten, Gewohn­hei­ten, Arbeits- und Lebens­be­din­gun­gen. Wenn sie berühmt sind, geht es ihnen gut! Aber kann sich jeder ver­wirk­li­chen, wie er möch­te? So ent­hält das The­ma »Anfang und Ende« unwill­kür­lich auch die Wider­sprüch­lich­keit die­ser Ver­bin­dung. Folg­lich wur­de hier über Höhen und Tie­fen die­ser Ehe eine kla­re Spra­che gespro­chen. Doch zeig­te sich ein fei­ner Unter­schied. Wäh­rend im Pro­gramm­heft (Text Mela­nie Unseld) das Kli­schee einer beson­de­ren Har­mo­nie betont wird, offen­ba­ren sich in den von Imo­gen Kog­ge und Heik­ko Deutsch­mann gele­se­nen Tex­ten die Wider­sprü­che und Brü­che, um nicht zu sagen die Kata­stro­phen in der Ehe der Schu­manns. Die Tex­te beru­hen weit­ge­hend auf den Recher­chen von Caro­li­ne und Uwe Hen­drik Peters sowie von Bea­trix Bor­chard, publi­ziert in den Jah­ren 2013 bis 2015.

Mit Cla­ra und Robert Schu­mann hei­ra­te­ten 1840 zwei Künst­ler­per­sön­lich­kei­ten, die sehr frucht­bar zusam­men­ar­bei­ten konn­ten, zum Bei­spiel bei dem Lie­der­zy­klus »Frau­en­lie­be und Leben« (1843). Auch nach Roberts Tod (1856) lei­ste­te Cla­ra Ent­schei­den­des bei der Her­aus­ga­be sei­nes Gesamtwerks.

Das wesent­li­che Pro­blem die­ser Ehe war das Behar­ren Robert Schu­manns auf der unter­ge­ord­ne­ten Stel­lung der Frau in der Ehe, auf deren Beschrän­kung auf Haus­halt und Mut­ter­schaft und auf das Wohl­erge­hen des Ehe­man­nes. Dabei war Cla­ra als Pia­ni­stin bereits eine Berühmt­heit, Robert aber noch kaum bekannt. Prak­tisch nahm Schu­mann, wenn er kom­po­nier­te, die Arbeits­räu­me und das Kla­vier für sich in Anspruch, so dass Cla­ra nicht zum Üben kam. Die patri­ar­cha­lisch gepräg­te Gesell­schaft bestimm­te auch die Bedin­gun­gen die­ser Ehe. Cla­ra Schu­mann litt dar­un­ter, brach­te aber die Kraft auf, sich gegen die­se Bedin­gun­gen zu weh­ren und ein selbst­be­stimm­tes Leben zu füh­ren – oft nur der Not gehor­chend, um durch ihre Kon­zer­te den Lebens­un­ter­halt für sich, ihre Kin­der und für die Behand­lung ihres Man­nes auf­zu­brin­gen. Dabei mag auch die inni­ge Freund­schaft mit Johan­nes Brahms gehol­fen haben. Die Geschich­te der Ehe der Schu­manns schlüs­sig zu erzäh­len ist schwie­rig. Statt »Anfang und Ende einer Ehe« hät­te man bes­ser den Titel von Ing­mar Berg­manns Film »Sze­nen einer Ehe« gewählt.

Mit der Stel­le als Städ­ti­scher Musik­di­rek­tor in Düs­sel­dorf hat­te Schu­mann die Rie­sen­chan­ce auf schöp­fe­ri­sche Arbeit und ein sor­gen­frei­es Leben, an der er aber wegen sei­ner Füh­rungs­schwä­che schei­ter­te. Hin­zu kam sei­ne psy­chi­sche Erkran­kung, wodurch die vol­le Ver­ant­wor­tung für die Fami­lie auf Cla­ra laste­te. Sie wur­de im Bür­ger­tum ver­teu­felt, weil sie eine Rück­kehr Roberts aus der Heil­an­stalt nicht woll­te. Doch anders hät­te sie sich und ihre sie­ben Kin­der nicht ret­ten können.

Die Ver­an­stal­tung im Kam­mer­mu­sik­saal der Phil­har­mo­nie gestal­te­te sich zu einer Reha­bi­li­tie­rung Cla­ra Schu­manns und zu einer über­zeu­gen­den Cha­rak­te­ri­sie­rung ihrer gro­ßen Per­sön­lich­keit. Für ihr Künst­ler­tum war nicht nur das Kla­vier­spiel prä­gend, son­dern auch ihr Kom­po­si­ti­ons­ta­lent, das sie nach der Ehe­schlie­ßung 25 Jah­re lang ruhen las­sen muss­te. Des­halb war es scha­de, dass im Phil­har­mo­ni­schen Salon nur Aus­zü­ge aus ihrem Jugend­werk »Quat­re Piè­ces carac­té­ri­sti­ques op. 5« (1835) gespielt wur­den (Kla­vier Cor­de­lia Höfer), aber lei­der nicht ihr spät kom­po­nier­tes Werk »Marsch für Kla­vier« (1879/​81). So blieb Roberts Musik domi­nant, und es bleibt der Ein­druck, Cla­ra hät­te seit ihrer Jugend nicht mehr kom­po­niert. (Erfreu­li­cher­wei­se bekam man den Marsch von den Ber­li­ner Sym­pho­ni­kern zu hören. Die hät­ten jedoch ein bes­se­res Gleich­ge­wicht in der künst­le­ri­schen Lei­stung her­ge­stellt, wenn sie statt Roberts Kla­vier­kon­zert das Kla­vier­kon­zert a-Moll op. 7 von Cla­ra Schu­mann gespielt hätten.)

Zwei par­al­le­le Kon­zer­te, die sowohl Musik­ge­nuss als auch Wis­sen ver­mit­tel­ten, waren eine schö­ne Wür­di­gung der eng mit­ein­an­der ver­bun­de­nen Musi­ker Cla­ra und Robert Schu­mann und Johan­nes Brahms.