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Ossietzky-Signet

Herausgegeben von Matthias Biskupek, Rainer Butenschön, Daniela Dahn, Rolf Gössner, Ulla Jelpke und Otto Köhler

Begründet 1997 von Eckart Spoo

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Game over?

Die­ses Buch wird von ganz unter­schied­li­chen Stim­men als »gro­ßer Wurf« und »Weck­ruf«, als ein­drucks­voll und flott geschrie­ben, als Buch, das »Debat­ten aus­lö­sen« wird, geprie­sen – von Gün­ter Wall­raff über Green­peace bis hin zur FAZ. Der Titel »Game over. Wohl­stand für weni­ge, Demo­kra­tie für nie­mand, Natio­na­lis­mus für alle – und dann?« deu­tet schon unsanft dar­auf hin, um was es dem Ver­fas­ser geht.

Hans-Peter Mar­tin, lang­jäh­ri­ger Aus­lands­kor­re­spon­dent des Spie­gel und 15 Jah­re lang unab­hän­gi­ges öster­rei­chi­sches Mit­glied des Euro­päi­schen Par­la­ments, ist Mit­au­tor der frü­he­ren Best­sel­ler »Bit­te­re Pil­len« und »Die Glo­ba­li­sie­rungs­fal­le«. Auch im vor­lie­gen­den Buch geht es ihm um wirk­lich gro­ße Fra­gen, Pro­ble­me und The­men – anschau­lich beschrie­ben und scho­nungs­los ana­ly­siert, nach­voll­zieh­bar belegt mit Daten, Tabel­len und Schau­bil­dern. Für vie­le sicher­lich ein schockie­ren­der Blick in den Abgrund – man­chen viel­leicht zu pes­si­mi­stisch und aus­weg­los. Doch gegen Resi­gna­ti­on und Fata­lis­mus ver­sucht Mar­tin im letz­ten Teil sei­nes Buches anzu­schrei­ben und sei­ne Lese­rin­nen und Leser zu moti­vie­ren, sich poli­tisch zu enga­gie­ren und die Uto­pie einer »gro­ßen, glaub­wür­di­gen Teil­ha­be« mit zu entwerfen.

»Game over« behan­delt zahl­rei­che inter­na­tio­na­le und natio­na­le Ent­wick­lungs­strän­ge und Kon­flikt­fel­der und macht dabei bri­san­te Zusam­men­hän­ge deut­lich. Nur eini­ge Stich­wor­te: Han­dels- und Roh­stoff­krie­ge, Auf­rü­stung und Mili­ta­ri­sie­rung der Gesell­schaft, dro­hen­der neu­er Finanz­crash, Kli­ma­wan­del und -kata­stro­phen, Flucht­ur­sa­chen und Migra­ti­ons­druck, Zer­fall der EU ange­sichts eines euro­päi­schen Trends zu Neo­na­tio­na­lis­mus, Aus­gren­zung und auto­ri­tä­ren »Lösun­gen«, Digi­ta­li­sie­rung und Cyber­at­tacken, staat­li­che und kom­mer­zi­el­le Über­wa­chung zula­sten per­sön­li­cher Frei­hei­ten, extre­me sozia­le und öko­no­mi­sche Ungleich­heit, unbe­zahl­ba­res Woh­nen in Groß­städ­ten und Bal­lungs­zen­tren – die Liste der Zumu­tun­gen und Grau­sam­kei­ten bis hin zum Ver­lust von Demo­kra­tie und Bür­ger­rech­ten lie­ße sich noch län­ger fort­set­zen. Etli­che die­ser Ent­wick­lun­gen und Pro­ble­me beför­dern in den Bevöl­ke­run­gen Euro­pas star­ke (Abstiegs-)Ängste und Unsi­cher­heit, Neo­na­tio­na­lis­mus, Ras­sis­mus und Abschot­tungs­re­fle­xe. Mar­tin hin­ter­fragt in sei­ner Ana­ly­se so man­che gän­gi­gen poli­ti­schen, auch lin­ken Gewiss­hei­ten, Ein­ord­nun­gen und Vor­ur­tei­le – und bür­stet sie gegen den Strich.

Die von Mar­tin ange­spro­che­nen Zukunfts­fra­gen sind, so sagt er selbst, längst bri­san­te Gegen­warts­fra­gen, denn die Zukunft hat bereits begon­nen, und Pro­ble­me har­ren ihrer Lösun­gen, die kei­nen Auf­schub mehr ver­tra­gen. Der Autor lie­fert auch Alter­na­tiv­vor­schlä­ge für die Zukunft, die er in einer »öko­so­zia­len Markt­wirt­schaft« sieht: »Wer die west­li­chen Gesell­schaf­ten in ihrer betö­ren­den Viel­falt ret­ten will, muss jetzt an die Wur­zeln gehen. Was wäre in der der­zei­ti­gen Gemenge­la­ge ver­nünf­ti­ger, als uto­pisch zu den­ken?«. Der Aus­weg kön­ne nur in einem »glaub­wür­di­gen Tei­len« bestehen – »sozi­al, digi­tal, öko­no­misch und poli­tisch«. Hans-Peter Mar­tin hofft nach »Game Over« für das west­li­che Zivi­li­sa­ti­ons­mo­dell, das schon so lan­ge auf Kosten ande­rer lebt, auf ein »Next Game« – in Frie­den, Gerech­tig­keit und Frei­heit. Hof­fen wird da wohl nicht reichen.

Hans-Peter Mar­tin: »Game over. Wohl­stand für weni­ge, Demo­kra­tie für nie­mand, Natio­na­lis­mus für alle – und dann?« Pen­gu­in. Ran­dom Hou­se, 384 Sei­ten, 24 €